Oper sei die Verwandlung von Schrei in Schönheit, hatte der Regisseur Barrie Kosky Mitte März in Amsterdam auf einer Tagung des Netzwerks Opera Europe den Konzeptualisten eines politisch engagierten Seminartheaters entgegengehalten. Dieser Schönheit zuzuhören, mag elektrisierend, erhebend, berauschend sein. Die Umstände ihrer Herkunft mitanzusehen, ist zuweilen schwer erträglich wie derzeit an der Oper Frankfurt in „Mazeppa“ von Peter Tschaikowsky.
Dort wird Kotschubej, der Vater Marias, von den Schergen des Heerführers Mazeppa gefoltert, weil er seine Tochter nicht mit Mazeppa verheiraten wollte und diesen zugleich beim Zaren denunzierte: Mazeppa gehe mit dem König von Schweden ein Bündnis gegen Russland ein, um selbst König der Ukraine zu werden. Was der Regisseur Matthew Wild dem Publikum zumutet, folgt der Ästhetik von Splattermovies und Gräuelvideos, wie wir sie von den Terroristen der IS-Miliz kennen. Kotschubej wird das rechte Ohr mit dem Messer abgeschnitten; ein Hackebeilchen trennt Fingerglieder von seiner Hand. Mit einer Bohrmaschine werden Körperteile durchlöchert.

Doch dabei hört man dem überragenden Sänger Alexander Roslavets zu, wie er als Kotschubej die Stimme zum Sinnträger, zum tönenden Medium von Bedeutung macht: Die Farben wechseln versweise von Schmerz übertönendem Stolz in stille Wehmut der Erinnerung. Dann verengt er seinen Bass zur eisig-leisen Schärfe der Verachtung, um ihn wieder zu öffnen zur dröhnenden Hoffnung auf Rache. Das alles aber bei genauester, schönster Tongebung, ohne naturalistisches Grunzen, Schluchzen, Keifen. Dieser Mann singt im Erleiden von Schändung mit höchster Kunst. Ein Ereignis!
Das muss man auch über die junge südafrikanische Sopranistin Nombulelo Yende sagen. Wie sie im Duett mit Mazeppa auf der Frage „Ob ich dich liebe?“ eine vollendete messa di voce, also das An- und Abschwellen eines Haltetons formt, wie sie im finalen Wiegenlied des Irreseins immer wieder die hohe Kunst des fil di voce, des dünn gesponnenen Stimmfadens in intensivstem Pianissimo demonstriert, das alles zeigt stilgeschichtlich absolut richtig, dass Tschaikowsky hier 1883 noch immer die von seinem Vorbild Mozart ererbte Kultur des Belcanto weiterführte, während sich andere Komponisten längst von ihr verabschiedet hatten. Was Yende bietet, ist erlesenster Gesang.
Auch Karolina Makuła hinterlässt als Marias Mutter Ljubow in kurzen Auftritten einen starken Eindruck durch die expressiv-biegsame Lyrik der Bindungen bei melodischen Sprüngen. John Findon singt mit seinem zuweilen etwas herben, aber wandlungsfähigen Tenor als Andrej ein überraschend gut verständliches Russisch. Auch Jarrett Porter als Folterer Orlik, Jihun Hong als Kotschubejs Vertrauter Iskra und Kudaibergen Abildin als betrunkener Kosak zeigen in kleinen Rollen bemerkenswerte Präsenz und Präzision.
Einzig Petr Sokolov in der Titelrolle bleibt im Vergleich dazu blass. Der Kostümbildner Herbert Murauer hat ihn auch noch in einen beigefarbenen Zweiteiler gesteckt nach Art der Präsent-70-Anzüge, wie sie SED-Parteisekretäre in der DDR trugen. Sein Bariton, wenngleich dynamisch modulationsfähig, klingt gerade am Anfang näselnd-kehlig und glanzarm. Er singt sich im Lauf der Vorstellung allerdings frei.
Karsten Januschke stellt sich als Dirigent des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ganz in den Dienst der Stützung und Führung der Sänger. Es gibt keinerlei Balanceprobleme; der Atem stimmt. In den kleinteiligen Verzahnungen des Chores mit den Solistenensembles behält Januschke sogar bei synkopierten Basslinien den Tumult im Griff, was auch beweist, wie vorbildlich Manuel Pujol den prominent eingesetzten Chor wieder einstudiert hat. Nur im Vorspiel der Oper könnte bei der Straffung der Rhythmen und der punktgenauen Gleichzeitigkeit schneller Akkordwechsel noch etwas nachgearbeitet werden.
Wild inszeniert dieses Historiendrama um Ereignisse des Jahres 1709 sehr konsequent und in sich stimmig als gegenwärtige Tragödie Marias, die schon als Kind in Mazeppa verliebt war, obwohl sie dessen Tochter sein könnte. Sie muss wählen zwischen Kotschubej und Mazeppa, zwei Figuren, die patriarchale Unterordnung von ihr verlangen. Selbstbestimmung ist nicht vorgesehen. Von der ersten Kindheit in die zweite Kindheit des Wahnsinns als Flucht vor der unbegreiflichen Grausamkeit führt diese Inszenierung: ein unentrinnbarer Regress.
Dass Maria während des musikalischen Gemäldes zur Schlacht von Poltawa ein totes Kind in die Arme gedrückt bekommt, ausgerechnet in dem Moment, da Tschaikowsky die Hymne „Ruhm sei der hohen Sonne am Himmel“ zitiert, ist eine grausige Pointe. Dass dabei Videos mit Panzern, Drohnen und zerstörten ukrainischen Städten gezeigt werden, ist eine riskante Aktualisierung. Denn bislang hatten wir Mazeppa und Kotschubej als Bandenführer im Drogenhandel und als korrupte Politiker vorgestellt bekommen. Was will uns Wild, dessen Inszenierung schon 2023 bei den Tiroler Festspielen in Erl zu sehen war, damit über die Ursachen und Zustände des Ukrainekrieges sagen?
In der zweiten Pause, nach der blutspritzenden Hinrichtung von Kotschubej und Iskra in einem gekachelten Badezimmer, sagt eine ältere Dame aus dem Publikum zu ihren Freundinnen am Stehtisch beim Wein im Foyer: „Ich kann da gar nicht hinsehen.“ Im dritten Akt findet man im Parkett etliche vormals besetzte Plätze leer. Der Überbietungswettbewerb der Oper mit den Bildern der Fernsehnachrichten ist für manche Stammgäste schwer erträglich. Sie haben mit Marias Wiegenlied einen der stärksten leisen Opernschlüsse der Musikgeschichte verpasst.
