
Nun soll also der Kanzler gestürzt werden? So raunen manche, deren Namen aber niemand nennen darf, und posaunen andere, deren Namen endlich jeder kennen soll. Merz muss weg, fordern sie, als wäre das ein Programm und nicht eine Klage, die vor allem den Klägern nützt.
Zweifelsfrei ist Friedrich Merz in Schwierigkeiten, an denen er selbst großen Anteil hat. Das mag diejenigen, die ihn einmal zum Retter des Konservatismus stilisiert haben, heftiger schmerzen als andere, doch ungünstig ist es für alle. Sein Führungsstil, sein Erwartungsmanagement, sein Gesichtsausdruck, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, könnten souveräner sein. Dass sich die Opposition daran abarbeitet, ist normal, dass es der Koalitionspartner tut, Ausdruck blank liegender Nerven angesichts der eigenen Existenzkrise. Doch was sollen die Attacken aus der CDU, die ihn eigentlich stützen müsste?
Ein Nordmecklenburger Landrat macht Furore
Als da wären: sogenannte Stimmen, die durchs „politische Berlin wabern“, wie es in entsprechend nebulösen Artikeln heißt. Die Stimmen wollen anonym bleiben, deswegen schreiben Journalisten, die Kritik komme von einflussreichen Insidern, Vertrauten des Kanzlers und Personen, die sich Sorgen um die CDU machten. Andere verweisen auf „Spekulationen“, wobei nicht auszuschließen ist, dass es ihre eigenen sind.
Dazu kommen Wortmeldungen aus den Niederungen der Partei, die früher am Stammtisch oder in der Lokalzeitung verklungen wären. Heute verstärken soziale Netzwerke und Liveticker, die nach Aufregern gieren, sie zu Donnerhall. So tat beispielsweise ein Nordmecklenburger CDU-Landrat seine Auffassung kund, dass Merz für das Amt des Bundeskanzlers ungeeignet sei. Die Nachricht verbreitete sich im ganzen Land, als hätte ein Ministerpräsident gesprochen.
Irgendwelche Phrasen, Hauptsache, es knallt
Auch die Schatzmeisterin der Parteijugend ist unzufrieden mit dem Kanzler. Davon erfuhr eine breite Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen, weil die junge Frau außerdem Influencerin ist und derzeit ihren neuen Podcast bewirbt. Am Wochenende durfte sie im „Bericht aus Berlin“ darlegen, warum mit Merz „keine Wahlen mehr zu gewinnen“ seien. In der Sendung will die ARD nach eigenen Angaben eigentlich „politische Sachthemen und die Persönlichkeiten, die damit verbunden sind“, beleuchten.
Zwar bemisst sich die Relevanz von Debattenbeiträgen nicht nur am Amt des Sprechers, sondern auch am Inhalt des Gesagten. Aber wenn der über Phrasen wie die, dass die Hauptverantwortung für eine erwartete Wahlniederlage in Berlin liege oder dass die Brandmauer gescheitert sei, nicht hinausgeht, stellt sich die Frage, warum alle hinhören sollten. Einfach, weil es knallt?
So funktionieren soziale Netzwerke. Sie setzen die klassischen Medien unter Druck, mitzuziehen. Und die veränderte Öffentlichkeit verändert, wie Politiker arbeiten. Jeder Hinterbänkler kann Influencer werden, jeder Dampfplauderer Shooting-Star, wenn er sich nur genügend Reichweite aufbaut.
Anführer der Spalter ist die AfD
Besonders leicht geht das mit Themen, die viele Menschen erzürnen. Allen voran die Vorstellung, von Versagern regiert zu werden. Jüngstes Beispiel: die sogenannte „Wutärztin“ mit Hunderttausenden Followern, die Merz im Fernsehen „menschenverachtende“ Politik vorwarf und jetzt eine kostenpflichtige Bewegung gegründet hat. Der Soziologe Steffen Mau nennt solche Akteure treffend Polarisierungsunternehmer. Eine der wenigen Branchen in Deutschland, die gerade florieren.
Marktführer ist die AfD. Dass sie spalten will, gibt sie den Deutschen schriftlich. In einem Positionspapier benennt die Bundestagsfraktion das Ziel, lagerübergreifende Koalitionen in Zukunft zu verhindern, genauer, „die Gegensätze zwischen Union und SPD unüberbrückbar“ zu machen. Das heißt erstens, dass sie eigentlich überbrückbar sind, und zweitens, dass man glaubt, den Akteuren das Gegenteil einreden zu können. Wie gut das funktioniert, zeigt sich gerade.
Was kann die CDU dem entgegensetzen? Einen hastig eingewechselten Neu-Kanzler, der die Sozialdemokraten das Kuschen, Trump und Putin das Fürchten, die Deutschen wieder das Hoffen lehrt? Davon träumen vielleicht diejenigen, deren Blick aufs Zeitgeschehen nicht über ihre Timeline hinausreicht.
Wirkmächtig wäre eine CDU, in der jeder zur ersehnten Stabilität beiträgt. Jeder, das heißt der Kanzler und alle Nicht-Kanzler. Eine wichtige Aufgabe für Nicht-Kanzler könnte zum Beispiel sein, sich seltener als Krypto-Kanzler aufzuspielen. Einen Anfang haben Mitte der Woche die Ministerpräsidenten gemacht. Ihre einstimmige Erklärung gegen Personaldiskussionen zeugt von Verantwortungsbewusstsein. Das ist mehr wert als die Massenware, die Polarisierungsunternehmer auf den Markt werfen. Die Bürger greifen zum besseren Angebot – wenn es denn zur Auswahl steht.
