Alle paar Sekunden wischt das Licht eines Autos über die Tische. Neben mir rattert die Straßenbahn, gegenüber schickt ein Thai-Imbiss seinen Essensgeruch über die Kreuzung. Freitag Abend, Bahnhofsviertel, Ecke Elbestraße. Links von mir überwiegen Frauenstimmen, gegenüber feiern zwei Freunde ihren Männerabend. Es geht um Fußball. Ich sitze am einzigen freien Tisch – einem für vier.
„Menschen, die sich jedes Wochenende in die Nacht stürzen, sind einsame Menschen“, hat mein Vater einst gesagt. Wer ständig ausgehe, suche doch nur Gesellschaft. Ich habe ihm damals nicht widersprochen. Seitdem sitzt an solchen Abenden sein Satz mit am Tisch.
Es gab eine Zeit, in der mich das Überwindung gekostet hat: sich mitten ins Geschehen zu begeben und der Einzige zu sein, der allein ist. Das ist längst vorbei. Heute setze ich mich mit Absicht mitten aufs Spielfeld. Die teils sogar mitleidigen Blicke halte ich aus.
Zwischen den Tischen arbeitet eine Kellnerin, die jeden behandelt, als würde sie ihn seit Jahren kennen. Mich kennt sie nicht. Das Gefühl entsteht trotzdem. Drei Stühle stehen frei an meinem Tisch. Es dauert nicht lange, da wird der erste mit einem fast entschuldigenden Lächeln an den nächsten, übervoll besetzten Tisch gezogen.

Ich drehe mir eine Zigarette – wobei mir Tabak auf mein schwarzes T-Shirt bröselt. Das Muster sieht aus, als hätte ein französisches Modehaus es bestickt. Hinter mir ziehen Gesprächsfetzen vorbei. Es ist eine der wenigen Stunden der Woche, in denen ich mich so frei fühle wie sonst nie.
Ich stehe auf und gehe. Einfach so. Ich muss mich nicht absprechen, ich muss nichts erklären. Wenn mir der Abend nicht gefällt, liegt es nur an mir, das zu ändern. Heute gefällt er mir sogar. Ich gehe trotzdem.
Nächster Halt, nächster Club. Drinnen: hohe Decken, ein DJ-Pult, aus dem Musik kommt, obwohl niemand daran steht, Lampen, die wärmen wie jene über einer Küchentheke. Es ist kurz vor elf und fast leer. Ich bestelle und geselle mich draußen an einen Tisch, an dem eine Gruppe älterer Herrschaften sitzt. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, frage ich. „Gerne doch“, sagt eine ruhige Stimme. Während die Straßenbahn die Straße durchstreift, sitze ich da und genieße die frische Luft. Niemand fragt, warum ich allein bin. Vielleicht, weil an diesem Tisch gerade niemand allein ist.
Vielleicht ist das das Missverständnis beim Alleinausgehen: Ich verbringe den Abend nicht ohne Menschen. Ich komme nur ohne sie. Ich muss niemanden fragen, ob wir bleiben, gehen oder noch irgendwohin weiterziehen. Wenn ich will, sitze ich zehn Minuten später an einem anderen Tisch. Später gehe ich rein und setze mich an die Ecke des Tresens, dorthin, wo man sitzt und trotzdem verschwindet. Verschollen am Tresen: mein Lieblingsplatz in jeder Bar dieser Stadt.
Neben mir höre ich kurz: „Es ist noch zu früh.“ Wofür, denke ich – und schaue auf die Uhr. Kurz nach elf. Die Bar ist noch fast leer. Keine halbe Stunde später ist sie voll. Es sind diese merkwürdigen dreißig Minuten, in denen Frankfurt seine Passagiere der Nacht scheinbar gleichzeitig irgendwo aussteigen lässt. Ich denke wieder an den Satz meines Vaters – und daran, wie sehr ich ihm heute widersprechen würde. Alleinsein beschreibt, wie man kommt; Einsamkeit, ob einem dabei jemand fehlt.
