Viermal schon stand er auf dem Podium der Vuelta, dreimal als Zweiter, einmal als Dritter. Enric Mas galt als ewiges Talent, als Zweifler, dem es an Mut fehlt. Wie groß musste da die Genugtuung sein, jetzt bei einer der drei Grand Tours ganz oben zu stehen?
Enric Mas lernte das Straßenrennfahren beim zweimaligen Tour-Gewinner Alberto Contador, der eine Stiftung für junge Talente betreibt. Der Durchbruch gelang ihm im belgischen Team Quick Step, mit dem er 2018 überraschend Platz Zwei bei der Vuelta erreichte. 2020 wechselte er zu Movistar.
„Du siehst die Kurve, und dein Kopf blockiert“
Er sollte langfristig die Lücke füllen, die nach dem Abschied von Nairo Quintana und später auch Mikel Landa und Alejandro Valverde entstanden war. Die Erwartungen waren enorm, die Fans sahen ihn als Nachfolger von Contador. Doch bei der Vuelta wurde er nur noch zweimal Zweiter, einmal Dritter, bei der Tour de France war 2020 der fünfte Platz sein bestes Ergebnis.
Der Druck wurde jedes Jahr größer. Der spanische Sportwissenschaftler Mikel Zabala von der Universität Granada sagte zu den vergangenen Jahren von Enric Mas im spanischen Fernsehen, mentale Probleme, eine Übersättigung mit Daten, taktische Zwänge und ein zu hoher Erwartungsdruck könnten die physische Leistungsfähigkeit völlig blockieren.
Besonders stark zeigten sich die Versagensängste bei den Bergabfahrten. „Du siehst die Kurve, und dein Kopf blockiert. Das Schlimmste war das Gefühl der Ohnmacht, weil dein Körper einfach nicht tut, was du von ihm verlangst“, sagt Mas in einem Dokumentarfilm von TVE. Früher habe er versucht, Zweifel wegzudrücken, eine falsche Stärke vorzutäuschen. Heute wisse er, Rennen gewinne man nicht nur mit den Beinen, sondern vor allem mit dem Kopf.
Die Rolle der Sportlichen Leiter des Movistar-Teams in der Leidensgeschichte des Enric Mas sehen manche in der spanischen Radsportszene kritisch. Statt ihm zu helfen, hätten sie ihm Vorwürfe gemacht, sagt Kike de Diego, der in Madrid Amateurfahrer betreut. So hört man in der TVE-Dokumentation abwertende Kommentare aus den Betreuerfahrzeugen: „Hier fahren wir mit dem da, der mit dem Kopf-Problem. Er verliert schon eine Minute“, sagt einer der Betreuer über Funk einem anderen bei der Tour 2022, „unglaublich, unglaublich“.
An diesem Tag kam Enric Mas mehr als sieben Minuten nach Jonas Vingegaard ins Ziel. Dann erkrankte er auch noch an Covid. Mas suchte sich auf eigene Faust Hilfe bei einem Sportpsychologen sowie einem Experten für Bergabfahrten. Kaum jemand glaubte noch an ein Comeback. Zwei weitere Verletzungen brachten dann auch noch die Saisonplanungen für dieses Jahr durcheinander.
Souverän alle Angriffe abgewehrt
Umso überraschender ist nun sein Sieg bei der Vuelta. Dass Mas das Rote Trikot des Gesamtführenden erst nach dem schweren Sturz von Tadej Pogačar übernahm, schmälert für spanische Fans seine Leistung nicht. „Das gehört dazu. Bei den großen Straßenrennen gibt es immer Ausfälle nach Stürzen oder auch Infekten“, meint Kike de Diego.
Für ihn ist der Schlüsselmoment die sechste Etappe, auf der Mas den davongefahrenen Pogačar auf einer staubigen Schotter-Rampe einholt und vor der Passhöhe des El Bartolo an ihm vorbeisprintet. Dafür gab es sechs Bonifikationssekunden. „Da hat es bei Mas im Kopf klick gemacht“, sagt Kike de Diego, „seither hat er Selbstvertrauen. Er ist nicht mehr der Enric Mas, der am Berg angreift, aber dann unsicher nach hinten blickt.“
So gab Mas das Rote Trikot nicht mehr her, wehrte souverän alle Angriffe bei den Bergetappen ab, auch die von Primož Roglič und Felix Gall, die am Sonntag in Granada als Zweiter und Dritter neben ihm auf dem Podest standen. Die Vuelta war in diesem Jahr besonders hart. Die Fahrer mussten 58.156 Höhenmeter überwinden, es gab sieben schwere Bergankünfte. Dabei wurden Temperaturen von über 40 Grad gemessen.
Immer wieder forderten Gall und Roglič in den Bergen Mas heraus, um letztlich doch zusätzliche Sekunden zu verlieren. Selbst das Zeitfahren gelang Mas besser, als von vielen erwartet. Gegen den Spezialisten Roglič verlor er nur knapp eine halbe Minute. Bei den letzten beiden schwierigen Bergankünften in Andalusien konnte Mas seinen Vorsprung sogar wieder ausbauen.
Über all das verlor der Spanier nicht viele Worte, weder über die harte Tour noch über sich selbst. Es gab keinen bitteren Blick zurück, keine Geste der Genugtuung in Richtung seiner Kritiker. Stattdessen Umarmungen und Anerkennung für sein Team und Küsse für seine Frau und seine beiden Kinder. Enric Mas schien seine Gefühle im Griff zu haben. Dann ließ er doch noch einen Blick in sein Inneres zu und sprach von einem Traum, der wahr geworden ist. Er sagte: „Ich bin glücklich.“
