14. September 2026 · Maurizio Cattelan ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler. Unser Autor trifft ihn vor der großen Berliner Ausstellung auf den Äolischen Inseln – beim Frühstück, am Hafen und beim Abendessen mit Freunden.
FRÜHSTÜCK
„Seit wann kommst du eigentlich nach Filicudi?“
„Seit Jahren.“
„Nenn mir eine Zahl.“
„80.“
„80 Jahre?“
„Nein. Aber du hast nach einer Zahl gefragt.“
Wir hatten uns für halb zehn verabredet. Eine halbe Stunde zu früh taucht neben dem Tisch, an dem ich frühstücke, ein Mann auf. Auf dem Kopf ein Motorradhelm über einem rosafarbenen Bandana. Sonnenbrille mit leuchtend gelbem Gestell. Ich erkenne Maurizio Cattelan an seinem Schuljungenlächeln.
Er ist einer der einflussreichsten Künstler des 21. Jahrhunderts.
Am Vortag war ich auf Filicudi angekommen, einer der Äolischen Inseln, 40 Meilen vor der Küste Siziliens. Ein ramponiertes Auto hatte mich vom Anleger der Tragflügelboote zu einer familiengeführten Pension gebracht, die 133 Höhenmeter weiter oben am Hang klebt. Der betagte Fahrer kaute mit grimmiger Entschlossenheit Kaugummi.
„Maurizio?“, sagte er. „Vor vier Tagen angekommen. Gerade eben war er noch bei Nino an der Bar.“
In der Pensione La Rosa sagte die Besitzerin:
„Maurizio? Gestern hat er hier das WM-Finale geschaut.“
Jetzt setzt sich der Künstler an meinen Tisch. Ich bemerke, dass ihn auf der Insel offenbar jeder kennt.
„Die übertreiben alle“, sagt er. „Es gibt nur eine Wahrheit: Spanien hat die Weltmeisterschaft gewonnen.“
Cattelan übernimmt augenblicklich die Kontrolle über das Gespräch. Ich werde von einem Hagel aus Fragen überschüttet. Wer ich sei. Was ich beruflich mache. Ob ich Kinder habe. Es gelingt mir nicht, auch nur eine einzige eigene Frage dazwischenzuschieben.
„Also bist du Unternehmer“, sagt er.
„Ich weiß nicht, ob ich mich so nennen würde.“
„Du bist Unternehmer.“
„So würde ich mich nie beschreiben.“
„Dann bist du ein echter Unternehmer.“
Wieder dieses Grinsen.
Ich versuche einen Gegenangriff.
„Und du bist der größte Künstler dieses Jahrhunderts.“
Er schüttelt den Kopf.
„Ich bin nicht besser als ein Kellner, der Servietten besonders gut faltet.“
Er nimmt die Papierserviette vor mir und faltet sie geschickt zwischen den Fingern.
„Niemand ist besser als jemand anderes. Der Drang, Menschen in Ranglisten einzuordnen, schafft nur Probleme. Jedes Gefühl von Überlegenheit zerstört etwas.“
„Gut“, sage ich. „Dann formuliere ich es anders: Ich bewundere den Einfluss, den du auf die Kunstwelt ausübst.“
Er stößt einen theatralischen Seufzer aus und lächelt verschmitzt.
„Va bene. Grazie.“
Es scheint, als flösse Quecksilber durch seine Adern. Er ist ruhelos, nervös. Er wischt Krümel weg, die gar nicht da sind, lässt die Zuckertütchen in ihrem Behälter klappern, hebt jedes einzelne Stück Obst aus einer Schale und prüft es sorgfältig: Aprikose, Birne, Pflaume, Feige.
„Möchtest du einen Kaffee?“, frage ich.
„Ich habe noch nie Kaffee getrunken.“
„Bist du überhaupt Italiener?“
„Vielleicht nicht. Ich habe auch nie ein Auto besessen. Und Alkohol trinke ich kaum.“
Sein Blick wandert über die Terrasse, als suche er nach einer Ablenkung.
„Was möchtest du heute machen?“, fragt er.
„Es ist deine Insel.“
„Wenn es dir recht ist, gehe ich zuerst schwimmen.“
„Dann komme ich mit.“
„Beim Schwimmen können wir nicht reden.“
„Hattest du das denn vor?“
Das Grinsen kehrt zurück.
„Ich verstehe, worauf du hinauswillst.“
Er lacht oft. Manchmal explosionsartig. Immer irgendwo zwischen Verspieltheit und Neckerei. Er besitzt den Charme eines Lausbuben und führt mir mit übertriebenen Grimassen freundlich vor Augen, wie unerquicklich er Interviews findet. Im einen Moment hängt ihm die Zunge wie einem erschöpften Stier in der Arena aus dem Mund, im nächsten bläht er die Lippen auf wie ein gelangweilter alter Mann.
