Selten zeigt sich Willi Loose so stolz und zufrieden wie in diesen Tagen. Derjenige, der seit Jahrzehnten Frankfurter Verkehrspolitik kritisch begleitet, will dieses Mal ausgelassen feiern und lädt gemeinsam mit früheren Mitstreitern alle Frankfurter ein, an diesem Freitag sich auf dem Paulsplatz mit ihnen zu freuen: Denn vor 40 Jahren, im September 1986, wurden von Amts wegen die Pläne der Stadt Frankfurt gestoppt, alle Straßenbahnen aus der Innenstadt zu verbannen. Die U-Bahnen sollten den öffentlichen Nahverkehr alleine übernehmen, Straßenbahnen nur noch in den Stadtteilen fahren und als Zubringer die Fahrgäste bis zur nächsten S- oder U-Bahn-Station bringen.
Das Schlagwort war die „schienenfreie Innenstadt“. Straßenbahnen, sagt Loose, galten als unmodern und als Relikte aus einer alten Zeit, die jetzt den Autoverkehr nur störten. Für ihn waren es die letzten Ausläufer der aus den sechziger Jahren stammenden Idee der autogerechten Stadt. Frankfurt war nicht die einzige Stadt, die diesen Weg einschlagen wollte, auch andere Kommunen reduzierten in diesen Jahren ihre Straßenbahnlinien oder stellten den Betrieb sogar ganz ein. Erst in den vergangenen 20 Jahren erlebte die Straßenbahn vielerorts, angestoßen durch das Beispiel französischer Städte, eine Renaissance.
„Unsere 1985 gegründete Aktion ‚Rettet die Straßenbahn‘, der sich 24 offizielle Unterstützergruppen anschlossen, das ist der größte Erfolg, den Bürger je in der Verkehrspolitik in Frankfurt erreicht haben“, sagt der heute 74 Jahre alte Loose, einst einer der Sprecher der Aktion. Dabei will er den Radentscheid aus dem Jahr 2018 nicht kleinreden, den 40.000 Frankfurter unterstützten und der die Frankfurter Radverkehrspolitik maßgeblich veränderte. Doch am Ende habe „Rettet die Straßenbahn“ den Erhalt des gesamten Straßenbahnnetzes in Frankfurt gesichert.

65.000 Frankfurter und Bürger aus dem Umland unterschrieben den Aufruf seinerzeit und machten damit deutlich, dass sie das bis dahin für die Stadtteile bedeutendere Nahverkehrsmittel mit einer umsteigefreien Verbindung in die Innenstadt behalten wollten. Zwar wurden dann doch viele Strecken aufgegeben. Aber die Aktion „Rettet die Straßenbahn“ konnte verhindern, dass die Straßenbahn gänzlich aus der Innenstadt verschwand.
Erfolgreichster Vorstoß von Bürgern in der Verkehrspolitik
Loose ärgert es, dass die Stadt Frankfurt diese Leistung der Bürger bis heute nicht anerkennt. Zwar hat sich der neue Frankfurter Verkehrsdezernent Yannick Schwander (CDU) zur Feier auf dem Paulsplatz, die an diesem Freitag um 16 Uhr beginnt, angekündigt. Doch wäre es nach Loose gegangen, hätte die Stadt die Veranstaltung zu ihrem eigenen Fest gemacht. Vor allem hätte er erwartet, dass die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF), heute für den Straßenbahnbetrieb auf den verbliebenen 67 Kilometer Strecke zuständig, mit dabei ist. Schließlich hat sie gerade erst moderne Straßenbahnwagen erworben und führt damit die „Trambahn“, wie die Frankfurter sie einst genannt haben, in die Zukunft. Stattdessen feiert die VGF einen Tag später andernorts ihr dreißigjähriges Bestehen mit einem großen Fest.
Doch was ist damals, in den Jahren 1985 und 1986, geschehen, dass die F.A.Z. seinerzeit schrieb, dass sich eine „gewisse Volksstimmung erhob“? Der damalige Frankfurter Verkehrs- und Tarifverbund (FVV) bestätigte im Sommer 1985 mit Zustimmung der Stadt, dem Land Hessen und dem Bund, das Konzept der „schienenfreien Innenstadt“ zu verwirklichen. Nur wenige Wochen später bildete sich die Bürgerinitiative „Rettet die Straßenbahn“. Loose erinnert sich, dass in der Stadt von Anbeginn eine breite Unterstützung zu spüren gewesen sei, und zwar nicht nur von einzelnen Personen, sondern auch von Institutionen wie der Arbeiterwohlfahrt, dem BUND und dem Regionalverband der Evangelischen Kirche. Aber auch Altenheime und ihre Bewohner schlossen sich der Bewegung an.

