
Herr Sweid, Sie sind Israeli arabischer Herkunft und christlicher Konfession. Das klingt nach einem Leben zwischen den Stühlen.
Ja. Christliche Araber sind die Minderheit innerhalb der Minderheit. In Israel leben etwa 18 Prozent Araber. Mit israelischem Pass. Und unter ihnen machen wir nur sieben Prozent aus. Wir leben hauptsächlich in Großstädten. Also ja, es gibt mehr als nur zwei Welten, zwischen denen ich mich befinde.
Sie arbeiten viel in Israel, sind aber mit Ihrer damaligen Frau, Yael Ronen, die später das Maxim Gorki Theater geleitet hat, nach Berlin gekommen. Wie erleben Sie dort Ihren Alltag als israelischer Staatsbürger?
Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich wache auf, bringe meine Kinder zur Schule. Ich gehe ein bisschen trainieren. Setze mich hin und schreibe oder mache ein Vorsprechen oder spiele in einem Theaterstück mit. Ich hole meine Kinder ab. Gebe ihnen zu essen. Dusche sie und bringe sie ins Bett. Nichts Besonderes.
Sie sind international in Film und Fernsehserien sehr erfolgreich. Jetzt kommen Sie ans Schauspiel Frankfurt – aber nicht als Darsteller, sondern als Diskussionspartner der neuen Reihe „Positionen und Perspektiven“. Eine ungewohnte Rolle für Sie?
So ungewohnt ist es nicht. Obwohl ich es vorziehe, mich auf der Bühne oder vor der Kamera auszudrücken, oder sagen wir mal: durch meine Kunst. Dennoch finde ich mich immer wieder an Orten, an denen ich die Rolle der „Brücke“ übernehme, vor allem zwischen Palästinensern und Israelis oder Arabern und Juden, einfach weil das ein Teil meiner Welt und meiner Erfahrung ist, den die Menschen interessant finden. Für mich ist das ganz normales Leben, aber für andere ist es offenbar nicht so selbstverständlich.
Sie haben 2025 in Berlin ein Solo aus Ihrer Biographie gemacht. „Between The River and The Sea“ hieß die Show, die dauernd ausverkauft gewesen ist. Was für Reaktionen haben Sie bekommen?
Zu meiner Überraschung habe ich zu 99 Prozent positive Reaktionen erhalten. Unterstützende Reaktionen. Ich glaube, vor allem, weil ich einen Teil der Komplexität der Realität, in der wir leben, aufgezeigt habe. Eine Geschichte, die viele Ebenen hat und nicht nur schwarz und weiß ist. Und Menschen, die im Nahen Osten leben oder von dort kommen, kennen die Details. Sie wissen, dass nicht alles nur eine Farbe hat. Und manchmal stimmen sie meiner Position nicht zu, aber sie respektieren mich dafür, dass ich sie auf die Bühne bringe, da sie wissen, dass es mir letztlich darum geht, wieder einen Dialog in Gang zu bringen. Manchmal wünsche ich mir, es gäbe weniger Unterstützung, denn dann würden die Leute wütend werden, und ich mag es, wenn manche Stücke die Leute wütend machen. Aber in diesem Fall ist uns das nicht gelungen.
Werden Sie das Stück weiter spielen?
Natürlich, ich habe das Gefühl, dass wir gerade erst angefangen haben. Wir wurden ins Royal Court Theatre in London eingeladen – eines der besten Theater der Welt. Dort sind wir einen Monat lang jeden Abend aufgetreten. Nach der Vorstellung warteten Menschen aus aller Welt auf uns, um ihre Eindrücke zu teilen, und sie haben uns spüren lassen, wie wichtig unsere Aufführung ist.
Die Diskussionsreihe „Positionen und Perspektiven“ fragt in ihrer ersten Veranstaltung mit Ihnen zusammen: „Kann Kunst uns helfen, im Dialog zu bleiben?“ Wir wollen nicht spoilern, aber welche Art Kunst könnte das ermöglichen?
Zunächst einmal ist es für mich einfühlsame Kunst. Und damit meine ich nicht, dass sie nicht auch rau oder hart sein könnte. Ich meine Kunst, die das Gesamtbild im Blick hat. Nehmen wir an, man möchte in seiner Kunst die Polizei kritisieren. Wir tun das sehr gerne. Aber wenn man nicht einfühlsam genug ist, um sich am Ort des Geschehens ein Bild zu machen, nachzuprüfen und zu recherchieren, was man eigentlich kritisiert – wen kritisiert man dann eigentlich? Ist es das System? Sind es die Menschen? Ist es die Politik dahinter? Man sollte nicht einfach „Fuck the Police“ brüllen. Natürlich würden die Leute das lieben. Wir lieben alles, was mit dem Wort „Fuck“ zu tun hat. Aber was dann? Was hat man damit erreicht, außer zu versuchen, irgendwie cool zu wirken?
Der israelisch-arabische Schauspieler Yousef Sweid, 1976 in Haifa geboren, ist international erfolgreich im Theater und in Filmen wie „The Bubble“ und Serien wie „Game of Thrones“, auch in „Tatort“-Folgen ist er zu sehen gewesen. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Im Schauspiel Frankfurt ist er der erste Gast der neuen Reihe „Positionen und Perspektiven“, in der Saba-Nur Cheema und Meron Mendel mit je einem Gast diskutieren. Der Abend findet am 18. September von
20 Uhr an in den Kammerspielen statt.
