Der Himmel ist verhangen, es tröpfelt leicht. Doch beim Durchschreiten des Niedertors in die Ahrweiler Altstadt scheint es, als hätte jemand einen großen Hebel umgelegt. Jetzt regnet es wie aus Kübeln, Wasser spritzt vom Pflaster zurück nach oben, von Markisen und überlasteten Regenrinnen klatscht es sturzbachartig herunter. Am späteren Abend ist der Spuk vorbei, der immer noch vielen Menschen die Angst in die Glieder jagt. Fünf Jahre ist es her, dass anhaltender Starkregen in der Region zu einer Hochwasserkatastrophe mit 135 Todesopfern und einem unfassbaren Ausmaß an zerstörter Infrastruktur führte. Das werden die Menschen noch lange nicht und vielleicht niemals vergessen. Doch das Leben muss weitergehen.
Meike Näkel wirkt so freudig und optimistisch wie eh und je, und besonders freut sie sich über ihren Sekt, der gerade fertig geworden ist. Schaumwein gehört in dem von Spätburgundern geprägten Familienweingut Meyer-Näkel nicht zu den Stammprodukten. Umso erstaunlicher ist es, dass der ohne jede Zuckerschönung auskommende Brut Nature aus Spätburgunder-Trauben mit einem vielschichtigen Bouquet, einer vitalen, wunderbar eingebundenen Säure und phantastischer Länge überzeugt. Auf dem Rückenetikett jedoch finden sich ein paar Angaben, die den Glasinhalt erst einmal zweitrangig erscheinen lassen: Die Trauben stammen von 2019, dem letzten Jahr vor Corona und zwei Jahre vor der Flut. Gefüllt 2020, steht außerdem dort, 68 Monate Hefelager. Wie konnte dieser Sekt so perfekt reifen, während alles um ihn herum buchstäblich in den Sturzfluten unterging?
Rettung vor der Flut in der Baumkrone
Dass es ihn überhaupt noch gibt, liegt daran, dass er in der Flasche reifen durfte. Denn in dem schmucklosen Keltergebäude, in dem Meike Näkel und ihre Schwester Dörte gerade das Rolltor herunterlassen, weil die direkt daneben verlaufende Bundesstraße lärmt, werden die Rotweine allesamt in kleinen Holzfässern gelagert. In der Nacht auf den 15. Juli 2021 wurden diese ausnahmslos weggerissen. Nur neun Fässer überstanden die Flut schadlos, alle anderen verschwanden oder wurden leer und zerstört wiedergefunden, eines davon sogar in den Niederlanden.
Die Schmutzlinie, die die Flut in der Kelterhalle zurückgelassen hat, könnte man leicht übersehen. Zu hoch an der Wand verläuft sie, noch über den Metallgestellen, in denen die Fässer ruhen. Die beiden Frauen mussten das Gebäude, durch das in der dramatischen Nacht ganze Baumstämme knallten, schwimmend verlassen. Es gelang ihnen, sich in den Ästen eines Baumes festzuhalten. Dort verbrachten sie durchnässt die Nacht, während um sie herum alles zugrunde ging, bis sie von der Feuerwehr mit einem Boot gerettet wurden.

Man hat den Eindruck, dass der Weg nach oben ihr Motto geblieben ist. Während die Spätburgunder schon als Ortsweine Spitzenniveau besitzen, strebt nun auch der Schaumwein in die oberste Liga. Noch arbeiten die Winzerinnen und ihr Team in dem wiederhergerichteten Gebäude inmitten eines Sammelsuriums an eigenen und zwischen Flut und Lese 2021 ausgeliehenen und gespendeten Fässern, Pressen, Entrappern. Gerade für Besucher sieht das Kelterhaus mit der nüchternen Adresse Bundesstraße 1G bei Dernau nicht unbedingt einladend aus. Da das Stammhaus im Ort ebenfalls schwer beschädigt wurde und ohnehin sehr klein und versteckt war, wird nun neu gebaut. Jahre der Grundstückssuche, des Schreibens von Anträgen und Finanzierungsfragen liegen hinter den Schwestern, und bald kann es losgehen – aber nicht am Ufer der Ahr. Man möchte nicht mehr nah am Wasser sein, nach oben wird es gehen, in die Weinberge, dorthin, wo man nie mehr von braunen Fluten überrascht werden kann.
