
Ein großer Akt war es. Ergreifend, aufrüttelnd, hohe, edle Ideale im Geist der Humanität postulierend. Getragen von bestechendem Niveau, geistig, politisch – dem historisch herausragenden Ort des Ereignisses verpflichtet. Der 16. September 1951 ist es. In der Frankfurter Paulskirche, seit der deutschen Nationalversammlung 1848/49 einzigartiges, immerzu mahnendes Symbol für das Streben nach politischen Freiheits-, Menschenrechten, Demokratie, Einheit, wird erstmals der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Bundespräsident Theodor Heuss überreicht die Auszeichnung im Namen des Börsenvereins der deutschen Verleger und Buchhändler an Albert Schweitzer.
Die Verleihungsurkunde bekundet mit bewegenden Worten die Bedeutung des Ereignisses. Sie hält fest: „Dank und Ehre wird dadurch bezeugt dem mutigen und tapferen Vorkämpfer für das friedliche Werk an den Armen und Schwachen, dem Manne, der in einem langen, mühe- und opfervollen, erfolgreichen Leben in Wort und Tat für die Ziele eines edlen Menschentums wirkte, in Zeiten, in denen die Menschen und Völker durch Zwiespalt, Hass und Kriege sich an den Rand des Abgrunds brachten.“ Und weiter: „Wir bekunden durch die Stiftung dieses Preises unseren eigenen Willen, mit allen Kräften an der Erhaltung und Festigung des Friedens und der Freiheit aller Völker der Welt mitzuarbeiten.“
„Ein Bekenntnis zum Frieden darf kein Lippenbekenntnis bleiben“
Ein Kreis von Verlegern hatte ein Jahr zuvor auf Initiative des Dichters Hans Schwarz schon einen „Friedenspreis Deutscher Verleger“ gestiftet, aus dem der „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ hervorging. 1950 war der Preis dem Schriftsteller Max Tau zugesprochen worden, weil dieser sich nach dem Krieg im Ausland für deutsche Literatur und deren Verfasser einsetzte, um auf diese Weise zu versuchen, Wege zu einer Verständigung über Feindbilder, Aversionen und Grenzen hinweg anzubahnen.
Dem Aufruf, nunmehr einen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu stiften, gab der Börsenverein einen gewichtigen, sittlich-politischen Rahmen. Seine Begründung: Das deutsche Volk hat aus seiner leidvollen Erfahrung die Lehre gezogen, die gemeinschaftlichen Bemühungen aller europäischen Völker und der Völker der Welt sollten dem Frieden und der Verständigung gelten, um eine neue, noch größere Katastrophe zu verhindern. Und weiter: „Ein Bekenntnis zum Frieden darf aber kein Lippenbekenntnis bleiben, es muss sich vielmehr im Verhalten jedes Einzelnen niederschlagen. Nur friedfertige Menschen vermögen das Zusammenleben würdig und lebenswert zu gestalten.“
In der Paulskirche breitet Josef Knecht, der Vorsitzende des Börsenvereins der deutschen Verleger und Buchhändler, nun eindringlich die Gedankenwelt aus, die die Grundlage zur Stiftung des Preises bildete. „Wir wollen uns klar und deutlich abwenden von dem Geist der Vergangenheit, dem Geist der Gewalt, des Krieges und der Zwietracht, der unserem Volke, der Europa und der ganzen Welt Unheil, Unordnung, Tränen und Blut gebracht hat. Gewalt ist kein geeignetes Mittel, um geistige Auseinandersetzungen zu führen, und an Stelle des Geistes der Gewalt wollen wir uns dem Geist der Versöhnung, der Verständigung, des Friedens verpflichten, der dem Recht zum Siege verhilft.“
„Wir sind hellhörig“
Für einen „wachsamen Frieden“, der die persönliche, nur vom Gewissen begrenzte Freiheit wahrt, plädiert Josef Knecht. Als höchstes Gut skizziert er Freiheit, die, als absoluter Anspruch genommen, in Gefahr gerate, in Anarchie auszuarten. Die Freiheit kann, so seine Schlussfolgerung, mithin „vor uns selbst nur gerettet werden, wenn wir die Bindung an unser Gewissen anerkennen und wenn wir auf seine Mahnung zur Ordnung, zur Selbstlosigkeit, zum geregelten Zusammenleben in Familie, Staat und Nation und im übernationalen Raum hören und diese Mahnung befolgen“.
