Ehrlich gesagt interessiert mich weniger, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen könnte. Ich neige nicht dazu, verträumt in die Zukunft zu schauen, ich lebe im Hier und Jetzt, und deswegen interessiert es mich, wie Deutschland morgen aussieht.
Wer Fragen stellt, wird verdächtigt
Ich bin Koch, und das bedeutet, dass ich handele, wenn ich eine Bestellung bekomme, die auf einem Bon steht. Und wenn das Schnitzel ohne Zitrone bestellt wird, entsteht keine Diskussion, sondern wir zeigen in der Küche Flexibilität und passen das Gericht sofort der Bestellung an. Wenn ich einen Bon für Deutschland schreiben dürfte, der unmittelbar umgesetzt werden müsste, dann hätte ich einige sehr konkrete Wünsche. Der erste lautet: Wir müssen wieder lernen, miteinander zu reden.
In den vergangenen Jahren habe ich mich mehrfach politisch geäußert. Nicht als Politiker, sondern als Bürger, Unternehmer und Arbeitgeber. Ich habe deutlich gemacht, dass ich mit politischen Extremen nichts anfangen kann, weder mit rechten noch mit linken. Beide leben davon, Menschen gegeneinander auszuspielen und gesellschaftliche Gräben zu vertiefen.
Was mich dabei überrascht hat, war nicht die Kritik an meinen Aussagen. Kritik gehört zu einer Demokratie, und ich kenne sie auch zu meinen kulinarischen und Fernseh-Leistungen. Was mich irritiert hat, war die zunehmende Unfähigkeit vieler Menschen, andere Meinungen überhaupt auszuhalten. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem jede abweichende Position sofort etikettiert wird. Wer Fragen stellt, wird verdächtigt. Wer widerspricht, wird ausgegrenzt. Wer nicht exakt derselben Meinung ist, wird schnell in eine politische Ecke gestellt. So funktioniert aber keine offene Gesellschaft, kein Miteinander.
Wer schon einmal in einer Profiküche gearbeitet hat, weiß: Herkunft spielt keine Rolle
Eine Demokratie lebt vom Streit der Argumente. Sie lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Sichtweisen haben und diese respektvoll austauschen. Nicht davon, dass man Andersdenkende moralisch abwertet oder versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Deutschland braucht wieder mehr Neugier auf andere Meinungen und weniger Angst vor ihnen. Wir müssen aufhören, Menschen sofort einzuordnen, und wieder anfangen, ihnen zuzuhören. Der nächste Bon lautet: Integration.
Wer schon einmal in einer Profiküche gearbeitet hat, weiß: Herkunft spielt keine Rolle. Religion spielt keine Rolle. Hautfarbe spielt keine Rolle. Entscheidend ist, ob du Teil des Teams sein willst und bereit bist, die Regeln zu akzeptieren, nach denen gemeinsam gearbeitet und vor allem geleistet wird. Genau das wünsche ich mir auch für unser Land. Ich wünsche mir ein Deutschland, das offen bleibt. Ein Land, das Menschen Chancen bietet. Aber Offenheit funktioniert nur dann, wenn auch klar ist, worauf sie basiert.
Wer nach Deutschland kommt, muss wissen, dass es hier Grundwerte gibt, die nicht verhandelbar sind. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gehört dazu. Die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe gehört dazu. Der Schutz jüdischen Lebens gehört dazu. Die Achtung von Recht, Gesetz und demokratischen Institutionen gehört dazu. Integration bedeutet nicht, parallel nebeneinander zu leben. Integration bedeutet, Teil einer gemeinsamen Gesellschaft werden zu wollen.
In der Gastronomie gibt es keine Ausredenwirtschaft
Wer bereit ist, seinen Beitrag zu leisten, wer arbeitet, Verantwortung übernimmt und unsere Werte respektiert, ist eine Bereicherung für dieses Land. Wer hingegen Gewalt ausübt, dauerhaft Regeln missachtet oder unsere Gesellschaft ablehnt, darf nicht erwarten, dass dies folgenlos bleibt. Ein funktionierender Rechtsstaat muss freundlich zu den Anständigen und konsequent gegenüber denjenigen sein, die seine Regeln bewusst missachten. Der letzte Bon auf meinem Zettel lautet: Eigenverantwortung.
In der Gastronomie gibt es keine Ausredenwirtschaft. Der Gast interessiert sich nicht dafür, wer schuld ist. Er möchte, dass sein Essen kommt. Vielleicht täte uns genau diese Haltung auch außerhalb der Küche gut.
Ich habe mein ganzes Berufsleben in einer Branche verbracht, in der Leistung keine Theorie ist. Ein Restaurant funktioniert nicht aufgrund guter Absichten. Es funktioniert, weil jeder Mitarbeiter jeden Tag zuverlässig seinen Beitrag leistet und meist noch einen Extraschritt geht. Weil sie pünktlich sind, weil sie Verantwortung übernehmen und weil sie ihre Arbeit ernst nehmen und stolz darauf sind, was sie leisten. Genau diese Haltung wünsche ich mir auch für unser Land.
Neugierige, mündige und leistungsbereite Menschen
Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass immer jemand anderes zuständig sein soll: die Politik, der Staat, die Verwaltung, die Gesellschaft. Natürlich haben diese Institutionen Verantwortung, aber wir mündigen Bürger sind ebenfalls in der Pflicht. Ich bin überzeugt, dass die meisten Probleme dieses Landes nicht allein durch neue Gesetze gelöst werden. Sie werden gelöst, wenn Millionen Menschen jeden Tag engagiert ihren Teil dazu beitragen.
Wenn Unternehmer Arbeitsplätze schaffen. Wenn Lehrer Kindern Perspektiven vermitteln. Wenn Handwerker ausbilden. Wenn Nachbarn aufeinander achten. Wenn Eltern Verantwortung übernehmen. Wenn Menschen sich engagieren, anstatt nur zu kommentieren. Deutschland war immer dann stark, wenn Leistung, Verantwortung und Zusammenhalt selbstverständlich waren. Nicht weil alle dieselbe Meinung hatten, sondern weil die meisten bereit waren, etwas beizutragen.
Ich wünsche mir ein selbstbewusstes Deutschland. Ein Land, das wieder diskutieren kann, ohne sich zu zerfleischen. Ein Land, das seine Werte kennt und verteidigt. Ein Land, das Chancen bietet, aber auch Erwartungen formuliert. Und vor allem ein Land, in dem mehr Menschen bereit sind, anzupacken, statt abzuwarten. Deutschland braucht keinen neuen Traum. Deutschland braucht neugierige, mündige und leistungsbereite Menschen, die morgens aufstehen und etwas schaffen, das auf unseren Werten basiert. Nicht irgendwann in der Zukunft. Lasst uns heute beginnen!
Tim Raue ist ein prominenter Sternekoch aus Berlin, der in vielen Kochshows und TV-Sendungen mitspielt. Sein Restaurant „Tim Raue“ hat zwei Sterne. Er betreibt diverse Restaurants und Brasserien.
Das Interview ist der dritte Teil der Serie „Deutschland in zehn Jahren“ aus dem Zukunftsmagazin Frankfurter Allgemeine Quarterly. Morgen: Teil 4 der Serie mit Christiane Benner.

