Einigkeit und Recht und Freiheit. Mit diesen Worten beginnt am Freitagmorgen die Zeremonie, für die Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ins texanische Fort Worth gekommen ist. Der Houston Sängerbund singt erst die deutsche und dann die amerikanische Nationalhymne. Wenig später fällt hinter der Bühne und begleitet von dramatischer Musik ein schwarzer Vorhang, und der Blick wird frei auf den ersten Kampfjet des Typs F-35, der an die Bundeswehr ausgeliefert wird. Pistorius kommt auf die Bühne und sagt: „Danke für die Gänsehaut.“ Und während seiner Rede dreht er sich mehrmals um, um den Neuzugang für die deutsche Luftwaffe zu begutachten.
Es ist ein großer Tag sowohl für die Bundesregierung als auch für Lockheed Martin, den Hersteller des Tarnkappenjets der fünften Generation. In der Produktionshalle in Forth Worth, die mehr als eine Meile lang ist, hängen mehrere Bildschirme, in denen auf die Feier zur Übergabe der ersten F-35 hingewiesen wird. Im Moment entstehen hier zehn Exemplare für die Bundeswehr. Die deutsche Regierung hat eine riesige Delegation nach Texas entsandt.
Die Übergabe der ersten F-35 hat enormen Symbolwert, zumal sie in einem politisch sehr sensiblen Moment kommt. Deutschland schafft die Kampfjets mit dem ausdrücklichen Ziel an, „glaubwürdige Bündnisfähigkeit“ zu demonstrieren. Sie sind für die sogenannte nukleare Teilhabe gedacht, einem wichtigen Element der Abschreckungsstrategie der NATO. Ländern wie Deutschland kommt dabei die Rolle zu, amerikanische Atomwaffen auf ihrem Gebiet zu lagern und im Ernstfall zu ihrem Ziel zu bringen. Diese Aufgabe als mögliche Atomwaffenträger übernehmen bislang Tornado-Jets, künftig soll es die F-35 sein.

Freilich ist es in einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump regelmäßig mit traditionellen Verbündeten seines Landes auf Konfrontationskurs geht und auch die NATO selbst in Frage stellt, um einiges brisanter geworden, ein Kampfflugzeug aus amerikanischer Herstellung zu kaufen. Richard Aboulafia von der Branchenberatung Aerodynamic Advisory beschreibt Trumps Politik als „Abrissbirne“ für die exportierende amerikanische Rüstungsindustrie.
In Fort Worth geben sich am Freitag aber alle Seiten Mühe, harmonische Töne anzuschlagen. Dan Zimmerman aus dem Verteidigungsministerium lobt Deutschland als einen „Modellverbündeten“. Minister Pistorius nennt die F-35 einen „lebenden Beweis für die Kraft der transatlantischen Partnerschaft“ und sagt: „Ich vertraue der amerikanischen Administration.“
Er beschreibt die Absichtserklärung für eine engere Rüstungszusammenarbeit, die er in dieser Woche mit seinem US-Kollegen Pete Hegseth unterschrieben hat, als Zeichen dieses Vertrauens. Es gebe „wechselseitige Abhängigkeiten“, und auch die Amerikaner hätten ein Interesse an einem fortdauernd engen Bündnis. „Einseitige Aufkündigungen oder Infragestellen dieses Projekts würden dazu führen, dass auch das Vertrauen in die amerikanische Rüstungsindustrie beschädigt wird.“ Wiederholt wird am Freitag auch darauf hingewiesen, dass der deutsche Rheinmetall-Konzern in die Produktion der F-35 eingebunden ist. Er stellt im nordrhein-westfälischen Weeze Rumpfteile für den Jet her.
Pistorius beschreibt den Kauf der F-35 als wichtigen Schritt, „die kollektive Abschreckung und Verteidigung zu stärken“, gerade gegenüber Russland. „Die Bedrohung, die Russland darstellt, ist dringlich und hat eine neue Dimension angenommen. Deutschland hat den Weckruf gehört, und wir antworten darauf.“ Pistorius hebt hervor, dass Deutschland seine Verteidigungsausgaben im vergangenen Jahr deutlich angehoben habe.
