
Die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow, die Präsident Putin im Kriegsjahr 2023 aus der Moskauer Tretjakow-Galerie der russisch-orthodoxen Kirche übergeben hat, ist in einem kritischen Zustand. Das im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entstandene Bildwerk war vor der Übergabe in einen speziellen Glaskasten platziert worden, der es vor der Feuchtigkeit in der Kathedrale des Sergius-Klosters nördlich von Moskau schützen sollte, seinem neuen Aufbewahrungsort. Dort wurde es in die Ikonostase integriert. Doch die in Deutschland hergestellte Vitrine war vor einigen Monaten kaputtgegangen, und nachdem ein eigens aus Deutschland angereister Fachmann sie repariert hatte, nahm sie abermals Schaden. Ein zweites Mal könne dieser Experte wegen der „Schwierigkeiten der internationalen Beziehungen“ nicht eingeladen werden, meldet die russische Exiljournalistin Xenia Loutchenko, eine anonyme russische Quelle zitierend.
Durch Luftfeuchtigkeit und Austreten von Leim droht die Ikone auseinanderzubrechen
Für den stabilen Zustand der Ikone ist eine Luftfeuchtigkeit von 50 bis 55 Prozent akzeptabel, in der Klosterkirche beträgt diese aber achtzig Prozent, außerdem ist die Temperatur zu hoch. Infolgedessen haben die Holztafeln Feuchtigkeit aufgenommen, und die Malschicht ist hervorgetreten. Außerdem treibt das aufgequollene Holz in den Fugen, wo die drei Tafeln aneinandergrenzen, den Leim zwischen ihnen hervor, wie ein Foto zeigt, das der Mediävist Oleg Woskoboinikow auf Facebook veröffentlichte. Inzwischen wurde die Dreifaltigkeitsikone in eine Werkstatt gebracht, wo Fachleute der Tretjakow-Galerie ihren Zustand untersuchen, gab das Museum bekannt. Das Sergius-Kloster kündigt freilich an, die Ikone werde schon bald wieder an ihren Platz in der Ikonostase zurückkehren.
Die Ikone mit den drei alttestamentlichen Gästen, die bei Abraham und Sarah einkehrten, gilt nicht als wundertätig, sie wird für ihren künstlerischen Wert geschätzt. Rubljow schuf sie für das Sergius-Kloster, wo sie im Laufe der Jahrhunderte aber immer wieder „erneuert“, das heißt übermalt wurde. Die leuchtend-transparente Farbigkeit des Urzustandes wurde erst nach der Oktoberrevolution von wissenschaftlichen Restauratoren 1918 freigelegt. So besteht die Gefahr, dass Russlands heutige Kirche ein Sakralkunstwerk zugrunde richtet, das die atheistische Sowjetmacht ans Licht der Welt gebracht hat.