Die Sicherung der Freiheit setzt seinen Darlegungen zufolge eine geordnete soziale Gesellschaft voraus. „Sie ist politisch bedroht, wenn Kräfte, die ihren Machtanspruch geltend machen, gegen die demokratische Ordnung unseres Volkes unter Missbrauch der ihnen gewährten Freiheit arbeiten, vielleicht zunächst unauffällig.“ Mahnend, aufrüttelnd schließt der Vorsitzende des Börsenvereins der deutschen Verleger und Buchhändler: „Aber wir sind hellhörig. Wir werden einen Zusammenbruch wie den der Weimarer Republik uns nicht noch einmal gefallen lassen.“ Welch dramatischer, energischer Satz im Blick auf die dunkle, zerstörerische, gewissenlose Vergangenheit jener Jahre deutscher Geschichte bis zum Untergang 1945. Vor 75 Jahren in der Paulskirche gesprochen. Und heute, Deutschland, 75 Jahre später? Wenig, nichts gelernt?
Albert Schweitzer, Arzt (Urwaldhospital in Lambarene in Gabun), Theologe, Philosoph, Organist, beseelter Bach-Interpret, 1875 im Elsass als Deutscher geboren, französischer Staatsbürger, als die Region nach dem Ersten Weltkrieg 1918 wieder an Frankreich fiel. Nun steht er im Mittelpunkt der Ehrung, der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Walter Kolb, der Frankfurter Oberbürgermeister, ergreift das Wort. Nicht als Amtsträger spricht er, sondern „als deutscher Bürger“, dessen einziger Bruder 1916 an der Somme sein Leben hatte lassen müssen und der selbst im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Frankreich gekämpft hatte.
„Kein heißerer Wunsch, als in Freiheit und Frieden zu arbeiten“
Kolb bringt im Namen seiner Landsleute den Wunsch zum Ausdruck, ein gutes, einträchtiges, auf Dauer friedliches und freundschaftliches Verhältnis gerade zur Nachbarnation Frankreich herbeizuführen. Seine Überzeugung vermittelt er den Gästen in der Paulskirche, „dass die große Mehrheit der Deutschen keine andere Sehnsucht und keinen heißeren Wunsch kennt, als in Freiheit und Frieden zu arbeiten, gemeinsam mit unseren Nachbarn und gemeinsam für die Ziele der freien und gesitteten Menschheit“.
Der Bundespräsident spricht. An den Anlass der Feierstunde erinnert er. Verleihung eines Friedenspreises. Theodor Heuss zeichnet rhetorisch die verschiedenartigen „Färbungen“ des Wortes „Frieden“ nach: Gottesfrieden, Abendfrieden, Arbeitsfrieden, den religiösen, sentimentalen, sozialen Gehalt. Mit seinem ruhigen, professoralen, schwäbischen Duktus hält er fest: „Aber heute, hier zu diesem Zeitpunkt, heißt das Wort Frieden einfach so: der Wunsch, dass nicht wieder, nicht noch einmal Krieg sei, dass das Leid, das die Menschen begleitet, von ihnen nicht technisch vertausendfacht, vermillionenfacht werde.“
Feinsinnig formt Heuss einen Rat, deutet auf ein seiner Überzeugung nach unersetzliches geistiges Rüstzeug – das Buch. Das Buch als „nachhaltigster Wegbereiter für das innere Verstehen der Völker“. Bücher sollen, so seine Worte, „Pflüge des Friedens“ sein. „Und die Pflugschar des Geistigen soll nicht darauf achten, wo die Macht des Politischen den Grenzstein gesetzt hat, sondern ihre Furche mag den Samen erwarten, der über die Grenze hinaus in sie fällt.“
Sichtlich gerührt begibt Albert Schweitzer sich ans Rednerpult im historischen Kirchenrund. Sogleich ein Aussagesatz: „Niemand auf der Welt darf heute den Friedenspreis empfangen für eine Leistung, die offensichtlich ist, sondern jeder, der damit ausgezeichnet wird, darf ihn nur als Ermutigung hinnehmen für das, was er in Schlichtheit und Demut für die Idee des Friedens tun will.“ In der Frageform wendet er sich an Plenum und Öffentlichkeit. Wie aus dem Elend herauskommen, das unser Schicksal bestimmt?
Schweitzer formuliert die Antwort: „Heraus kommen wir nur, wenn wir füreinander wieder vertrauenswürdig werden.“ Seine These weitet er aus, trägt das „Wir“ mit einem „Aber“ weiter. Vertrauenswürdig werden wir füreinander aber „auf keine andere Art, als dass wir uns der Humanitätsgesinnung wieder zu ergeben wagen“. Denn diese Humanitätsgesinnung ist, so Schweitzers Überzeugung, das Einzige, was einem Volk dem anderen gegenüber die Gewissheit geben kann, dass es die Macht nicht zum Vernichten des Gegners gebrauchen wird.
Der Geist der Humanitätsgesinnung. Albert Schweitzer, Friedenslehrer, nunmehr Träger des Friedenspreises, hält sich an ihm fest, möchte ihm zu allgemeingültiger Geltung verhelfen. Als schöpferischen Geist definiert er ihn. Der sensible Verehrer und Versteher der subtilen musikalisch-geistigen Welt Johann Sebastian Bachs offenbart seine filigrane, feine, weit tragende Gedankenwelt.