„Eine neue Ära der Luftmacht“
Die F-35 gilt als modernstes Kampfflugzeug der Welt und ist in den USA das teuerste Rüstungsprogramm aller Zeiten. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie nur schwer von Radarsystemen erkannt werden kann, unter anderem wegen ihrer speziellen Form und Lackierung. „Die F-35 kann an Orte fliegen, wo andere Kampfjets einfach nicht hinkönnen“, sagt Ryan „Cujo“ Blake, ein Testpilot für das Flugzeug, der früher bei der amerikanischen Luftwaffe war. Dank eines komplexen Sensorensystems sei der Jet zudem in der Lage, „die richtigen Ziele zu finden und sehr präzise zu verfolgen“. Minister Pistorius sagt, die F-35 werde „eine neue Ära der Luftmacht für die deutsche Luftwaffe“ einläuten.
Wegen hoher Kosten und Qualitätsmängeln ist die F-35 aber auch seit langem umstritten. Lockheed Martin bekam den ersten Auftrag von der amerikanischen Regierung für das Militärflugzeug schon 2001. Die Entwicklung dauerte dann aber viel länger als gedacht, 2015 wurde der Jet erstmals von der Luftwaffe in Betrieb genommen. Das Programm ist auch viel teurer geworden als erwartet. Die US-Regierung schätzt heute allein die Ausgaben für die Anschaffung der Jets auf mehr als 440 Milliarden Dollar, fast doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Inklusive Ausgaben für den laufenden Betrieb und Instandhaltung wird über den gesamten Lebenszyklus der Flugzeuge hinweg sogar mit mehr als zwei Billionen Dollar gerechnet. Insgesamt wollen die USA rund 2500 Exemplare der F-35 kaufen, davon sind heute rund 800 in Betrieb.
Steigende Kosten
Neben den USA haben mittlerweile 19 andere und traditionell verbündete Länder den Kampfjet bestellt. Der Auftrag aus Deutschland kam 2022, die Bundesregierung will bislang insgesamt 35 Maschinen anschaffen. Die Kosten werden auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt, das Geld soll aus dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr bezahlt werden. Auch hierzulande zeichnet sich schon ab, dass das F-35-Programm erheblich kostspieliger wird als zunächst gedacht. Die Ausgaben für den notwendigen Umbau des Militärflughafens im rheinland-pfälzischen Büchel, wo die US-Atomwaffen gelagert sind und die Jets stationiert werden sollen, werden mittlerweile auf zwei Milliarden Euro geschätzt und damit mehr als doppelt so hoch wie ursprünglich veranschlagt. Für den Anstieg werden unter anderem erhöhte Sicherheitsanforderungen der USA verantwortlich gemacht. Die Umrüstung in Büchel läuft derzeit auf Hochtouren, die ersten F-35-Jets sollen hier im nächsten Jahr ankommen. Zunächst werden die Flugzeuge zum Pilotentraining zu einem Militärflughafen im US-Bundesstaat Arkansas gebracht.
Rein formell ist die Anschaffung der Tarnkappenjets für die Bundeswehr ein Geschäft mit der amerikanischen Regierung, und Lockheed Martin führt den Auftrag aus. Auch das Werk in Forth Worth gehört der US-Regierung, der Rüstungskonzern ist Mieter.
Die Fähigkeiten der F-35 werden zwar weithin anerkannt, aber Lockheed Martin muss sich auch immer wieder Qualitätsmängel vorhalten lassen. Das Government Accountability Office (GAO), eine Art staatliche Wirtschaftsprüfungsbehörde in den USA, moniert regelmäßig Defizite und sieht sogar eine Tendenz nach unten. In einem kürzlich vorgelegten Bericht schrieb sie, das Flugzeug sei im vergangenen Fiskaljahr nur in 25 Prozent seiner Einsatzzeit in der Lage gewesen, alle seine Missionen zu erfüllen. Vier Jahre zuvor seien es noch 38 Prozent gewesen. Für den Rückgang macht die Behörde einen Mangel an Ersatzteilen, Schwierigkeiten mit Software und Korrosion verantwortlich. In den nächsten fünf Jahren sollen nun zusätzliche 13 Milliarden Dollar ausgegeben werden, um die Schwachstellen zu beheben.