Dass es aufwärtsgehen soll, sieht man im buchstäblichen Sinne an vielen Stellen im Ahrtal. So wurde der Veranstaltungskeller unter der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr zugeschüttet und das ganze Gebäude abgerissen. Der großzügige Neubau wird „angehoben“, wie es in der Sprache der Architektur heißt, und mit Dachterrassen und begrünten Dächern ausgestattet. Damit entledigt man sich gleichzeitig mehrerer Probleme. Veranstaltungskeller neu zu bauen, ist in Flussnähe an der Ahr aufgrund des Hochwasserschutzes praktisch verboten. In die Höhe zu gehen, bedeutet weniger Gefahr bei Überschwemmungen. Und schließlich ziehen Menschen heute lichte und moderne Verkostungs- und Veranstaltungsräume klaustrophobischen Kellern vor. Wenn der Neubau fertig ist, werden die Besucher in luftiger Höhe sitzen und auf die spektakuläre Landschaft des von Schiefersteilhängen geprägten Tals schauen können.
Die Geiztriebe werden den Schafen überlassen
Die Bewegung nach oben, um sich für die Zukunft zu wappnen, sieht man in dem sturzflutgefährdeten Tal immer wieder, etwa bei Bertram-Baltes. Das Weingut wurde bei der Flut so stark beschädigt, dass es nicht mehr genutzt werden kann. Bisher führt das unkonventionell arbeitende Ehepaar Julia Bertram und Benjamin Baltes den Betrieb in einem Übergangsgebäude weiter. Doch die höher gelegene Baustelle in der Nähe von Mayschoß ist schon recht weit gediehen und soll einmal unten die Fasskeller, darüber die Weinbereitung und ganz oben Büros und eine moderne Präsentation der Weine umfassen.
Ganz oben am Hardtberg über Dernau zeigt Julia Baltes, wie der Weinbau bei ihnen funktioniert – der kein reiner Weinbau mehr sein soll. Alle paar Rebzeilen werden Obstbäume gepflanzt, hier und da gibt es auch Gemüse. Das Gras im Weinberg wird nicht geschnitten, sondern von Schafen abgefressen. Sie sorgen außerdem für die Düngung, halten mit dem Geruch ihrer Wolle oben am Waldrand Wildtiere fern und knabbern überflüssige Geiztriebe an den Reben ab. Diese wiederum sind so hoch erzogen, dass die Schafe an die Früchte nicht herankommen. Das geringe Laub und die fehlende Bodenwärme sorgen außerdem dafür, dass trotz der zunehmend heißen Sommer die Spätburgunder des Winzerpaars wunderbar leicht im Alkohol ausfallen.

„Die Flut war ein Katalysator“, sagt Sermann, weil sie eine Region, die schon vorher über ihre touristische Zukunft nachdenken musste, gezwungen hat, diese Zukunft schneller und grundsätzlicher zu gestalten. So macht Sermann kein Hehl daraus, dass er etwa den Kristallspiegelsaal in Altenahr nicht vermisst. Dieser Tanzsaal war so etwas wie das Inbild des überkommenen Tourismus an der Ahr – Busgruppen, mittelmäßiger Alkohol in rauen Mengen und Schwoof bis zum Morgengrauen –, von dem manche Betriebe nicht lassen wollten. Bis es dann eben gar nicht mehr ging, weil die Veranstaltungsräume zerstört waren und die Besucher nach der Flut erst einmal komplett ausblieben.
Flussfahrt für Feinschmecker mit prämierten Weinen
Nach oben soll auch wieder die Entwicklung des Tourismus zeigen. Er ist neben dem Weinbau eine der Haupteinnahmequellen des Ahrtals und geht mit ihm meist Hand in Hand, oft sogar unter einem Dach – so wie bei Lukas Sermann, der in Altenahr neben seinem Weingut auch das Restaurant „Thüres“ führt und zwei Gästezimmer hat. Und als ob das nicht reichen würde, ist der Enddreißiger außerdem Vorsitzender des Vereins Ahrwein, eines Zusammenschlusses der Gebietswinzer, die den Wein und die Region verbinden und das Image der Ahr als Tourismusgegend weiterentwickeln wollen.
Langsam kehrt der Tourismus zurück in das flussaufwärts sich dramatisch verengende Tal zwischen Remagen und Ahrbrück. Die Zahl der Übernachtungsgäste lag im vergangenen Jahr bei 886.000, 2019 waren es 1,4 Millionen. Die Zahl der Tagesbesucher hingegen war mit drei Millionen nicht mehr weit entfernt von den 3,4 Millionen vor der Flut. Zwar gibt es nach wie vor Weinfeste, bei denen exzessiv gefeiert wird, gerne auf Anhängern, die – vollbesetzt mit fröhlichen Zechern – im Schritttempo durch das Tal gezogen werden. Doch sie gehören inzwischen eher zu den Raritäten. Stattdessen sind thematische Rundwanderwege wie die sogenannten Ahrschleifen angelegt worden. Und mit dem geplanten Bau einer Hängebrücke und eines Skywalk hoch über dem Tal folgt man gleichfalls dem Trend der Zeit.