„Oh“, sagt er, als er mein Notizbuch entdeckt. „Du kannst schreiben, ohne hinzusehen.“
„Hinterher kann ich kaum entziffern, was ich notiert habe.“
„Perfekt“, sagt er. „Dann kannst du dir einfach etwas ausdenken.“
Cattelan zu porträtieren ist, als würde man ein Spiel ohne Regeln spielen. Er ist bemerkenswert großzügig mit seiner Zeit und seiner Freundlichkeit, doch seine Antworten gleichen Ausweichmanövern. Die einzigen eindeutigen Aussagen, die er während des Frühstücks macht, lauten:
„Diese Feigentarte ist köstlich.“
Und: „Nein, die Aprikosentarte ist zu süß.“
Er geht zu einer Karte der Insel hinüber, die wandfüllend aufgemalt ist.
„Filicudi sieht aus wie eine Hühnerkeule, siehst du das?“
Er legt die Hand auf die Karte.
„Schau, hier sind wir gerade.“
„Nein, nein“, sage ich. „Wir sind hier.“
Er zischt durch die Zähne.
„Du hast recht. Ich lag daneben.“
Mit dem Finger tippt er auf eine Bucht.
„Und hier werde ich schwimmen gehen.“
Dann fragt er, ohne einen Augenblick zu verlieren:
„Wie warst du eigentlich in der Schule?“
Ich spiele die Frage zurück.
„Und du?“
Wieder bläst er die Backen auf.
„Mein Trauma. Nachdem ich zum zweiten Mal sitzengeblieben war, hatte ich genug. Mit 17 begann ich zu arbeiten. Im Krankenhaus, in einer Fabrik für Generatoren, solche Dinge. Mein Diplom habe ich später in der Abendschule nachgeholt, im Programm für Erwachsene, die eine zweite Chance bekommen. Umgeben von alten Leuten.“
Er wiederholt:
„Aber du? Wie warst du in der Schule?“
„Kein einfacher Schüler. Einmal hat jemand die Vorhänge angezündet, und der Direktor hielt mich sofort für den Hauptverdächtigen, obwohl ich nichts damit zu tun hatte.“
Er kneift die Augen zusammen.
„Ich war auch ein Plagegeist. Aber meine Noten waren nicht gut genug, um damit davonzukommen.“
Wir gehen schwimmen.
Er setzt sich auf seinen Elektroroller und sagt: „Ich würde dich mitnehmen, aber ich habe keinen zweiten Helm. Geh den Eselspfad hinunter. Wir sehen uns am Strand.“
Und schon ist er verschwunden.
DER HAFEN
Ich habe ihn verloren.
Als ich schließlich, schweißgebadet und heiß wie frische Lava, den Hafen erreiche, ist Maurizio Cattelan nirgends auf dem Kiesstrand zu sehen, den er mir zuvor gezeigt hatte. Auch sein Roller ist verschwunden.
Für einen Moment fürchte ich, er habe sich davongemacht.
Es wäre nicht das erste Mal.
Eine Reporterin der „New York Times“ führte einst ein ausführliches Interview mit ihm, nur um anschließend festzustellen, dass sie gar nicht mit Cattelan gesprochen hatte, sondern mit einem seiner Freunde. Jahrelang schickte der Künstler seinen Freund und Kurator Massimiliano Gioni zu Interviews, Vorträgen oder Fernsehauftritten an seiner Stelle.
Cattelan meidet die Medien.
Monatelang hatte ich versucht, ein Treffen zu arrangieren. Seine Mailänder Galerie, Massimo De Carlo, bot mir schließlich ein Interview per E-Mail an. Ich antwortete, dass ich keine Interviews führe – schon gar nicht per E-Mail.
Kurz nach Neujahr traf dann eine Nachricht von Cattelan selbst ein: Buon anno. Se per te va bene, potremmo incontrarci quest’estate alle isole Eolie.
Frohes neues Jahr. Wenn es dir passt, könnten wir uns diesen Sommer auf den Äolischen Inseln treffen.
Nach eineinhalb Stunden bangen Wartens entdecke ich in der flimmernden Ferne eine schlanke Gestalt, die sich am Wasser umzieht. Für einen Augenblick glaube ich, einen nackten Körper zu sehen.
Der Mann kommt näher.
Es ist tatsächlich Cattelan.
Als er den Baum erreicht, unter dem ich im Schatten Zuflucht gesucht habe, sagt er:
„Ah. Du bist also noch hier.“
Während des kurzen Wegs zum Hafen begrüßt er nahezu jede Person, der wir begegnen, und stellt mich allen vor.
Zu einer Gruppe elegant gekleideter Mailänderinnen, die wie er Ferienhäuser auf der Insel besitzen, sagt er:
„Mein Gast ist seit mehr als 30 Jahren verheiratet. Deshalb sucht er eine Freundin. Wenn ihr mögt, arrangiere ich euch für diese Nacht.“
Dann betritt er einen winzigen Lebensmittelladen.
Touristen fotografieren ihn verstohlen.
Ich glaube nicht, dass er es bemerkt.
Er kauft Weintrauben, mehrere Bananen, zwei Brötchen und für jeden von uns eine große Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure.
