Es ist Mittagsessenszeit im Mehrgenerationenhaus im Gallusviertel. Die älteren Damen aus der Nachbarschaft, die immer donnerstags kommen, weil da „Fischtag“ ist, hören zum ersten Mal davon, dass der Mietvertrag des Hauses zum Jahresende gekündigt worden ist. „Das wäre eine Katastrophe“, ruft eine von ihnen spontan aus. Nicht wegen des preiswerten Mittagstischs, sondern weil ein wichtiger Treffpunkt im Viertel verloren gehen würde. Ein Ort, an dem sich Jung und Alt begegnen, das alte auf das neue Gallusviertel trifft, die Alteingesessenen und die Migranten.
Mittags wird das besonders deutlich: Schüler aus den Deutsch-Intensivklassen essen hier, bevor sie in den Jugendraum abtauchen oder zur Hausaufgabenhilfe weiterziehen, sie sitzen am Nebentisch der Mitarbeiter des Hauses und der Seniorinnen aus der Nachbarschaft.
Das Haus ist ohnehin ein Bienenstock auf fast 5000 Quadratmeter Fläche, in dem ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. 140 Kinder werden in Krippe, Kindergarten und Hort betreut. Die Kita hat einen musikalischen Schwerpunkt, es gibt im Kindergarten eine bilinguale Gruppe, in der Deutsch und Arabisch gesprochen wird. Eltern werden auf Wunsch von Sozialpädagogen unterstützt, Schulkinder beim Lernen und den Hausaufgaben. Es werden Sport-, Deutsch- und Kochkurse angeboten, teils vom Haus organisiert, teils durch externe Partner wie eine Musikschule oder den Sportverein SV66. Auch der nahe gelegene öffentliche Gallus Garten wird vom Trägerverein betreut, dort kümmern sich Anwohner und Kitakinder um „ihre“ Beete. Die vielfältigen sozialen Angebote werden von 133 Mitarbeitern und fast 80 Ehrenamtlichen getragen.

Der Trägerverein des Hauses, „Kinder im Zentrum Gallus“, kam bereits 1975 zusammen. Damals suchten migrantische Mütter und Väter vergeblich nach einer mehrsprachigen Kita – und gründeten schließlich selbst eine. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte der Verein ständig sein Angebot und bewarb sich 2007 erfolgreich um Mittel beim Bund, um das Konzept eines Mehrgenerationenhauses im Gallus umzusetzen: ein soziales und kulturelles Zentrum im Viertel, in dem Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen und Alltagshilfe finden.

Der wuchtige graue Kasten an der Idsteiner Straße ist schon in die Jahre gekommen. Er wurde in den Fünfzigerjahren erbaut, um der Firma Braun AG als Produktionsstätte zu dienen, die dort Radiogeräte und Rundfunktechnik produzierte. Jetzt ist das Gebäude sanierungsbedürftig. Energetisch längst nicht mehr auf Stand, müsste das Haus dringend generalüberholt werden. In diesem Zustand übernahm es vor sieben Jahren der Immobilienentwickler Instone Real Estate, dessen Ziel es laut seiner Website ist, Wohnraum zu entwickeln. Dazu ist es seitdem jedoch nicht gekommen. Das Mehrgenerationenhaus ist weiterhin, wie schon seit 2007, Mieter in dem alten Firmengebäude. Seit sieben Jahren bekommt dafür Instone jeden Monat 41.000 Euro von der Stadt.
Der Mietvertrag ist nicht auf Ewigkeit geschlossen, er wurde in den vergangenen sechs Jahren mehrfach und geräuschlos verlängert. Nun läuft er zum Jahresende wieder aus, aber die Vertragsparteien konnten bislang keine Einigung erzielen, wie es weitergehen soll. Ein Gebäudetausch, ein Mietvertrag unter anderen Bedingungen, ein Verkauf des Hauses stehen zur Debatte, allerdings gehen die Vorstellungen über den Preis weit auseinander.

Über den Investor sprechen auch die Mitarbeiter des Mehrgenerationenhauses nur gut: Sie hätten jahrelang vertrauensvoll zusammengearbeitet. Ein Sprecher von Instone betont ebenfalls, dass man die „wichtige Institution“ im Gallus schätze und eine Lösung anstrebe. Auch der Magistrat unterstützt das Anliegen grundsätzlich, wie er in einer Antwort auf eine Anfrage der Linken im Römer deutlich gemacht hat. Das Mehrgenerationenhaus solle möglichst am Standort erhalten bleiben, teilt der Magistrat schriftlich mit. Man befinde sich dazu nach wie vor in intensiven Verhandlungen mit dem Vermieter, über die jedoch Vertraulichkeit vereinbart sei.
Dass nun über die laufenden Gespräche in der Presse berichtet wird, war nicht im Sinne der Verhandlungsführer. Aber die Mitarbeiter und der Trägerverein blicken sorgenvoll auf die wenigen Monate, die noch bleiben, um eine Einigung zu erzielen. Was soll werden, wenn der Verein tatsächlich zum Jahresende ausziehen muss? Die Mitarbeiter fürchten, dass die vielen Initiativen, die bis jetzt unter einem Dach versammelt sind, auf mehrere kleine Standorte verteilt werden müssten. Doch die müssten erst einmal gefunden werden.
Der Verein „Kinder im Zentrum Gallus“ hat deshalb eine Petition gestartet, um die Institution im Viertel am gewohnten Standort dauerhaft zu sichern. Die Stadt solle das Haus zu einem „gemeinwohlorientierten Preis“ dem Investor Instone abkaufen. „Unternehmen tragen nicht nur Verantwortung für ihre wirtschaftlichen Ergebnisse, sondern auch für die Quartiere, die sie entwickeln und prägen“, heißt es in der Petition, die auf der Website des Vereins verlinkt ist. Mehr als 3000 Menschen haben bereits unterzeichnet, einige nutzen die Gelegenheit, um zu schildern, was ihnen der Treffpunkt im Viertel bedeutet: „Das Mehrgenerationenhaus bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnet wären. Solche offenen Begegnungsorte darf das Gallus nicht verlieren.“