Auch sonst geschieht viel Neues: Man kann jetzt eine Rheinkreuzfahrt mit Fünf-Gänge-Menüs und korrespondierenden, prämierten Ahr-Weinen buchen oder sich bei den „AhrWeinWalks“, einer Mischung aus Verkostung und geführter Wanderung, über Weinbau, Geologie und Flutfolgen informieren. Überarbeitet wurde außerdem der Tag der Offenen Weinkeller, bei dem die Besucher nicht nur die Weine, sondern jetzt auch die Menschen dahinter und ihre Betriebe kennen lernen und damit ein tieferes Verständnis für das Kulturgetränk bekommen. Man setzt man nun auf kleinere Gruppen, direkteres Erleben etwa durch anfassbares Bodengestein oder Riechstationen. Dass diese Form des Tourismus funktioniert, zeigt sich daran, dass der nächste Termin laut der Homepage von Ahrwein-Vereins schon restlos ausverkauft ist. Er findet im April 2027 statt.

Dass man die neu entstandenen Chancen nutzen muss, findet auch Astrid Rickert, Kellermeisterin der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr. So konnte eine für Lieferungen wichtige Straße neben dem Keltergebäude endlich gebaut werden. Vorher standen hier zwei Häuser. Auch in der Winzergenossenschaft versteht man die Katastrophe als Katalysator und will keine Rückkehr zum Alten. So hat die 1868 gegründete Kooperative zuletzt wieder viele kleine Erzeuger unter ihre Arme genommen und damit ihre Anbaufläche deutlich erweitert.
Denn viele Winzer können oder wollen ihre Trauben nicht mehr selbst verarbeiten und vermarkten. Das hat auch mit dem veränderten Fremdenverkehr zu tun. Früher hatten die Winzer ein gutes Auskommen, weil die Touristen in Scharen mit dem Auto kamen und sich den Kofferraum voller Weinkisten packten. Heute hat das Ahrtal nicht nur mit weniger Besuchern, sondern auch mit einem stetig sinkenden Weinkonsum zu kämpfen. Und dass besonders die Nachfrage nach Rotwein nachlässt, trifft das für seine Spätburgunder bekannte Tal besonders hart.
Qualität statt Quantität ist die einzige Lösung, davon sind die meisten Menschen im Tal überzeugt. Deswegen begrüßen sie auch den Neubau des Dorint-Hotels in Bad Neuenahr. Anstelle des Kurhotels aus den Achtzigerjahren entsteht ein hochwertigeres Haus, die Eröffnung ist für nächstes Jahr geplant. Im Ahrtal wird es, neben anderen Hotels, sehnsüchtig erwartet. Denn die Übernachtungszahlen, die besonders wichtig für einen nachhaltigen Tourismus sind, liegen nicht nur wegen mangelnden Interesses potentieller Besucher noch zurück. Es liegt auch an fehlenden Übernachtungskapazitäten. Im Vergleich zu 2019 gibt es heute 1400 Betten weniger, was die touristische Entwicklung im Ahrtal weiterhin einschränkt. Und dass Investoren wieder Geld in Hotels stecken, bedeutet für die Region nicht nur eine Linderung des Beherbungsengpasses. Es ist auch ein Signal dafür, dass man dem Ahrtal den Aufschwung zutraut.
Unmittelbar nach der Flut warb die Region mit der Kampagne „We AHR open“, um deutlich zu machen, dass Besucher trotz des Ausnahmezustands willkommen sind. Jetzt geht das Ahrtal‑Marketing den nächsten Schritt. „Ahrtal. Wieder im Fluss“ lautet der neue Slogan, der sowohl die Erfolge des Wiederaufbaus als auch die Neuorientierung sichtbar machen will, wenngleich beides noch lange nicht abgeschlossen ist. Doch gerade, weil sich die Kräne und Betonmischer noch immer drehen, braucht man die Touristen dringender denn je. „Kommt!“, lautet die eindeutige Botschaft, man hat geöffnet, man empfängt die Besucher mit offenen Armen. Verständnis sollte man allerdings dafür aufbringen, dass viele Winzer nicht mehr zeigen möchten, wie hoch das Wasser damals stand. Es schmerzt, immer wieder zurückzuschauen. Der Blick muss nach vorne gehen.