Mit unseren Vorräten setzen wir uns auf die Terrasse von Ninos Bar, die über dem Meer schwebt. Wir bestellen nichts. Während er Trauben pflückt, sagt er:
„Mit 17 bin ich von zu Hause weggegangen. Mit zwei Plastiktüten. Ich bin nie zurückgekehrt. Ich wollte unabhängig sein.“
Das ist schon mehr Persönliches, als ihm angenehm ist, denn sofort dreht er das Gespräch wieder um.
„Und du?“
Ich starte einen Überraschungsangriff.
„Bist du in einer Beziehung?“
Die Frage ist zu direkt.
Er verzieht theatralisch das Gesicht.
„Ich bin kein Familienmensch. Wollte ich nie sein. Aber glaubst du wirklich, dass deine Leser sich für solche Dinge interessieren?“
„Tun sie.“
„Na gut. Meine Freundin heißt Liebe. Ich habe acht Kinder. Und ich koche ständig.“
„Vielen Dank für diese Information.“
Nach einer kurzen Pause sagt er:
„Einmal hatte ich tatsächlich eine Beziehung. Aber sie hat eine mehrwöchige Radtour durch Asien nicht überlebt.“
Er lächelt.
Dieser Teil war wahr.
Wenig später schält er eine Banane. Erst nach einigen Sekunden begreife ich das Bild, das er mir gerade schenkt.
„Warte, warte!“
Ich fummle nach meinem Telefon.
Geduldig hält er die Pose.
Als ich das Foto mache, zwinkert er mir zu.
Gerade läuft das Tragflügelboot aus Milazzo ein. Cattelan wechselt den Platz, um die ankommenden Passagiere beobachten zu können. Er hängt halb über dem Geländer und betrachtet das Meer aufmerksamer, als er mich betrachtet. Ich beschließe, die Strategie zu wechseln. Einfachere Fragen.
„Wurdest du als Künstler geboren, oder bist du einer geworden?“
„Das war ein langer Prozess. Als ich jung war, spielte Kunst überhaupt keine Rolle in meinem Leben. Gar keine. Später stellte ich schon aus, bevor ich eigentlich Künstler geworden war.“
„Wachst du morgens auf und denkst: Ich muss etwas erschaffen?“
„Nein. Ich wache auf und denke: Ich muss schwimmen gehen.“
„Du willst mir also erzählen, dass du gar kein richtiger Künstler bist?“
Er stöhnt dramatisch.
So viele Fragen.
„Ich muss akzeptieren, dass Künstler mein Beruf ist. Ein Arzt kann nicht sein ganzes Leben lang darüber klagen, Arzt geworden zu sein. Aber wenn du versuchst, meinem Künstlersein irgendeinen höheren Status zuzuschreiben, dann lehne ich das vollständig ab.“
„Aber Maurizio . . .“
„Glaubst du wirklich, dass ich wichtig bin?“
Die Frage stellt er mit aufrichtiger Neugier.
„Es gab so viele Künstler, die eine Zeit lang modern waren und dann verschwanden. Du und ich sind bloß Lichtblitze. Winzige Punkte. Die Zeit wird entscheiden, ob wir einen Fleck hinterlassen, der sich nicht mehr entfernen lässt.“
Er hält inne.
„Ich bezweifle, dass ich in fünf Jahren noch relevant bin.“
In diesem Moment beginne ich zu begreifen, dass dieses Porträt ein Kampf ist, den ich nicht gewinnen kann.
Im September eröffnet in Berlin eine große Retrospektive von Maurizio Cattelan. In Metz läuft noch bis ins nächste Jahr eine Ausstellung, die er kuratiert hat und die eigene Arbeiten mit Werken aus der Sammlung des Centre Pompidou zusammenführt.
„Ich bin niemand, der erschafft. Ich bin jemand, der Probleme löst. Im Moment habe ich zum Beispiel in Berlin eine Ecke von 20 Quadratmetern, für die ich noch keine Lösung gefunden habe. Aber das ist kein Drama. In meinem Kopf wird ständig geladen und entladen, hinzugefügt und gelöscht.“
„Ich glaube, das älteste Werk dort wird mein hängendes Pferd sein.“
Er meint The Ballad of Trotsky oder Novecento, Arbeiten, in denen ein präpariertes Pferd hoch im Raum an einem Seil hängt.
„Das habe ich am Ende des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass die Arbeit noch steht. Manche Werke leisten erstaunlich lange Widerstand.“
Ich mache den Fehler zu sagen: „Ich glaube, dass diese Arbeiten einen ähnlichen historischen Einfluss auf die Kunst hatten wie Picassos Guernica, Tracey Emins My Bed und Damien Hirsts Hai.“
Mehrere Sekunden lang lässt er die Zunge weit aus dem Mund hängen.
„Es wäre ziemlich anmaßend, wenn ich das auch glauben würde.“
Er zeigt aufs Wasser.
„Sieh dir diese Yacht dort an.“
Ein Fluchtversuch.
