Im Saalbau Bornheim, einem Frankfurter Bürgerzentrum im Osten der Stadt, geht es an diesem Abend um den Ernstfall. Es ist Ende August. Zwei Wochen bevor am „Bundesweiten Warntag“ um 11 Uhr Sirenen aufheulen und ein schriller Alarm aus Mobiltelefonen ertönt. In Frankfurt sensibilisieren zugleich Katastrophenschutzverbände, Feuerwehr und Polizei eine Woche lang für Bevölkerungsschutz und üben für hybride Angriffe.
Auch an diesem Abend im Bürgerhaus geht es um Panzer und Krankenhäuser, um Kurbelradios und die Menge an Nahrung und Trinkwasser, die jeder Bürger vorrätig haben sollte. Der Saal ist voll. Schnell müssen weitere Stühle aufgestellt werden. „Wer hat denn schon Notvorräte angelegt?“, wird gleich zu Beginn in den Saal gefragt. Rund ein Drittel der Anwesenden hebt die Hand. Nächste Frage: „Und wer hat dazu noch einen Notfallkoffer?“ Eine Hand bleibt in der Luft.
Das, was sich an jenem Abend im Bürgerhaus abgespielt hat, steht sinnbildlich für eine Diskussion, die in diesen Tagen verstärkt geführt wird. Die Sicherheitsbehörden nehmen seit geraumer Zeit eine Zunahme an hybriden Angriffen auf die kritische Infrastruktur wahr. Längst heißt es in den Behörden, es sei keine Frage mehr, ob irgendwann „der große Blackout“ komme, sondern nur noch, wann. Aus Sicht von Katastrophenschützern beginnt genau dann die entscheidende Phase, in der der Bürger selbst für sich sorgen muss.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ruft seit Jahren dazu auf, dass Bürger sich Notvorräte anlegen sollen. „Extreme Wetterereignisse nehmen zu. Durch Cyberattacken, Desinformation oder Sabotage finden Angriffe auf Infrastrukturen, Meinungsbildung und Zusammenhalt statt“, heißt es auf der Internetseite der Behörde. „Selbst ein Krieg scheint nicht mehr so ausgeschlossen zu sein wie noch vor einigen Jahren.“
Eigene Vorsorge entlastet die Rettungskräfte
Vorsorge könne helfen, extreme Situationen besser zu bewältigen. „Sie wissen, was zu tun ist, und können dadurch ruhiger bleiben. Sie können sich und andere versorgen, bis Hilfe eintrifft. Sie entlasten die Rettungskräfte. Die können dann Menschen unterstützen, die sich nicht selbst helfen können.“
Dass genau das ein Problem in Krisenlagen ist, davor warnt auch Markus Röck, Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr und einer der führenden Strategen für Katastrophenschutz in Deutschland. Er sagt, in einem Ernstfall könne sich der Staat nur um die wirklichen Notfälle kümmern. „Dort, wo Gesundheit und Leben gefährdet ist. Für alle anderen Belange gilt: Der Bürger muss in der Lage sein, sich zumindest eine Zeit lang selbst helfen zu können.“ Konkret bedeute das: Vorräte anlegen, Checklisten abarbeiten, Powerbanks bereithalten und ein Kurbelradio besorgen, damit man an wichtige Informationen gelangen könne. Damit sei jeder fürs Erste gut ausgestattet.
Röck sieht eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich über lange Zeit etabliert habe, die aber in Krisenzeiten nicht mehr funktioniere. „Wir haben aus Staatsbürgern ein Stück weit Konsumenten gemacht, die eine Art Dienstleistungsmentalität gegenüber dem Staat entwickelt haben“, sagt er. „Das ist natürlich in einer gewissen Weise auch richtig. Aber spätestens in einer Krise zerfällt dieses Konstrukt. Wenn der Bevölkerungsschutz aktiviert wird, dann ist es die Pflicht jedes Einzelnen, für sich selbst Vorkehrungen zu treffen, weil wir die Ressourcen, die wir als Staat vorhalten, dafür benötigen, Gefahr für Leib und Leben abzuwenden und schnellstmöglich die Infrastruktur wieder hochzuziehen“, sagt Röck. „Das heißt, eine Säule des Bevölkerungsschutzes besteht auch darin, dass jeder seinen Selbstschutz organisiert.“
Vorräte anlegen mindert die Ängste
Doch wie kann das gelingen? Wie sorgt man als Bürger vor, ohne in Angst oder Panik zu verfallen? Was macht es mit Menschen, die ohne die Aussicht auf Krieg oder Blackout aufgewachsen sind, sich nun mit dem Gedanken befassen zu müssen, dass es so vielleicht nicht bleibt?
