
Die neue deutsche Malariaangst, die mit sachdienlicher Unterstützung der Boulevardpresse im Land grassiert, trifft Deutschland nicht unerwartet. Viele Erkrankte und ein Todesopfer in Frankfurt-Schwanheim, sechs Kilometer vom Flughafen entfernt, sind fürwahr Grund genug, nach dem Warum und dem Wie-weiter zu fragen. Moskitonetze, Malariaprophylaxe, medizinische Versäumnisse, alles wird diskutiert. Damit ist klar: Mit den eingeschleppten etwa tausend Touristen-Malariafällen, die jedes Jahr festgestellt werden, können diese Fälle von „Flughafenmalaria“ wenig zu tun haben.
Es stellen sich also brisante Fragen. Die lapidare epidemiologische Lagebeschreibung hebt sich davon in ihrer Nüchternheit allerdings radikal davon ab: Ja, es gibt Malaria, aber Deutschland ist kein Malariagebiet. Und wird vorerst auch kein Endemiegebiet werden. Nicht einmal der galoppierende Klimawandel, der die Malariaausbreitung in vielen anderen Weltregionen antreibt, dürfte Verhältnisse schaffen, wie sie in den Jahrzehnten vor 1950 im Land herrschten. Bis dahin etwa gab es die Malaria in Deutschland. Davor war die sozioökonomische Lage im Land so, dass es den robusteren Parasitenerregern und winterfesten Anopheles-Mücken möglich war, die Seuche am Köcheln zu halten: Hygienemängel, Armut, unkontrollierte Viehhaltung, riesige Marsch- und Feuchtflächen – das alles hat die Parasitenpopulationen am Leben erhalten.
Eine neue Massenvermehrung muss niemand fürchten
Nach der radikalen Mückenbekämpfung war es vorbei, das Land erholte sich auch wirtschaftlich. Heute ist Deutschland reich, sauber, die Anopheles-Brutstätten spärlich, und die Medizin ist so viel weiter, dass man eine neue Massenvermehrung nicht fürchten muss. Die düsteren Malariazeiten sind also Geschichte, stabile Infektionsketten schon wegen des komplizierten Lebenszyklus des Erregers in Mücke und Mensch wenig wahrscheinlich.
Was den schrillen Malariaalarm nun von früheren Infektionsroutinen abhebt, hat deshalb mehr mit der klimabedingten Ultrahitze als mit den Malariarealitäten zu tun. Die Erwärmung hilft den verirrten Mücken von Schwanheim und sie speist auch die Malariaängste. Mit den steigenden Tag- und Nachttemperaturen (Klimawandel!) suchen sich tropische Erreger und ihre Überträger ihre Nischen in ganz Europa. Bürgerinitiativen gegen die Asiatische Tigermücke sind entstanden, und medizinische Dienste melden immer öfter fern geglaubte Virusinfektionen – von Dengue, Zika bis Chikungunya. So gesehen sind die ausgebüchsten Malariamücken nichts weniger als die Vorhut einer erwartbaren und durchaus begründeten Seuchenangst.