„Ich glaube, das ist ein Charterboot. Man erkennt sofort, dass sie nicht segeln können.“
„Du hast gerade von Werken gesprochen, die Widerstand leisten.“
„Meinem Status gebe ich noch fünf Jahre. Wie ein Sommerhit, der wieder verschwindet.“
„Ach komm. Du bist der Mozart der Kunstwelt. Einige deiner Werke sind längst Klassiker.“
„Gut, ich könnte ein Vertreter meiner Generation sein. Aber dann wäre ich einer von 100 anderen. Du hältst meine Werke für zeitlos? Ich bezweifle das.“
„Ich habe deine große Retrospektive in Seoul gesehen . . .“
„. . . hattest du nichts Besseres zu tun?“
Dieses Grinsen.
„. . . und ich fand sie beeindruckend.“
„Währenddessen denke ich seit Monaten über diese20 Quadratmeter nach.“
„Und wenn dir rechtzeitig nichts einfällt?“
Er zuckt mit den Schultern.
„Dann bin ich der Einzige, dem auffällt, dass ich etwas zeige, mit dem ich unzufrieden bin.“
Jemand kommt vorbei, um ihn zu begrüßen.
Cattelan stellt mich vor: „Dieser Mann röstet mich am offenen Feuer.“
Später sagt er: „Weißt du was? Ich bestimme die Regeln meines eigenen Spiels. Noch immer frage ich mich jeden Tag, was ich eigentlich tue, geschweige denn, wie ich arbeite. Ehrlich gesagt mache ich sehr wenig.“
„Wirst du in Berlin neue Arbeiten zeigen?“, frage ich.
Er nickt.
„Vor Kurzem ist ein Freund von mir gestorben und eingeäschert worden. Wir hatten vereinbart, dass ich seine Asche verwenden darf.“
„Du bist nicht der Erste, der menschliche Asche in einem Kunstwerk verwendet.“
„Ich bin nie der Erste. Bei nichts.“
„Jill Magid hat die Asche des Architekten Luis Barragán in einen Diamanten verwandeln lassen.“
„Ich habe das Pulver in einem Feuerlöscher durch die Asche meines Freundes ersetzt.“
„Wow. Ein Gerät zum Löschen von Feuer, gefüllt mit jemandem, der durch Feuer zu Asche geworden ist. Brillant.“
„Ich nenne die Arbeit Dust.“
„Großartiger Titel. ,Zu Staub sollst du werden.’“
„Es wird ein Werk ohne Marktwert sein, denn gesetzlich darf man nicht mit menschlichen Überresten handeln. Und meinen Freund würde ich ohnehin nicht verkaufen. Vielleicht schenke ich ihn einem Museum.“
„Es ist auch genau die Art von Objekt, die Menschen lieben, die in Museen für Gegenwartskunst unbedingt witzig sein wollen. Sie zeigen auf einen Stuhl oder einen Feuerlöscher und sagen: ,Na, das hätte ich auch machen können.’“
„Vor ein paar Tagen hat mich seine Frau angerufen. Wenn sie stirbt, möchte sie, dass ich ihre Asche zu seiner hinzufüge. Aber für sie werde ich einen eigenen Feuerlöscher machen. Inzwischen habe ich ihr einen kleinen Anhänger in Form eines Miniatur-Feuerlöschers geschenkt, mit etwas Asche ihres Manns darin.“
„Wer führt eine Arbeit wie diesen Feuerlöscher eigentlich aus?“
„Eine Feuerlöscherfabrik.“
„Und wenn du auf die Idee kommst, einen Tischfußball für 22 Spieler zu bauen, wie bei Stadium – wer macht so etwas?“
„Die Fabrik, die solche Tische herstellt. Ich habe kein Atelier. Ich habe keine Mitarbeiter.“
Er seufzt, stöhnt und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
Es ist halb eins.
„Sollen wir etwas essen gehen?“
PECORINI
Cattelan nimmt seinen Roller.
Ich bitte den Kaugummi kauenden Fahrer um eine Mitfahrgelegenheit.
Die Straße steigt über den Bergrücken an und stürzt sich dann in einer Folge enger Kurven hinunter nach Pecorini – Kurven, die einem den Atem rauben. Das Dorf erscheint plötzlich: eine Handvoll Häuser zwischen sonnenverbrannten Felsen und dem Meer, wie eine verblichene Postkarte.
Ich finde Cattelan auf der Terrasse des „La Sirena“, dem einzigen Restaurant des Weilers.
„Bist du sicher, dass es hier nicht zu heiß ist?“, fragt er besorgt. „Sollen wir uns unter den Ventilator setzen?“
Wir setzen uns nicht unter den Ventilator.
Stattdessen studieren wir die Speisekarte.
„Vermicelli“, murmelt er. „Ich hasse dieses Wort. Vermi. Würmer. Insekten. Ugh.“
„Man nennt dich oft einen Provokateur“, sage ich. „Aber weißt du, was ich provokativ finde? Schlechte Kunst. So etwas wie das Zeug, das hier an den Wänden hängt.“
„Schau dir diesen Schwimmer an.“
Er zeigt aufs Meer.
Sein Mund senkt sich in ehrlicher Bewunderung.
„Mutiger Mann.“
Die Beurteilung anderer Künstler interessiert ihn offenkundig überhaupt nicht.