Antworten darauf hat Professor Lars Gerhold. Er lehrt und forscht an der Technischen Universität Braunschweig und am Weizenbaum-Institut in Berlin zu soziotechnischen Systemen und Resilienz. Eine Mehrheit in Deutschland, sagt er, nehme bereits wahr, dass globale Krisen wie der Krieg in der Ukraine, eine Pandemie oder der Klimawandel auch für das eigene Leben eine Bedrohung darstellen könnten.
Damit der Schritt gemacht werde, sich daraufhin auch ganz konkret mit der eigenen Krisenvorsorge zu beschäftigen, müssen Gerhold zufolge zwei Faktoren zusammenkommen: „Kommen das Gefühl von Wirksamkeit und die Wahrnehmung eines möglichen Krisenereignisses als relevant zusammen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen beginnen, Vorsorge und Schutzmaßnahmen umzusetzen. Beides wiederum kann durch Hinweisreize verstärkt werden: zum Beispiel Warnungen, Hinweise aus dem sozialen Umfeld, Informationen aus den Medien.“ Wer lediglich eine Bedrohung für sich selbst wahrnehme, aber keine Möglichkeit zu handeln, könne dagegen Furcht empfinden. „Die Menschen müssen davon überzeugt sein, dass sie selbst etwas tun können, um sich zu schützen, und dass dieses Tun auch sinnvoll ist.“
Einhundert Kilogramm Lebensmittel für die ganze Familie
Im Jahr 2025 gaben bereits zwei Drittel der Bevölkerung an, sich „mittelmäßig“ bis „sehr gut“ auf die Folgen von Krisen und Katastrophen vorbereitet zu fühlen – eigenständig vorgesorgt hat dagegen ein deutlich geringerer Anteil. Etwa die Hälfte hat eine Warn-App installiert. Ein Viertel gab an, das empfohlene Notgepäck, wie es auch auf der Frankfurter Bürgerversammlung abgefragt wurde, parat zu haben. Und den vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfohlenen Lebensmittelvorrat für zehn Tage hat etwa die Hälfte zu Hause. Konkret bedeutet das: mindestens drei Kilogramm Grundnahrungsprodukte wie Brot oder Kartoffeln, insgesamt knapp sieben Kilogramm Obst und Gemüse und vier Kilogramm Tierprodukte für eine Person.

Damit kommt man auf die durchschnittlichen zweitausend Kilokalorien. Für zwei Liter Flüssigkeit pro Tag müssen noch mindestens zwei Getränkekästen bereitstehen. Mit einem „Vorratskalkulator“ des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat lässt sich die Liste ganz schnell hochskalieren: zum Beispiel für einen Vier-Personen-Haushalt auf rund einhundert Kilogramm Nahrungsmittel und mindestens vier Getränkekästen. Aber auch für diese Vorräte braucht man noch keinen Keller, keine ganze Garage. Ein „Krisen-Regal“ oder freier Stauraum in der Wohnung reicht aus.
