Als in einer Fachzeitschrift das Sondermodell Black erscheint, ist spätestens klar: Das hier ist ein Trend, ein Megatrend. Kein T-Shirt, kein Sneaker, keine Handtasche, keine Sonnenbrille. Ein Kärcher, Hochdruckreiniger. Ausweislich des Herstellers gerade mal wieder nicht verfügbar, weil es sich um eine der des Öfteren aufgelegten Sondereditionen handelt, die meist rasch ausverkauft sind. Das ist kein Einzelfall.
Der freundliche Handwerker des Vertrauens fragt nach unserem Rat bezüglich eines Xpeng G9, er möchte den als Black Edition. Da helfen wir doch gern vermittelnd weiter, kann ja wohl kein Problem sein, wer kauft schon solch ein Trumm von einem Chinesen, auch noch in pechschwarz mit orangefarbenen Bremssätteln? „Können wir leider nicht liefern“, sagt der Pressesprecher, Kumpel hin oder her, „die Autos verkaufen sich wie warme Semmeln. Und aus China kommen nicht rasch genug welche nach.“ Im Konfigurator gut versteckt, gibt es das Modell derweil noch oder wieder zu bestellen, wie eben seine schwarzen Geschwister von Porsche, Cupra, Land Rover, Hyundai, Audi, BMW oder Mercedes-Benz. Und wir haben bestimmt noch einige vergessen.

Es müsste einen Grund geben. So wie es bestimmt einen gibt, der gerade Grüntöne nach vorne spült. In der Kleidung. Als Autolack. Ist es die Verbindung zur Ökologie? Dann müsste der Trend schon vor Jahrzehnten eingesetzt haben. Ist es die Verbindung zum Militärischen? Das wäre ein trauriger Anlass, aber an sich ist Grün die Farbe der Hoffnung. Weiß ist seit geraumer Zeit im Aufschwung, dasselbe Weiß, welches vor 25 Jahren niemand kaufen wollte. Silber geht oft, an den Formel-1-Pfeilen der frühen Erfolge und der jüngsten Triumphfahrt sowieso. Grautöne sind natürlich eine Macht, wohingegen Blau, im Prinzip die Lieblingsfarbe der Deutschen, am Anzug auftrumpft und am Auto ein Nischendasein führt.

Schwarz geht immer. Obwohl es streng genommen gar keine Farbe ist. Es wird raffiniert angereichert mit Pigmenten, schimmert aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich, wirkt immer edel, muss halt regelmäßig geputzt und gewienert werden. Dass eine Black Edition in Weiß gereicht wird, ist eine augenzwinkernde Idee, die etwa Volvo selbstbewusst heranführt. Dann geht es um Akzente, Spoiler, Felgen, Radläufe, den Grill. Wenn Black beautiful schlechthin ist, woran liegt das?

Daniel Oberfeld-Twistel von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz forscht und lehrt Allgemeine Experimentelle Psychologie. Von wegen, einfaches Sujet. „Farbe“, sagt er, „ist zwar ein schönes Thema, aber sehr kompliziert. Schon allein, weil Farbe drei Wahrnehmungsdimensionen hat. Also nicht nur den Farbton, an dem wir häufig im Alltag denken, sondern auch die Helligkeit und die Sättigung.“ Schwarz besitze eine bemerkenswerte kulturelle und psychologische Ambivalenz.
Einerseits werde die Farbe häufig mit Trauer, Angst und negativen Emotionen verbunden, andererseits gelte sie in Mode, Design und Produktkommunikation als elegant, seriös und luxuriös. Dieser scheinbare Widerspruch lasse sich auflösen, wenn zwischen emotionalen Assoziationen, ästhetischen Präferenzen und kontextabhängigen Funktionen einer Farbe unterschieden werde. „Nicht nur die Farben an sich sind mehrdimensional, auch die Bewertungen oder Assoziationen sind mehrdimensional“, sagt der Professor.

Zum Nachdenken rege die Farbe Gelb an, sie werde kulturübergreifend häufig mit Freude assoziiert. Trotzdem hätten die meisten Menschen Blau als Lieblingsfarbe in westlichen Kulturen, Gelb eher nicht so. Am Auto schon gar nicht, höchstens an Exoten, wir denken an VW Käfer Cabriolet, Ferrari, Lamborghini oder einen Fiat 500, das Original. Gelb sind die Taxis, nicht in unseren Breitengraden, aber doch im Kopf, der durch unzählige Filme aus Amerika gefüttert ist.
Schwarz hingegen sind alle wichtigen Limousinen aller wichtigen Leute in allen Ländern dieser Erde. Schwarz ist eigentlich nah dran an traurigem, schwermütigem Blau, am Blues. Aber auch cool. Was tragen denn wohl die Blues Brothers? Na, also. Und die „Men in Black“? Agent Cooper in „Twin Peaks“?

Es gibt Experimente, sagt Oberfeld-Twistel, die der Frage nachgehen: Führt diese Farbe dazu, dass man eher von der Polizei angehalten wird oder nicht? Es kommt denn wohl doch recht stark auf den Zusammenhang und das Objekt an. „Ich mag zwar ein dunkles T-Shirt gut finden. Bei mir persönlich ist es so, dass ich in allen hellen T-Shirts absolut elend ausschaue. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, die Wände meines Wohnzimmers schwarz zu streichen“, ordnet der Professor ein. Aber am Auto ist die Farbe ein Selbstläufer. „Unser Ex-Bürgermeister hier am Ort, der hatte mal beruflich in der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zu tun. Er hat erzählt, dass er, als er in die Tiefgarage gefahren ist, dort nur schwarze Autos gesehen hat.“
Nun ließe sich vielleicht annehmen, dass Weiß und Silber und generell helle Farben künftig mehr Zuspruch erhalten werden, weil mit zunehmender Klimaerwärmung so ein schwarzes Auto natürlich Nachteile hat. Oberfeld-Twistel sieht da eher die pragmatische Karte. Marketing sei schließlich immer kreativ, diversifiziere und schaffe neue Varianten, die Begehrlichkeiten wecken sollten.

Schwarz scheint besonders resistent gegen alle Schwankungen zu sein. Seine Stärke liegt nicht in einer einzigen stabilen Bedeutung, sondern in der Fähigkeit, je nach Kontext unterschiedliche, sozial verständliche Funktionen zu übernehmen. Weitgehend losgelöst vom Produkt. Selbst Oral-B-Zahnbürsten sind schwarz, wobei uns der zuständige Zahnarzt doch meist in Weiß behandelt, so ein verbohrter Typ.
Mehr Freude bitte, die kann nie schaden. Wir haben also doch noch mal bei den Gelbvertretern schlechthin nachgehakt. Nicht bei der Deutschen Post. Es geht ja um Technik. Bei Kärcher. Und siehe da: Natürlich gibt es dort einen Hochdruckreiniger als „limitierte Sonderedition in elegantem Schwarz“. Die hätten sich bestimmt auch schwarzgeärgert, wären sie in diesem Dreamteam nicht dabei gewesen.