„Sammelst du selbst Kunst?“, frage ich.
Als Antwort blökt er wie ein Schaf.
„Määäh.“
Wir bestellen das Mittagessen.
Dann schweift sein Blick durch den Raum.
„Oh! Da ist Lela!“
„Wer ist Lela?“
„Als ich jung war, hatte sie in Mailand ein Möbelgeschäft. Sie ließ mich monatelang auf einem Sofa dort schlafen. Mitten im Ausstellungsraum. Manchmal habe ich sogar im Schaufenster übernachtet.“
„Im Ernst?“
„Wer weiß?“
„Ich werde sie fragen.“
Ich gehe über die Terrasse.
Lela ist schlank, älter und makellos elegant.
„Hallo, Lela. Ich bin Thomas. Ich versuche, Maurizio zu interviewen.“
Sie lacht.
„Unmöglich. Er reagiert wie ein schwieriges Kind, sobald jemand persönliche Fragen stellt.“
Auf der anderen Seite der Terrasse fuchtelt Cattelan mit beiden Armen und lacht. Er signalisiert mir, zurückzukommen.
„Stimmt es, dass er in deinem Geschäft geschlafen hat?“
„Ja“, sagt sie. „In den Neunzigerjahren hatte ich in Mailand eine Möbelgalerie. Wir arbeiteten mit großen Designern zusammen, unter ihnen Ettore Sottsass.“
Sottsass, Mitgründer der Memphis-Bewegung, entwarf einige der ikonischsten Objekte des italienischen Nachkriegsdesigns, darunter die leuchtend rote Schreibmaschine Valentine von Olivetti.
„Eines Tages kam Maurizio herein“, fährt Lela fort. „Ein neugieriger, ernster junger Mann. Er entwarf sogar Möbel für uns. Er war schon damals ein Genie.“
„Er hasst es, wenn ich ihn so nenne.“
„Das gehört zu seinem Spiel“, sagt sie. „Ich glaube, er weiß es selbst.“
Zurück am Tisch richte ich ihm das Kompliment aus.
„Lela sagt, du seist schon als junger Mann ein Genie gewesen.“
„Das sagt sie, weil sie das heute denkt.“
„Und damals nicht?“
„Damals dachte das niemand.“
Das Essen wird serviert.
Während wir essen, stellt er Fragen über mein Leben in Apulien. Ich tausche eine Information gegen eine andere ein – dass ich in einem Olivenhain lebe, in einer Villa, die meine Frau entworfen hat, in der Hoffnung, etwas Persönliches zurückzubekommen.
„Im Magazin ‚Living‘, der Beilage des ‚Corriere della Sera‘, habe ich Fotos der alten Silberwarenfabrik in Mailand gesehen, in der du wohnst. Beeindruckender Ort.“
„Nein“, sagt er. „Ich wohne in einem Zimmer.“
„In einem Zimmer?“
„Spielt es eine Rolle, wo ich wohne? Ist die Vorstellungskraft nicht schöner als die Wirklichkeit?“
Ich starre ihn hilflos an.
Er bricht in Gelächter aus.
„Schau mich doch nicht so an!“
Dann zeigt er wieder aufs Meer.
„Nein, ernsthaft. Sieh mal, wie weit dieser Schwimmer inzwischen draußen ist.“
Er dreht sich zu mir um.
„Gut. Ich wohne in einem großen Zimmer. Ist das wirklich das, was deine Leser wissen wollen? Wo ich wohne?“
Wieder vereinfache ich meine Fragen so weit, dass sie kaum noch zu umgehen sind.
„Worauf bist du am meisten stolz?“
„Darauf, dass ich bereit bin, ein Problem ungelöst zu lassen, um nach der Lösung eines anderen zu suchen.“
„Dein größtes Talent?“
„Dass ich akzeptiere, nicht immer genug Zeit zu haben, um etwas perfekt zu machen. Dass ich ein unvollendetes Werk aus den Händen geben kann, ohne mich deshalb selbst wie ein unvollendeter Mensch zu fühlen.“
„Bereust du etwas?“
„Vieles. Ich bekenne mich schuldig.“
„Zum Beispiel?“
„Einige Arbeiten haben ihr Ziel einfach verfehlt. Die drei Kinder etwa, die ich an einen Baum gehängt habe. Sono un ignorante.“
Der Ausdruck gehört zum klassischen italienischen Repertoire der Selbstanklage.
Ich bin ein Idiot.
„Kinder tauchen oft in deiner Arbeit auf“, sage ich. „Zum Beispiel der kniende Hitler in Him.“
„Weil die stärksten Gefühle meines Lebens aus der Kindheit stammen.“
„Hast du ADHS?“
„Ohne jeden Zweifel. Und zwar ziemlich ausgeprägt.“
Er lächelt.