„Entscheidend ist, dass wir Handlungsfähigkeit kommunzieren“, sagt Gerhold weiter. Zudem sollte immer transparent und klar mitgeteilt werden, was über mögliche Bedrohungen bekannt ist und was nicht. Die Nachricht könne lauten: „Wir sind verwundbar, aber wir sind nicht hilflos. Daraus erwächst aus meiner Sicht Resilienz.“
„Krisen lassen sich nicht immer verhindern“
Und noch ein weiterer Aspekt ist Gerhold wichtig: „Krise ist kein Ausnahmezustand, auf den man sich vorbereitet. Vielmehr sollte deutlich werden, dass unsere hochvernetzten und komplexen kritischen Infrastrukturen ebenso wie unser hohes Maß an Technisierung, die uns ja ein gutes Leben ermöglichen, auch Verwundbarkeiten mit sich bringen. Und diese muss man ernst nehmen.“
Darauf weist auch der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) im Zusammenhang mit der „Woche der Resilienz“ hin, die für Hessen ausgerufen worden ist. „Krisen lassen sich nicht immer verhindern. Aber wir können und müssen uns bestmöglich auf sie vorbereiten“, sagt er. „Die vergangenen Jahre haben uns eindrücklich gezeigt, wie unterschiedlich Krisen aussehen können.“ Die Corona-Pandemie, die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, Extremwetterereignisse, Cyberangriffe, Desinformation und hybride Bedrohungen machten deutlich, dass ein handlungsfähiger Staat belastbare Strukturen und Menschen brauche, die auch unter hohem Druck wüssten, was zu tun sei.
Letztlich sei ein Staat nur so resilient wie seine Bürger. „Selbstschutz und Selbsthilfe sind keine neuen Begriffe, sie sind in sicheren und guten Jahren aber etwas aus dem Bewusstsein gerückt.“ Wer Wasser, haltbare Lebensmittel und die wichtigsten Medikamente für einige Tage im Haus habe, bleibe im Ernstfall handlungsfähig und könne Übergangszeiten überbrücken. „Das ist kein Alarmismus, sondern gelebte Eigenverantwortung.“
Was gehört in den Notvorrat?
Doch was gehört außer Nahrungsmitteln und ausreichend Trinkwasser noch in den Notvorrat? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat für Bürger eine Checkliste erstellt, die mehrere Szenarien abdeckt: Schlüssel, Mobiltelefon und Geldbörse sollten immer griffbereit sein; ebenso wichtige Dokumente. An technischem Equipment sollten eine Taschenlampe, Batterien und eine geladene Powerbank nicht fehlen, außerdem ein Kurbelradio oder eines, das mit Batterie betrieben wird. Ebenso ein Campingkocher oder ein Gasgrill sowie ein Taschenmesser und ein Dosenöffner. Darüber hinaus wird empfohlen, eine Liste mit den wichtigsten Telefonnummern auf Papier griffbereit zu haben sowie Kerzen, ein Feuerzeug, wichtige Medikamente und einen Erste-Hilfe-Kasten. Außerdem solle ein Notgepäck vorhanden sein mit warmer Kleidung, einer Decke und Schlafsäcken.
Das Leitszenario der Katastrophenschützer ist ein tagelanger, flächendeckender Stromausfall. Markus Röck sagt: „Wenn wir damit umgehen können, dann gelingt das auch mit anderen Szenarien.“ Darüber hinaus denken die Behörden aber auch schon weiter, wie Röck sagt. „Worauf wir hinarbeiten, ist, Lagen zu beherrschen, in denen gleich mehrere Krisenszenarien zusammenkommen.“ Extremwetter, Cyberangriffe, Angriff auf die Strom- und Trinkwasserversorgung.
Aus Sicht von Resilienzforscher Gerhold sind Simulationen solcher Krisenszenarien sinnvoll – nicht nur aus Sicht der Behörden, sondern auch für die Bürger selbst. „Wir haben an unserem Institut eine Augmented-Reality-Anwendung entwickelt, die Hochwasser in den eigenen vier Wänden simuliert oder die Erfahrungen Betroffener aus dem Ahrtal erlebbar macht. Und wir können zeigen, dass dies die Bereitschaft, selbst Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, erhöht.“
Zudem sei ein wesentlicher Faktor nicht zu unterschätzen: das unmittelbare soziale Umfeld. „Wir sind dabei nicht allein, wir sind viele, und gemeinsam können wir Krisen besser bewältigen.“ Auch bei der Bürgerversammlung in Frankfurt-Bornheim wird, gerade Bürgern in anonymen Großstädten, ein ganz simpler Rat erteilt: „Lernen Sie Ihre Nachbarn kennen.“
