
Beim Kinderkanal (Kika) hat man jetzt doch ein Einsehen, und bei der AfD könnte man jetzt die dort übliche Opferversion von Franz Josef Degenhardts „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ anstimmen: Die Kindernachrichtensendung „logo!“ wird beim Interview mit dem AfD-Landeschef in Mecklenburg-Vorpommern, Enrico Schult, anders verfahren als zuvor mit dem Gespräch, das die frühere Landesschülersprecherin Lucienne Balke mit dem AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, für „logo!“ geführt hat. Es wird nicht ungefiltert ausgestrahlt, sondern, wie das zuständige ZDF mitteilte, ebenso wie das Interview mit der Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), in einem redaktionellen Beitrag „eingeordnet“.
Siegmunds völkische Volldusche
Auf die Idee hätte die Redaktion auch schon bei Siegmund kommen können, der seinem jungen Gegenüber, das einen vorbereiteten Fragenkatalog abarbeitete und keine kritischen Nachfragen stellte, unwidersprochen all die AfD-Programmpunkte unterjubelte, die zum Widerspruch herausfordern: neuer Bildungskanon in den Schulen (mehr Bismarck, weniger NS-Zeit), Abschaffung der Schulpflicht, getrennte Klassen für Geflüchtete (die bald wieder nach Hause zurückmüssten, in der Ukraine zum Beispiel herrsche ja nicht „überall“ Krieg), „Stolz auf unser Land“, Einigkeit, Frieden und Zusammenhalt.
Sich derlei völkischen Redefluss eines womöglich künftigen Ministerpräsidenten anzuhören, dessen Partei als Erstes den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen will, ist das eine; kritisch nachzufragen, ist das andere, das zwingend zu einem Qualitätsjournalismus gehört, dem sich eine Kindernachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verpflichtet fühlen sollte.
Doch das sah die Leiterin der „logo!“-Nachrichten, Constanze Knöchel, zunächst ganz anders und meinte, „am Ende“ orientiere man sich „nicht an der Frage, welcher Shitstorm droht, sondern an unserem Auftrag“. Kinder bräuchten „verlässliche Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch dann, wenn es unbequem wird.“ Aber das waren eben keine „verlässlichen Informationen“. Es war das Gegenteil: AfD-Propaganda im O-Ton für Kinder.
Dann kam, was kommen musste, also der Shitstorm in Form einer von 300.000 Menschen unterschriebenen Petition, die fordert, dass „logo!“ auf das nächste AfD-Interview nicht so blauäugig zusteuern sollte wie beim letzten Mal. Und erst dann folgte die Einsicht. „Im Nachhinein“, heißt es beim ZDF nun, „müssen wir feststellen, dass das gewählte redaktionelle Konzept nicht angemessen war.“ Das hatte zunächst vorgesehen, es in Mecklenburg-Vorpommern so zu halten wie in Sachsen-Anhalt – mit einer Landesschülersprecherin, die als Interviewerin brav Fragen stellt und ansonsten nur zuhört.
Das ist in keinem Fall ein gutes Konzept, nicht nur bei einer Kindernachrichtensendung und nicht nur im Umgang mit der AfD. Den Tumult hätten sich das ZDF und die „logo!“-Macher ersparen können.