Dann fügt er spöttisch hinzu:
„Ich langweile mich sehr schnell. Und ich arbeite lieber gleichzeitig an zehn Dingen, als mich auf eine Sache zu konzentrieren.“
„Wie lange hat es gedauert, bis du auf Comedian gekommen bist – die Banane?“
„Die endgültige Version hat ein Jahr gebraucht. Die Idee mit der Banane kam schnell. Aber irgendetwas stimmte immer nicht. Alles musste richtig sein: der Ort, der Zeitpunkt, der Preis.“
Wir verlangen die Rechnung.
Der Kellner sagt uns, Lela habe das Mittagessen heimlich bezahlt.
Keiner von uns akzeptiert das.
Stattdessen bestehen wir darauf, zwei zukünftige Mahlzeiten zu bezahlen, die eingelöst werden sollen, wenn sie wiederkommt.
Beim Hinausgehen bleibt Cattelan stehen, um Personen auf der Terrasse zu begrüßen.
„Ich werde jetzt ein Nickerchen machen“, sage ich. „Ich lasse dich eine Weile in Ruhe.“
„Danke“, sagt er.
Erst später erfahre ich, dass Cattelan einst Mitbesitzer der „La Sirena“ und der kleinen Kunstgalerie nebenan war.
Die Kunstwerke, die ich so abschätzig als schrecklich bezeichnet hatte, gehörten einem Mailänder Galeristen.
Womöglich jemandem, den er kannte.
Womöglich jemandem, den er mochte.
Und ganz typisch für ihn hatte er beschlossen, mir das nicht zu sagen.
LA ROSA
Der Rückweg von Pecorini nach Chiesa ist weniger ein Spaziergang als eine Bestrafung.
Ein steiler Ziegenpfad windet sich durch eine Landschaft, die von einer Hitze beherrscht wird, die aktiv feindselig wirkt.
Als ich die Pension erreiche, hämmert mein Kopf.
Ich falle aufs Bett und schlafe augenblicklich ein.
Als ich aufwache, wartet eine Whatsapp-Nachricht auf mich.
Thomas, ich komme zur La Rosa. Ist vier Uhr okay?
Es ist schon fünf.
Ich schlucke ein starkes Schmerzmittel und eile den Hang hinauf zum Hauptgebäude.
Das Hotel ist geschlossen.
Maurizio Cattelan liegt auf einer Steinbank im Innenhof.
Auf dem Rücken.
Mit nacktem Oberkörper.
Die Augen geschlossen.
Die Hände über dem Bauch gefaltet.
Von dem Telefon auf seiner Brust läuft ein Podcast.
Man sollte es wiederholen:
Maurizio Cattelan – notorisch schwer zu fassen, Journalisten gegenüber chronisch misstrauisch – liegt auf einer Steinbank und wartet darauf, dass ein Reporter von seinem Nachmittagsschlaf aufwacht.
Irgendetwas hat sich verändert.
Während sich die Insel langsam von der brutalen Hitze des Tages erholt, sitzen wir nebeneinander an einer Mauer mit Blick auf eine leere Terrasse.
Zum ersten Mal scheint er keinen Widerstand mehr zu leisten.
Eine Spur Melancholie tritt in seine Stimme.
„Mit 17 habe ich die Tür hinter mir zugeschlagen und bin weggegangen. Mit meinem Moped fuhr ich aus Padua hinaus. Eine Woche später war ich in Barcelona. Dann drehte ich um und kam zurück.“
Er schweigt kurz.
„Ich mochte es, ziellos umherzuziehen. Einmal schlug ich Piaggio ein Projekt vor. Ich wollte mit einem ihrer Mopeds von Pisa bis nach Dakar fahren. Sie hatten kein Interesse.“
Wieder eine Pause.
„Zwischen 17 und 19 habe ich um meine Freiheit gekämpft. Das waren meine Jahre der Unabhängigkeit. Ich habe hart dafür gearbeitet. Devi lavorare – du musst arbeiten. Das habe ich von meiner Familie geerbt.“
Er blickt hinaus aufs Meer.
„Unter meinen Freunden war ich der Einzige, der tatsächlich arbeitete. Die anderen waren damit beschäftigt zu protestieren.“
Was mich überrascht, ist weniger die Geschichte selbst als die Tatsache, dass er sie erzählt.
Der Mann, der den ganzen Tag lang Fragen ausgewichen ist, beginnt plötzlich freiwillig Antworten zu geben.
„Meine Eltern haben nie den Punkt erreicht, an dem sie stolz auf mich waren“, fährt er fort. „Sie haben mich bestenfalls akzeptiert. Für sie war es ein Scheitern, dass ich ihrem System nicht gefolgt bin.“
Er lächelt schwach.
„Meine Emanzipation fühlte sich für sie wie Verrat an. Sie wollten, dass ich Buchhalter werde.“
Mein Instinkt sagt mir, dass ich ihn jetzt nicht unterbrechen darf.
Manchmal ist die beste Frage diejenige, die man nicht stellt.
„Ich mache meinen Eltern keine Vorwürfe“, sagt er. „Aber ich fühle mich dieser Vergangenheit auch nicht verbunden.“
Seine Mutter, erzählt er, sei ein Waisenkind gewesen.
„Eine einfache Frau aus einem einfachen Dorf.“
Sie starb mit 49 Jahren.
