
Herr Fein, zum Saisonauftakt gibt es in der Alten Oper vom 23. bis 27. September wieder das Fratopia-Festival. An diesen fünf Tagen ist der Eintritt frei. Was erwartet die Besucher?
Ein Festival der Entdeckungen. Insgesamt sind es 250 Kurzkonzerte, die im ganzen Haus stattfinden. Das Programm beginnt um 15 Uhr und geht bis kurz vor Mitternacht, es reicht von Klassik über Jazz bis zu Weltmusik. Die Besucher erleben junge internationale Musikerinnen und Musiker, die Grenzgänge wagen, Musikstile neu verbinden und für einen Aufbruch stehen. Und wer zu Fratopia kommt, wird das Haus von einer ganz anderen Seite erleben. Das Publikum sitzt 360 Grad um die Musiker herum, wir werden die Säle neu bestuhlen, Lese-Ecken und Workingspaces einrichten. Mit anderen Worten: Wir versuchen, über neue Formen des Hörens und des Erlebens nachzudenken. Wenn Sie so wollen, ist das Festival eine Antwort auf den Wandel unserer Zeit. So vieles um uns herum verändert sich rasant: unser Freizeitverhalten, unsere Arbeitswelt, unsere gesamte Lebenswelt. Wir wollen diese Veränderungen als Konzerthaus nicht von der Seitenlinie aus beobachten, sondern mitgestalten.
Beim Fratopia-Festival bespielen Sie alle Säle und Foyers. Das Publikum kann sich sein eigenes Programm zusammenstellen. Was versprechen Sie sich davon?
Wir wollen Nähe schaffen, aus Routinen ausbrechen. Wir wollen über Raum-Inszenierungen und Atmosphären Rituale aufbrechen. Und wir wollen die Alte Oper ganz ausdrücklich zugänglich machen und die Menschen warm und herzlich begrüßen. Fratopia steht für einen Geist des offenen Diskurses, des offenen Denkens und des offenen Zuhörens.
Vorangestellt ist dem Festival zur Saisoneröffnung am 16. September ein besonderes Konzert mit dem Treppenhausorchester, das für seine ungewöhnlichen Programmkonzepte und Konzertformate bekannt ist. Ist das Konzert in seiner alten Form erledigt?
Mitnichten. Genauso wenig wie Tradition überhaupt. Bachs Matthäuspassion, der „Sacre“ von Strawinsky, die späten Klaviersonaten Schuberts: Das sind kühne Werke, die einst ihrer Zeit weit voraus waren und die Konzertgänger auch in 100 Jahren noch in ihren Bann ziehen werden. Das traditionelle Konzert hat als Konzertform noch lange nicht ausgedient, ebenso wenig das längst totgesagte Abonnement. Ich würde so weit gehen und sagen: Je globaler, digitaler und schneller unser Leben wird, desto bedeutsamer wird die Tradition der Alten Oper: als Anker des Beständigen, als Schutzraum der Entschleunigung, als Ort der Identität. Und trotzdem stellen wir uns als Konzerthaus die Frage, wie wir auf die vielen Veränderungen reagieren können. Wir werden als Gesellschaft diverser, vielfältiger. Aus dem einen großen Strang des Bildungsbürgertums sind viele Fäden geworden. Wenn wir uns als Haus mit der Stadt und den Menschen verbinden wollen, müssen wir vielfältige Angebote machen, nicht das eine gegen das andere ausspielen.
In der Broschüre für die neue Spielzeit heißt es, dass das Eröffnungskonzert den „Auftakt eines Transformationsprozesses hin zu einem Konzerthaus der Zukunft“ geben soll. Wie ist das zu verstehen?
Das Saisoneröffnungskonzert am 16. September markiert einen Beginn, fast auf den Tag genau fünf Jahre vor unserem Jubiläum zur Wiedereröffnung der Alten Oper vor 50 Jahren, das 2031 ansteht. Wir wollen diese Zeitspanne als Prozess begreifen und in dieser Zeit über die Aufgaben eines Konzert- und Kongresshauses nachdenken. Die Formel für die Bemühungen lautet: „Zukunftshaus Alte Oper“. Das beginnt mit dem Eröffnungskonzert am 16. September, das eben nicht nur festlich ist und an Traditionen anknüpft, sondern den Raum weit aufmacht. Es geht da um Interaktion. Es geht darum, dass die Musiker vor und nach dem Konzert persönlich mit den Menschen ins Gespräch kommen. Es ist ein durchlässiges Konzertformat. Das halte ich für ein schönes Signal des Aufbruchs. Zugleich muss die Alte Oper immer auch bei sich bleiben. Wir wollen nicht auf jeden modischen Zug aufspringen. Wir müssen authentisch bleiben. Die Alte Oper muss ein Ort der Kultur, der Kunst und der Exzellenz bleiben. Diese Exzellenz mit immer neuen Formen der Öffnung, der Teilhabe und der Kommunikation zu verbinden, wird eine der Kernaufgaben für das „Zukunftshaus Alte Oper“ sein. Dazu gehört natürlich ganz wesentlich das Bemühen um ein junges Publikum. Schon heute ist fast jeder zehnte Besucher der Alten Oper unter 25.
