
Der globale Anstieg der Anleiherenditen setzt sich nach der EZB-Zinserhöhung der vergangenen Woche und vor der Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank am Mittwoch weiter fort. Die zehnjährige deutsche Referenzanleihe notierte am Dienstag zwischenzeitlich bei 3,57 Prozent, ihr französisches Pendant bei 4,55. In den USA überschritten die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihe am Montag die Marke von fünf Prozent.
Die Renditen der Anleihen steigen, weil die Kurse sinken. Das jetzige Renditenniveau erreichten zehnjährige deutsche Anleihen zuletzt vor 17 Jahren, für französische Anleihen müsste man 18 Jahre zurückgehen. Amerikanische zehnjährige Anleihen rentierten zuletzt im Jahr 2007 auf ihrem heutigen Niveau.
Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig, ihre Gewichtung ist umstritten. Christian Kopf, Leiter des Portfoliomanagements für Renten und Währungen der Union Investment, führt etwa drei Viertel des Anstiegs der Renditen der zehnjährigen Bundesanleihe in den vergangenen zwölf Monaten auf die Erwartung steigender EZB-Leitzinsen zurück.
Das verbleibende Viertel stamme aus einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage für lang laufende Anleihen. Dies entstehe, weil die Euro-Zentralbanken für ihre auslaufenden Anleihen keine neuen mehr nachkauften und wegen der hohen Emissionstätigkeit der sogenannten Hyperscaler Google, Amazon und Co., die den KI-Ausbau vorantrieben. Ein weiterer Grund seien die höheren Emissionen zur Finanzierung des größeren Haushaltsdefizits des Bundes.
Kopf beurteilt die gegenwärtigen Renditen „nicht mehr als zu niedrig, sondern seit Jahren erstmals wieder als fair“. Für die kommenden Jahre erwartet er daher, dass die Renditen lang laufender Anleihen stabil bleiben.
Französische Anleihen fallen hinter italienische zurück
Der größte Anleihemarkt der Eurozone ist der französische, dort sticht die Entwicklung nochmals hervor. Die Rendite für die zehnjährigen Anleihen Frankreichs hat diese Woche gar die 4,5-Prozent-Marke geknackt. Damit ist der Risikoaufschlag gegenüber Bundesanleihen noch einmal gestiegen, und zwar deutlich stärker als von Beobachtern zuletzt erwartet. Am Dienstag betrug er rund 97 Basispunkte. Auch der Risikoaufschlag französischer Anleihen gegenüber italienischen Papieren ist auf knapp neun Basispunkte gestiegen.
Der scharfe Mehranstieg der französischen Renditen gilt als politisch bedingt. Die zweitgrößte EU-Wirtschaft wird seit der Parlamentsauflösung Mitte 2024 instabil regiert und ächzt unter einem Mix aus hoher Schuldenlast und hoher Neuverschuldung. Zweimal schon kam es in den vergangenen beiden Jahren zu Regierungskrisen, in denen der Risikoaufschlag mehr als 85 Basispunkte erreichte. Die diesjährige Haushaltsdebatte dürfte noch komplizierter werden, da die Präsidentschaftswahl im Frühjahr näher rückt.
„Die Märkte positionieren sich für die heiße Phase des französischen Präsidentschaftswahlkampfs“, meint Ludovic Subran, der Chefvolkswirt der Allianz. Sie preisten einen Sieg der in Umfragen führenden Rechtspopulistin Marine Le Pen ein. Gleiches gelte für das Risiko eines weiter gelähmten französischen Parlaments, in dem der neue Präsident keine Mehrheit hat. Das schwäche die fiskalpolitische Handlungsfähigkeit.
Unterschied zwischen Europa und den USA
Der Risikoaufschlag werde auch nach der Präsidentschaftswahl nicht unter das Level von 70 Basispunkten fallen, das nach der Parlamentsauflösung 2024 erreicht wurde, ist der Allianz-Chefvolkswirt überzeugt. Alarmismus sei aber verkehrt. „Wir sehen kein Auseinanderdriften der Renditen und Risikoaufschläge“, betont er. Von den derzeit knapp 100 Basispunkten stünden 30 für die kurzfristige politische Risikoprämie. 70 seien strukturell bedingt.
Am weltgrößten Anleihemarkt, dem für die Schulden der amerikanischen Regierung, setzten die Renditen ebenso ihren Anstieg fort und standen am Dienstag zwischenzeitlich bei 5,04 Prozent. In den USA ist neben dem Schuldenstand das öffentliche Defizit mit etwa sieben Prozent der jährlichen Wertschöpfung besonders hoch.
Obwohl sich der Anstieg der Anleiherenditen in Europa und den USA zeitgleich abspielt, sieht Francesco Maria Di Bella, Rentenstratege der Unicredit, deutliche Unterschiede. Der Renditeanstieg in der Eurozone im laufenden Jahr sei maßgeblich auf die gestiegenen Inflationserwartungen zurückzuführen, in den USA sei das nicht so. In der Eurozone reagierten die Inflationserwartungen zudem stärker auf Änderungen der Energiepreise als in den USA, wo das Volumen neuer Anleihen sowohl vonseiten des Staates als auch der Unternehmen noch stärker zugenommen hat.