„Ich war ungefähr 20. Vielleicht 22.“
Dann lächelt er.
„In ihren Augen war ich entweder ein Terrorist oder ein Prostituierter.“
Und wieder erscheint das Grinsen.
„Um fair zu sein“, sagt er, „lag meine Mutter gar nicht so falsch. Ich hätte genauso gut in einer politischen Bewegung landen können. Vielleicht bei den Roten Brigaden. Aldo Moro wurde entführt und ermordet, als ich 18 war.“
Für einen Moment lenkt er sich wieder ab.
Er zeigt auf die Terrasse.
„Siehst du diese Säulen? Fällt dir auf, dass sie sich leicht nach außen wölben? Die alten Griechen haben das schon gemacht. Optische Korrektur.“
Dann kehrt er zum Thema zurück.
„Vorhin hast du gefragt, ob ich als Künstler geboren wurde. Nein. Ich habe einfach nach einer Möglichkeit gesucht, unabhängig zu werden, ohne allzu viel arbeiten zu müssen.“
Die Ironie hängt herrlich in der Luft.
Einer der erfolgreichsten Künstler der Welt beschreibt seine gesamte Karriere als eine raffinierte Strategie, um der Arbeit auszuweichen.
Die Besitzerin der Pension La Rosa kommt und schließt das Gebäude auf.
„Ciao, Maurizio.“
„Ciao, Ade.“
Er beobachtet, wie sie im Haus verschwindet.
„Die Fragen, die ich mir selbst für ein Porträt stellen würde, wären diese: Wie viel Leid bist du bereit zu ertragen, um etwas zu erreichen? Und von welchem Punkt an glaubst du stärker an dich selbst, als andere an dich glauben?“
Er dreht sich zu mir.
„Du bist um die Welt gesegelt.“
Ich nicke.
„Könnte ich das?“
Er beantwortet die Frage selbst.
„Nein. So schön die Vorstellung auch klingt – ich würde die Einsamkeit fürchten.“
Dann fügt er hinzu: „Aber deine Reise erinnert mich an die Fahrten, die ich früher mit dem Moped oder dem Fahrrad gemacht habe. Einfach weiterfahren. Einen Tag nach dem anderen. Wenn ich eine Freundin im Gargano hatte, bin ich eben dorthin geradelt. Ich schlief unter Parkbänken oder unter Kartons. Ich fuhr quer durch Italien. Ohne Richtung. Ohne Ziel. Ohne Geld. Ohne Plan.“
Er lächelt.
„Nie war ich unabhängiger als damals.“
„Wenn ich richtig rechne“, sage ich, „bist du heute extrem wohlhabend. Ist Reichtum ein wichtiger Teil deiner Suche nach Unabhängigkeit?“
Sofort schüttelt er den Kopf.
„Reichtum ist eine Illusion. Die Jagd nach Geld ist ein Mythos. Wichtig ist nur, dass ich heute Nein sagen kann. Dass ich jederzeit aufhören könnte.“
„Du hast einmal für mehrere Jahre aufgehört.“
„Ich war sechs Jahre lang im Ruhestand. Damals war ich überzeugt, einen Burnout zu haben. Später wurde mir klar, dass ich einfach nur sehr müde war. Ich brauchte eine Pause.“
„Und heute?“
„Heute will ich nur noch Arbeiten machen, die stärker sind als die vorherigen. Nur das tun, was ich wirklich tun möchte. Und dabei so viel Arbeit wie möglich vermeiden.“
Er verzieht das Gesicht.
„So simpel. So banal.“
Dann fragt er: „Hast du inzwischen nicht genug Material für deinen Artikel?“
Die Frage klingt hoffnungsvoll.
Als ob er nach all diesen Geständnissen endlich entlassen werden könnte.
„Vielleicht“, sagt er, „fährst du morgen wieder ab und merkst erst draußen auf dem Meer, dass du die ganze Zeit gar nicht mit mir gesprochen hast.“
Doch er redet weiter.
Noch ein wenig länger.
„In dem Moment, in dem ein Museum fragt: ,Möchtest du eine Ausstellung machen?‘, beginnen meine Probleme. Von diesem Augenblick an wird mein Leben unerquicklich. Eine Ausstellung ist eigentlich eine Herausforderung, die ich lieber vermeiden würde.“
Er lacht kurz.
„Und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht arbeite. Ich habe eine zutiefst calvinistische Vorstellung vom Leben.“
„Das heißt, du darfst das Leben nicht genießen?“
Zum ersten Mal an diesem Tag erhebt sich seine Stimme.
„Ecco! Sì! Terribile!“
Genau!
Ja!
Schrecklich!
„Wenn ich das Leben zu sehr genießen würde, dann würde ich nichts mehr tun. Und dann hätte ich Schuldgefühle.“
Er schüttelt den Kopf.
„Eigentlich traurig, oder? Nicht zu wissen, wie man das Leben genießen soll.“
Er blickt in die Ferne.
