
Eine singende Nachtigall im Frühjahr, gurrende Tauben am Bahnhof oder schnatternde Gänse bei ihrem Formationsflug in den Süden. Vogellaute können bei uns zu unterschiedlichen Empfindungen führen, weil wir sie mit persönlichen Erfahrungen, Umgebungen oder bestimmten Erinnerungen verbinden. Doch diese Assoziationen scheinen nicht allein darüber zu entscheiden, ob wir die Geräusche als angenehm oder unangenehm wahrnehmen. Wie Forscher der Universität Tübingen jetzt herausfanden, spielen auch die akustischen Eigenschaften der Vogelrufe eine Rolle.
In ihrer Studie haben die Wissenschaftler die Tonhöhe, Lautstärke und Komplexität von 123 Vogelgesängen heimischer Arten charakterisiert und 87 Teilnehmer gefragt, wie angenehm sie die Gesänge finden. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Frontiers in Bird Science“ veröffentlicht: Demnach bewerteten die Probanden höhere und abwechslungsreichere Vogelgesänge als besonders schön. Ein möglicher Grund dafür könnte das menschliche Gehör sein. Das sei besonders empfindlich für Geräusche im oberen Mitteltonbereich, schreiben die Forscher. Vogellaute, die in diesen Frequenzbereich fallen, werden von Menschen lauter wahrgenommen und schnitten in der Studie schlechter ab. So kamen der Studie zufolge die angenehmsten Gesänge von Amseln, Fitissen und Mönchsgrasmücken, während der Ruf der Schleiereule am wenigsten Anklang fand.
Erholsame Klänge
Vogelliebhaber bewerteten den Gesang der Vögel grundsätzlich positiver als diejenigen, die Vögel nicht besonders mögen. Wie gut sich die Teilnehmer in der Vogelwelt auskannten, beeinflusste nicht, wie sie die Gesänge bewerteten. „Man muss kein Vogelkenner sein, um Vogelstimmen schön zu finden“, sagt Biologin Nadine Kalb, Hauptautorin der Studie. Die Studie berücksichtigte allerdings nicht alle akustischen Aspekte, betonen die Forscher. So könnte sich auch die Vorhersagbarkeit der Gesänge oder die Anzahl der Rufe auf die Wahrnehmung der Zuhörer auswirken.
Vogelgesang trägt wesentlich zum Erholungseffekt von Naturgeräuschen bei. Daher hat die Studie durchaus praktische Relevanz: Wer weiß, welche Vogelgesänge angenehmer klingen, könnte beispielsweise Grünanlagen und Parks so gestalten, dass Amsel, Fitis und Mönchsgrasmücke angezogen werden. Den Vögeln bei einem Spaziergang zuzuhören, lohnt sich aber auch unabhängig davon. Noch sind die meisten Vögel hier. In den kommenden Wochen machen sich viele von ihnen auf den Weg in den Süden und trällern hierzulande erst im nächsten Frühjahr wieder ihre Lieder.