„Veränderte Rahmenbedingungen“
Angesichts zunehmender Spannungen im Verhältnis zur Trump-Regierung wird in einigen Ländern verstärkt hinterfragt, ob Rüstungsgeschäfte mit den USA noch ratsam sind. In Kanada stieß Premierminister Mark Carney schon im vergangenen Jahr mit Hinweis auf „veränderte Rahmenbedingungen“ eine Überprüfung der F-35-Bestellungen an, die bis heute andauert. Nachdem sich der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada in den vergangenen Wochen weiter verschärft hat, kamen weitere Forderungen aus der kanadischen Politik, das Geschäft zu überdenken. Kanada hat 88 F-35-Jets bestellt und ist damit einer der wichtigsten Kunden.
Branchenberater Aboulafia sagt, die F-35 sei im Vertrauen auf stabile Bündnisse gebaut worden, aber diese Verlässlichkeit sei heute nicht mehr gegeben, und das sei „tragisch“. Lockheed Martin bringe dies in eine schwierige Position. „Ihr ganzes Geschäftsmodell beruht ja darauf, Waffen für die USA und ihre Verbündeten zu produzieren. Aber sie können ja schlecht die amerikanische Außenpolitik öffentlich kritisieren.“ Zwar müsse Lockheed Martin angesichts begrenzter Produktionskapazitäten seiner wichtigsten Wettbewerber im Moment noch keine spürbaren Umsatzeinbußen fürchten. Dies könne sich aber in einigen Jahren ändern, gerade wenn neue Kampfjetprogramme auf dem Markt hinzukommen, beispielsweise das „Global Combat Air Programme“ (GCAP), ein Gemeinschaftsprojekt von Großbritannien, Italien und Japan. Dieses Flugzeug soll 2035 den Betrieb aufnehmen.
Mit Blick auf die F-35 ist oft die Frage gestellt worden, ob die Amerikaner bei Flugzeugen unliebsam gewordener Länder einen „Kill Switch“ aktivieren könnten, also eine Art Schalter, um die Maschinen lahmzulegen. Das Pentagon hat die Existenz eines solchen Mechanismus bestritten, aber Aboulafia zufolge muss das nicht viel bedeuten. Die F-35 sei schließlich ein elektronisch vernetztes Gerät, daher sei davon auszugehen, dass sich ihr Betrieb beeinträchtigen lasse. Zudem könne die US-Regierung anderen Ländern den Zugang zu Ersatzteilen oder Softwareupdates verweigern. Als Trump im vergangenen Jahr die F-47 vorstellte, einen anderen Kampfjet, sagte er, an bestimmte verbündete Länder werde sein Land womöglich eine um zehn Prozent weniger leistungsfähigere Variante verkaufen. „Vielleicht werden sie ja eines Tages keine Verbündeten mehr sein.“
Es wird weithin spekuliert, dass Deutschland weitere Exemplare der F-35 bestellen könnte, gerade auch nach dem Scheitern des deutsch-französisch-spanischen Kampfjetprogramms FCAS. Pistorius sagt in Fort Worth, eine Entscheidung darüber solle in den nächsten Monaten getroffen werden. Für die F-35 spreche, dass sie zeitlich schneller zur Verfügung stünde als Alternativen, die noch entwickelt werden müssen. Generalleutnant Holger Neumann, der Inspekteur der Luftwaffe, stellt sich jedenfalls darauf an, dass die deutsche F-35-Flotte schnell wachsen wird. Das jetzt übergebene Flugzeug mit der Nummer 35-01 werde nicht lange alleine bleiben. „Viele weitere werden folgen.“
