
Sie arbeiten am Bau, auf Fischerbooten oder in der Rüstungsproduktion, zwölf bis 18 Stunden am Tag, nicht selten sieben Tage die Woche. Nordkoreas Auslandsarbeitskräfte sind für das Regime in Pjöngjang schon lange eine wichtige Einnahmequelle. Bis zu 100.000 Arbeitskräfte sind im vergangenen Jahr in 17 verschiedenen Ländern im Einsatz gewesen. Zwischen 450 und 800 Millionen Dollar sollen sie für Pjöngjang erwirtschaftet haben, trotz zweier UN-Sanktionen, die diese Praxis eigentlich verbieten. Das geht aus dem Bericht eines multinationalen Sanktionsüberwachungsteams hervor, dem Deutschland, die Vereinigten Staaten und neun weitere Länder angehören.
Die Autoren des Berichts sprechen von „staatlich auferlegter Zwangsarbeit“ und einer „systematischen Umgehung“ von UN-Sanktionen. Die Einkünfte der Arbeiter flössen fast vollständig an das Regime um Diktator Kim Jong-un und würden für die Finanzierung seiner Atomwaffen- und Raketenprogramme genutzt. Das Überwachungsteam wurde 2024 von mehreren Staaten eingerichtet, nachdem eine entsprechende Organisation des UN-Sicherheitsrats zur Überwachung der Sanktionen gegen Nordkorea aufgelöst worden war. Russland hatte damals ein Veto gegen die Verlängerung von dessen Mandat eingelegt. Da die Einrichtung auf verschiedene Geheimdienstinformationen und Befragungen zurückgreift, liegen viele der geschätzten Zahlen in großen Spannbreiten.
Mit 20.000 bis 70.000 Männern und Frauen würden immer noch die meisten der nordkoreanischen Auslandsarbeiter in China eingesetzt, wo sie unter anderem in grenznahen Gebieten in der Textilindustrie und der Landwirtschaft arbeiteten. In den vergangenen Jahren habe aber vor allem die Zahl der entsendeten Arbeiter in Russland deutlich zugenommen, was zu der Militärpartnerschaft von Wladimir Putin und Kim im Angriffskrieg auf die Ukraine passt. Jenseits der direkt an die Front geschickten, geschätzt bis zu 15.000 nordkoreanische Soldaten, seien inzwischen 15.000 bis 30.000 Arbeiter in Russland tätig.
Die meisten von ihnen seien über Studentenvisa in das Land eingereist und müssten nun teilweise auf Baustellen und in der Forstarbeit, zunehmend aber auch in „militärnahen Industrieanlagen“ arbeiten, wie etwa einer Drohnenfabrik in der Sonderwirtschaftszone Jelabuga. Im Durchschnitt erhalte jeder Arbeiter in Russland schätzungsweise 7500 Dollar im Jahr. Die Monatslöhne seien dort je nach Branche bis zu fünfmal so hoch wie in China, was die Autoren als einen Grund für den verstärkten Zustrom in das Land ausmachen.
Viele der Auslandsarbeiter müssen sich verschulden
Die Zahlen zeigen aber auch, für welch niedrige Löhne die Nordkoreaner in ihren Zielländern arbeiten, und das trotz der überlangen Arbeitszeiten. Von den ohnehin geringen Einkünften müssten die Arbeiter zudem meist 80 bis 90 Prozent an die nordkoreanische Regierung abgeben. Ein erheblicher Teil der Erlöse werde von nordkoreanischen Handelsunternehmen direkt in China und Russland dafür verwendet, militärische Versorgungsgüter und andere Waren zu beschaffen. Darüber hinaus werde den Arbeitskräften oft noch eine zusätzliche Gebühr von bis zu 30 Prozent berechnet, wenn sie Geld an ihre Familien in der Heimat überweisen, sowie weitere Gebühren für die An- und Abreise, Verpflegung und Unterkunft. Häufig laufe es auf eine vollständige Beschlagnahmung des Lohns hinaus, und viele der Arbeitskräfte seien sogar verschuldet, wenn sie nach Nordkorea zurückkehren.
Über die Aussicht auf Studienaufenthalte oder Aus- und Fortbildungsprogramme im Ausland würden sich viele Nordkoreaner freiwillig für die Einsätze melden und teilweise sogar Bestechungsgelder an die Behörden zahlen. Das erlaube dem Regime einen strengen Auswahlprozess, in den auch die Familie der Bewerber einbezogen werde. Über die Auswahl der Arbeitskräfte und die Vertragsgestaltung bis hin zur Überwachung vor Ort behalte das Regime in allen Phasen der Entsendung eine umfassende Kontrolle, heißt es in dem Bericht.
In der Regel würden die Arbeiter eng von nordkoreanischen Beamten überwacht, darunter Mitarbeitern des Ministeriums für Außenwirtschaftsbeziehungen und des sogenannten „Büros 39“, einer Geheimdiensteinheit der nordkoreanischen Arbeiterpartei. Zu Außenstehenden dürften die Arbeiter kaum Kontakt aufnehmen. Die ständige Kontrolle soll unter anderem Überläufe verhindern. Darüber hinaus gebe es viele Berichte von sexueller Gewalt und Vergewaltigungen von Arbeiterinnen durch Vorgesetzte. Auch dass Arbeiter spurlos verschwänden, sei keine Seltenheit.
Angesichts der vielfältigen Verstöße gegen die Sanktionen der Vereinten Nationen forderten die Mitgliedstaaten des Überwachungsteams abermals alle Mitgliedsnationen der UN dazu auf, stärker auf die Einhaltung der Sanktionen zu pochen.
Lara Strangways von der Menschenrechtsorganisation Global Rights Compliance sprach von einem „alarmierenden Bericht“. Nordkoreanische Arbeitskräfte würden über russische Arbeitsvermittler in ein System geschleust, das auf Schuldknechtschaft, eingezogenen Dokumenten und ständiger Überwachung beruhe. Umfang und Reichweite der staatlich geförderten Zwangsarbeit nähmen aufgrund von Nordkoreas wachsendem Bedarf an Devisen zu. „Die Arbeitsvermittler, die diese Strukturen ermöglichen, sowie die Unternehmen, die von dieser Ausbeutung profitieren, müssen identifiziert und sanktioniert werden“, sagte Strangways.
