Wohl selten hat eine private Lebensentscheidung einen solchen Einfluss auf den öffentlichen Raum in vielen Städten in der ganzen Welt gehabt wie im Fall von Jan Gehl. Der gebürtige Kopenhagener lernte gegen Ende des Architekturstudiums in seiner Heimatstadt Ingrid Mundt kennen. Die Psychologin, die er kurz nach dem Diplom heiratete, sollte seinen Blick auf die Architektur entscheidend verändern. An der Akademie gleichsam gedrillt gemäß den Dogmen der Moderne, veränderte sich nun seine Perspektive. „Warum interessieren sich Architekten nicht für Menschen?“, lautete seine neue Leitfrage.
Wenige Jahre später konnte das Paar dank eines Stipendiums der Frage nachgehen, wie eine menschenfreundlichere Stadt aussehen könnte. Die beiden bereisten italienische Städte, um für ihre Doktorarbeiten systematisch zu untersuchen, wie sich die Menschen im öffentlichen Raum bewegen und wo sie sich warum aufhalten. In ihrer Verhaltensforschung kamen die beiden zu dem Ergebnis, dass die Bewohner einer Stadt das Gefühl haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein, wenn sie sich im städtischen Raum begegnen, statt isoliert in ihrer Wohnung zu hocken. „Das Leben auf öffentlichen Plätzen ist wichtig für die soziale Gesundheit“, sagte Gehl einmal in einem Interview. Das klingt heute wie eine Binse, damals bedeutete es einen Tabubruch, dem Funktionalismus der autogerechten Stadt Versagen zu attestieren.
Gehl ist ein Pragmatiker mit wachem Sinn für das Machbare
Maßgeblichen Einfluss auf die Gedankenwelt von Gehl hatte auch die kanadische Architekturkritikerin Jane Jacobs, die sich überaus erfolgreich als Aktivistin gegen den Abriss von alten Stadtvierteln in New York einsetzte. Nicht zuletzt der Autorin von „The Death and Life of Great American Cities“ ist es zu verdanken, dass Teile von Little Italy, Chinatown und der Lower East Side sowie des West Village nicht verschwunden sind. Als „Großmutter humanistischen Planens“ hat Gehl Jane Jacobs einmal bezeichnet. Im Jahr 1962, als Greenwich Village als gerettet gelten konnte, begann der Umbau von Kopenhagen. Und Gehl wurde dessen maßgeblicher Ideengeber, nicht als Architekt, auch nicht im engeren Sinn als Städtebauer, sondern als Behaviorist, als Kurator urbanen Lebens im öffentlichen Raum.
Seine Erfolge machten Jan Gehl zum Vordenker und zum international gefragten Vortragsredner. Dabei ist er kein Theoretiker; seine Bücher glänzen nicht durch brillante Formulierungen. Er ist auch kein charismatischer Guru, dem die stets zur Bewunderung bereiten Kollegen an den Lippen hängen wie einem Rem Koolhaas. Gehl ist ein Pragmatiker, der mit einem wachen Sinn für das Machbare und für das richtige Timing ausgestattet ist.

Er verfolgte am liebsten eine Strategie der kleinen Schritte, probierte Dinge aus und gab sie, falls sie sich in der Praxis als untauglich erwiesen, auch wieder auf. Kopenhagen wurde nicht von heute auf morgen zur internationalen Musterstadt, sondern in mehreren Jahrzehnten, um den Bürgern Zeit zur Anpassung zu geben: In jedem Jahr reduzierte die Stadtverwaltung die Fläche für Stellplätze um drei Prozent. Zug um Zug wurde der gewonnene Raum dafür genutzt, Bänke aufzustellen, Bäume zu pflanzen und Straßencafés zu eröffnen.
Moskau und Shanghai, New York und London
Gehls Erfolg ist auch auf seine Gabe für eingängige Formulierungen zurückzuführen. So hat er die Formel „8/80“ entwickelt: „Eine Stadt sollte so gebaut sein, dass sich darin Achtjährige und Achtzigjährige ebenso sicher wie der Rest der Bevölkerung bewegen können.“ Ein in verschiedenen Variationen vorgetragener Glaubenssatz von Gehl lautet: „Viel zu lange haben wir Städte geplant, als wollten wir Autos glücklich machen. Dabei sollen Städte doch Menschen glücklich machen.“ Wer so ermutigend sprechen kann, wird gern gebucht von Politikern, die ihre Stadt umbauen möchten und mit Protesten aus der Bevölkerung rechnen.
Politische Festlegungen hat Gehl stets gemieden, nachdem er nach Jahrzehnten als Hochschullehrer erst im Jahr 2000 im Alter von 63 Jahren ein eigenes Planungsbüro gegründet hatte. Er folgte der Überzeugung, dass sich langfristige Projekte nur zum Erfolg bringen lassen, wenn man sich mit der jeweiligen kommunalen Verwaltung ins Benehmen setzt; sie muss am Ball bleiben, wenn die Politiker schon wieder gegangen sind. Sein Büro ist in Moskau und Shanghai ebenso tätig geworden wie in New York und London. In New York konnte er an Jacobs Wirken anknüpfen. Dort hat er den Times Square durch die Sperrung einiger Straßen neu belebt.
In Deutschland ist Gehl dagegen nicht zum Zuge gekommen. Das Land sitze in einer kulturellen Blase, äußerte er einmal in einem Interview, es sei selbstzufrieden, wie übrigens auch Frankreich. Gehl selbst wird daran nichts mehr ändern können, er hat sich aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen. Aber das Büro Gehl Architects, gemeinsam mit Helle Søholt, seiner ehemaligen Studentin an der Königlich Dänischen Kunstakademie, gegründet, gedeiht auch nach seinem Ausscheiden; mehr als einhundert Mitarbeiter sind an drei Standorten in Kopenhagen, New York und San Francisco tätig. Am heutigen Donnerstag wird Gehl 90 Jahre alt.
