
Eine Rundumerneuerung hatte Bari Weiss für das CBS-Nachrichtenmagazin „60 Minutes“, das meistgesehene seiner Art in den USA, versprochen. Sie wolle es stärker „in der Mitte“ verorten und ein Programm produzieren, „das die Leute sehen wollen“. Alle Augen waren also auf „60 Minutes“ gerichtet, als das Magazin jetzt in seine neunundfünfzigste Saison startete. Führt der große Personalwechsel tatsächlich in ein neues Zeitalter, wie sie das ankündigte? Gibt es nur noch Hofberichterstattung für Trump, wie Kritiker befürchteten? Zieht die Sendung mehr Zuschauer an als zuvor?
Dreimal Nein, lautet die Antwort. Das Magazin präsentiert sich weitgehend so, wie man es kennt: mit einem schlagzeilenträchtigen Interview, einer investigativen Geschichte, einem leichteren Sportstück und altbekannten Moderatoren: Norah O’Donnell interviewt einen der beiden im April über Iran abgeschossenen US-Kampfpiloten, die in einer spektakulären Rettungsaktion aus einer entlegenen Gebirgsregion nahe Isfahan geborgen wurden; Lesley Stahl stellt eine Geschichte über die „Begnadigungsgeschäfte“ windiger Makler vor, die Straftätern weismachen, sie könnten dank ihrer angeblichen Nähe zu Donald Trump eine Freilassung aushandeln. Den Irankrieg bezeichnet O’Donnell als „kostspielig und unpopulär“, und Stahl sagt, Trump habe „sein eigenes Auswahlsystem“ für präsidentielle Gnadengesuche etabliert – nämlich für „politische Verbündete, darunter alle Aufrührer vom 6. Januar und eine Reihe reueloser Finanzbetrüger“. Am Ende heißt es, die Sendung werde sich künftig einer wichtigen Thematik widmen – der Bedrohung durch KI.
Ein Heldenstück ist in jedem Fall dabei
Das entlockt den Unkenrufern einen Seufzer der Erleichterung, und die Bosse von Weiss werden notieren, dass ein Husarenstück übers US-Militär bei der Regierung gut ankommt. Der Zuschauerzuspruch aber bleibt aus: mehr als zwanzig Prozent Quoteneinbruch im Vergleich zum Vorjahr. Das ist kein gutes Ergebnis für die neue Nachrichtenchefin, die nach der Übernahme der CBS-Mutterfirma Paramount durch die Trump-Freunde Larry und David Ellison von diesen installiert wurde und seither bei „60 Minutes“ mehrfach redaktionell eingriff, um auch die Position der Trump-Regierung zu berücksichtigen; das gelang ihr jedoch nicht immer.
Berücksichtigt wird nun die Anstrengung des „Kriegsministers“ Pete Hegseth, ein Heldenstück bei „60 Minutes“ unterzubringen und damit ein Stück Deutungshoheit über einen katastrophalen Krieg zu erringen. Einem Bericht von CNN zufolge hatte Hegseth’ Ministerium Druck auf die beiden Kampfpiloten, die unter „Alpha“ und „Bravo“ firmieren, ausgeübt, um sie zur Mitwirkung an der Sendung zu bewegen. „Alpha“ lehnte ab, „Bravo“, der den Abschuss schwer verletzt überlebte, sich auf einen Bergkamm geschleppt hatte und erst nach zwei Tagen evakuiert werden konnte, stimmte einem Interview mit Norah O’Donnell zu. Darin sagt er, hier gehe es nicht um ihn, sondern um das, „was Amerika unternimmt, um das Versprechen zu erfüllen, niemanden zurückzulassen“. Auch der erklärte Journalistenfeind Hegseth tritt vor die Kamera und beschreibt die Lage aus seiner Sicht. Mit diesem Beitrag ist „60 Minutes“ von Propagandafernsehen nicht weit entfernt.
Das Stück von Stahl, das sich mit der Korruption unter Trump beschäftigt, hat mehr Format. Mit versteckter Kamera filmt „60 Minutes“ zwei „Begnadigungsmakler“, die einem verurteilten Straftäter für 300.000 Dollar die Freilassung in Aussicht stellen. Das Verfahren: Sie umgehen das Justizministerium, wenden sich an Mittelsmänner aus Trumps engerem Kreis, spenden hier und spenden da und kommen am Ende mit der Unterschrift des Präsidenten unter einer Begnadigung zurück. „Am Ende fällt das auf die Regierung zurück“, sagt ein befragter Juraprofessor. Den Gedanken greift „60 Minutes“ indes nicht auf und bleibt dabei, dass es hier „nur“ um windige Wichtigtuer geht und eben nicht auch um einen Präsidenten, unter dessen Regierung Korruption zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Wenn das der „Journalismus der Mitte“ ist, wie Bari Weiss ihn sich vorstellt, hat „60 Minutes“ noch Luft nach oben.