„Und gleichzeitig weiß ich jetzt schon, dass ich nach Berlin wieder eine neue Herausforderung brauchen werde. Ein neues Problem. Einen neuen Grund zu arbeiten. Sonst – was würde ich überhaupt tun?“
„Du könntest hierbleiben“, schlage ich vor. „Die Ruhe deiner Insel genießen.“
Er lächelt.
„Ich bin dazu verdammt, die Arbeit zu genießen, nicht die Ferien.“
Eine Pause.
„Und das, obwohl ich den größten Teil meines Lebens damit verbracht habe, der Arbeit aus dem Weg zu gehen.“
Das Paradox scheint ihn selbst zu beschäftigen.
„Vielleicht hatte meine Mutter recht. Vielleicht hätte ich Buchhalter werden sollen. Die Wiederholung desselben Tages, immer und immer wieder, würde zu mir passen. Ein Wecker. Ein Zug. Ein Büro.“
Er zeigt auf seine Kleidung.
„Ich trage seit Jahren praktisch dieselben Sachen.“
Zwischen uns senkt sich Stille.
Dann spricht er abermals.
Diesmal leiser.
„Und dann gibt es noch die eine große Angst.“
Er schaut mich an.
„Was, wenn ich es eines Tages nicht mehr kann?“
Eine Pause.
„Das wäre wie Impotenz.“
Sofort richtet er sich wieder auf und lacht.
„Ce la farai! Ce la faremo!“
Du schaffst das! Wir schaffen das!
Er seufzt.
Dann noch einmal.
Und noch einmal.
„Das ist wirklich Folter für dich, oder?“, frage ich.
„Es fühlt sich wie Arbeit an.“
„Ich empfinde ehrlich gesagt Mitleid mit dir. Lass uns hier aufhören. Als Reporter brauchte ich dich einfach mehr, als du mich brauchst.“
Er sieht mich an.
Seine Antwort wirkt rätselhaft.
„Nein, nein.“
Eine kurze Pause.
„Ich brauche dich genauso dringend, weißt du.“
DAS ABENDESSEN
Es ist neun Uhr abends.
Wir sind inzwischen fast zwölf Stunden zusammen.
Noch immer sitzen wir auf der Terrasse der La Rosa, als Cattelan sagt:
„Ein paar Freunde kommen gleich vorbei. Wir werden zusammen zu Abend essen. Wenn du möchtest, kannst du gerne dazukommen.“
Dann kreuzt er die Zeigefinger voreinander, als wolle er einen bösen Zauber abwehren.
„Aber was am Tisch gesagt wird, bleibt auch am Tisch.“
Als die Gruppe eintrifft, übernimmt der Künstler sofort die Regie.
„Thomas sitzt dort“, verkündet er.
„Zwischen den Mädchen.“
Die „Mädchen“ erweisen sich als eine junge Künstlerin und eine ebenso junge Kuratorin.
Cattelan erläutert, wer ich bin und weshalb ich hier bin.
Die Kuratorin wirkt aufrichtig verblüfft.
„Was? Es müssen mehr als zehn Jahre vergangen sein, seit Maurizio ein echtes Interview gegeben hat. Und schon gar nicht hier. Nicht auf dieser Insel.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Ich verstehe das nicht.“
Der Abend entfaltet sich mit einer unerwarteten Sanftheit.
Unter den jüngeren Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihm auf Filicudi leben, wirkt der weltberühmte Künstler weniger wie ein Anführer als wie ein Beobachter.
An einer Stelle versucht er sogar, mit beinahe rührender Galanterie, die Aufmerksamkeit von sich selbst weg und auf mich zu lenken.
„Dieser Mann“, sagt er in die Runde, „ist einer der größten Abenteurer der Welt.“
Wieder erscheint das Grinsen.
„Ein echter Unternehmer.“
DAS MEER
Am nächsten Morgen besteige ich das Tragflügelboot zurück nach Sizilien.
Das Meer ist ruhig.
Dann vibriert mein Telefon.
Eine Nachricht von Maurizio Cattelan.
Have a good journey home, TS!! Come back soon and thank you for your visit.
Gute Heimreise, TS!! Komm bald wieder und danke für deinen Besuch.
Das ist alles.
Kein letzter Scherz.
Keine Verkleidung.
Kein Ausweichmanöver.
Nur ein kurzer Abschiedsgruß von einem Mann, der einen ganzen Tag damit verbracht hat, jeden Versuch abzuwehren, ihn zu verstehen – und der am Ende erkennen ließ, dass genau dieses Verstandenwerden vielleicht das ist, wonach er sich am meisten sehnt.
Während die Insel langsam hinter dem Horizont verschwindet, denke ich an eine Bemerkung zurück, die er am späten Nachmittag gemacht hat.
Vielleicht die aufschlussreichste Aussage des gesamten Tages.
„Ich brauche dich genauso dringend.“
Für einen Mann, der jahrzehntelang seine Gedanken verborgen hat, klang das bemerkenswert nah an einem Geständnis.
Ausstellungen
NIGHT: 10. September bis 7. März 2027, Neue Nationalgalerie, Berlin
DIMANCHE SANS FIN: bis 25. Januar, Centre Pompidou-Metz, Metz