Sie haben zu diesem Fünf-Jahres-Plan auch eine Publikumsbefragung in Zusammenarbeit mit der Polytechnischen Gesellschaft durchgeführt. Wer wurde da befragt und was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Wir haben ganz bewusst nicht nur unsere Stammgäste und Abonnenten befragt, sondern wollten die gesamte Breite der Stadtbevölkerung erreichen. Die Polytechnische Gesellschaft hat Kontakt zu vielen gesellschaftlichen Gruppen. Ein überraschend deutliches Ergebnis war: Drei Viertel der Befragten befürworten diesen Transformationsprozess. Und das, obwohl die Alte Oper mit fast 500.000 Besuchern pro Jahr sehr erfolgreich ist. Der Erfolg von heute ist aber keine Garantie für die Relevanz von morgen. Ich sehe darin also keinen Widerspruch, sondern einen klaren Ansporn, mutig nach vorne zu blicken und das Bedürfnis der Menschen nach Veränderung ernst zu nehmen. Wie gesagt: Es geht hier nicht um ein Entweder-Oder oder gar einen Kulturkampf, sondern darum, dem Bestehenden neue, zeitgemäße Angebote an die Seite zu stellen.
Der wichtigste Hebel, den Sie als Intendant haben, um an einer solchen Gestaltung der Zukunft mitzuwirken, ist das Programm. Was hat sich unter Ihrer Intendanz schon verändert? Was soll sich weiterhin tun?
Ich glaube, wir müssen immer das Besondere suchen: Konzerterlebnisse, die einmalig sind. Früher war die Aufgabe eines Konzerthauses, ganz simpel gesprochen, Menschen mit Musik zu versorgen. Das hat sich fundamental geändert. Musik ist heute omnipräsent und permanent verfügbar. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wir müssen besser sein als die digitalen Substitute. Und wo sind wir das? In der echten, menschlichen Begegnung. Deshalb sind uns Formate wichtig, bei denen Menschen über die Musik ins Gespräch kommen, wie durch begleitende Angebote und Einführungsgespräche. Auf der anderen Seite müssen wir Erlebnisse schaffen, die man so nicht auf Spotify findet. Unsere Reihen „2 x hören“ oder die „Mittagskonzerte“ sind dafür Beispiele. Ein weiterer Ansatz ist die Interdisziplinarität, also das Zusammenspiel verschiedener Kunstformen. Musik und Fotografie oder Musik und Film – das waren inspirierende Festivals in den vergangenen Spielzeiten. Im März 2027 widmen wir dem Metropolitan Museum ein eigenes Festival. Solche kreativen Dialoge werden auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Ein Zukunftswunsch ist es, dieses Haus nicht mehr nur abends für den Konzertbetrieb zu öffnen, sondern temporär auch tagsüber. Wir überlegen gerade konkret, wie wir das realisieren können. Die Menschen sollen sich in diesem wunderschönen Gebäude an einem der attraktivsten Plätze der Stadt auch tagsüber aufhalten: um einen Kaffee zu trinken, zu lesen, zu arbeiten oder sich auszutauschen. Oder um spontan im „Open Choir“ mitzusingen und der „Open Stage“ zu lauschen. Das wäre gelebte Teilhabe und eine reizvolle Neuinterpretation der Hilmar-Hoffmann-Formel von der „Kultur für alle“.
Wenn wir noch weiter am Rad der Zeit drehen: Wie könnte sie aussehen, die Alte Oper in 20 oder 30 Jahren?
Ich spinne mal rum: Neben dem Stammhaus am Opernplatz gibt es kleine Dependancen in den Stadtteilen – ganz nah dran an den Menschen. Dort entstehen Community-Projekte, die, fertig geprobt, im großen Haus in der Stadtmitte präsentiert werden. Neben der Teilhabe wird die Vernetzung eine Schlüsselrolle spielen. Heute agieren wir im Kulturbetrieb oft noch als Einzelkämpfer: Da sind die Musikschulen, dort die Musikhochschule, hier die Orchester, daneben private Lehrkräfte und die freie Szene. In 20, 30 Jahren werden wir diese Bereiche viel klüger miteinander verknüpfen. Und sonst? Auf dem Dach der Alten Oper liegt längst Photovoltaik, das Programm und das Publikum sind noch internationaler und diverser. Vielleicht gibt es eine Konzertreihe, bei der ein Lehrer, eine Anwältin, ein Stadtplaner und eine Krankenschwester ein Konzertformat gemeinsam mit unserem Team entwickeln. Unzählige Volunteers begrüßen das Publikum. Und neben unserem Pegasus-Programm für Kinder gibt es womöglich ein Musikvermittlungsprogramm für Senioren. Der Service wird smarter, die digitale Kommunikation vor und nach dem Konzert viel intensiver. Das Versprechen der Alten Oper wird dann jedoch genau dasselbe sein wie am ersten Tag: Hier spielen Menschen für Menschen, hier hört das Publikum Musik, die von Menschen erdacht und gefühlt wurde. Hier erfahren wir Gemeinschaft, Inspiration und ein kleines Stück Glück.
Zur Person
Markus Fein ist seit 1. September 2020 Intendant und Geschäftsführer der Alten Oper. Er initiierte unter anderem das Fratopia-Festival, partizipative Formate und Angebote zur Musikvermittlung. Geboren wurde er 1971 in Frankfurt. Er ist promovierter Musikwissenschaftler und war zuletzt von 2013 an Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.