„Wir haben dann unter Hochdruck ein Bürgerbegehren vorbereitet“, berichtet Loose. Am ersten verkaufsoffenen Samstag vor Weihnachten begann die Initiative mit der Sammlung von Unterschriften. „Im März 1986 war für uns klar, das Bürgerbegehren ist nicht mehr aufzuhalten.“ Ende Juni hatten sie die für das Quorum notwendigen 42.000 Unterschriften zusammen. Am 7. August übergeben sie offiziell und von Medien begleitet elf Kisten mit den Unterschriftenlisten der Stadt Frankfurt. „Kein offizieller Vertreter des Magistrats erschien“, notierte Loose.
Inzwischen hatte die Stadt Frankfurt festgelegt, parallel zur feierlichen Eröffnung der neuen U-Bahn-Linien U 6 und U 7, also der neuen Ost-West-Verbindung durch Frankfurt, die durch die Innenstadt führenden Straßenbahnlinien aufzugeben. In der Nacht vom 28. auf den 29. September 1986 sollten Weichen verschweißt und Teile der Oberleitung abgenommen werden, „um das Straßenbahnnetz in der City unbrauchbar zu machen“, wie die F.A.Z. schrieb.
Die CDU stimmt für die Abschaffung
Im Sommer gab es erste Anstöße, die Politik solle eine Denkpause einlegen. Doch Wolfram Brück (CDU), Nachfolger von Walter Wallmann als Frankfurter Oberbürgermeister, hielt am einmal eingeschlagenen Kurs fest. „Brück steuert einen harten Kurs“, schrieb die F.A.Z. Offenbar nehme er den Straßenbahnstreit als erste Bewährungsprobe wahr. Ende August lehnte die CDU-Mehrheit im Stadtparlament den Antrag zur Erhaltung der Straßenbahn in der Frankfurter Innenstadt ab.
Jetzt schaltete sich der Darmstädter Regierungspräsident ein, ein SPD-Politiker. Am 12. September verfügte er, dass wenigstens die Straßenbahnlinien auf der sogenannten Altstadtstrecke auf der Braubachstraße erhalten bleiben müssten. Inzwischen hatte sich der Konflikt so verschärft, dass er bundesweit für Schlagzeilen sorgte, vom „Frankfurter Streit“ war die Rede: U-Bahn versus Straßenbahn.

Brück reagierte beleidigt, erinnert sich Loose. Er sagte das geplante große Fest in allen Stadtteilen zur Eröffnung der beiden neuen U-Bahn-Linien ab. Um den Konflikt nicht auch noch politisch eskalieren zu lassen, in Wiesbaden regierte die erste rot-grüne Landesregierung, einigte sich der Regierungspräsident mit der Stadt Frankfurt: Am 10. Oktober wurden die neuen U-Bahn-Linien eröffnet, aber es sollte nur noch eine einzige Straßenbahnlinie auf der Altstadtstrecke fahren: die Linie 11 von Fechenheim über die Hanauer Landstraße unter Einbeziehung eines neuen Stopps an der neuen U-Bahn-Haltestelle am Zoo und weiter über die Braubachstraße und nur noch bis zur Südseite des Hauptbahnhofs und nicht mehr weiter nach Höchst.
Nach der Kommunalwahl 1989 beschloss die erste rot-grüne Stadtregierung, die Straßenbahn auch in der Innenstadt wieder auszubauen mit der Haltestelle an der Konstablerwache. Heute verkehren drei Straßenbahnlinien auf der Braubachstraße, die damit längst wieder eine der Hauptachsen des Schienennetzes ist. Aber nur, weil 1986 der Abbau dieser Strecke verhindert wurde.
