
Am Donnerstag gibt Bundestrainer Jürgen Klopp sein erstes Aufgebot bekannt. Diese Nominierung ist nicht einfach ein Sportverwaltungsakt, sondern grundiert eine neue Zeitrechnung im deutschen Fußball. Der Auftakt einer Rückkehr in beste Zeiten soll es sein, von Klopp erwarten die Menschen nicht weniger als die Wiedererweckung des Fußballriesen Deutschland.
Als ehemalige Torhüterin ist die spannendste Frage für mich, welche Wahl der Bundestrainer zwischen den Pfosten trifft, wer auf die ausgedehnte Ära des Manuel Neuer folgt. War es doch stets eine der Grundordnungen des deutschen Fußballs, dass eine unumstrittene Nummer eins das Tor hütete.
Symbolisiert wurde diese Gewissheit auch durch die ebenfalls erstklassigen, aber aussichtslosen Assistenten auf der zweiten Torwartposition, die Norbert Nigburs, Uli Steins, Marc-André ter Stegens. Der respekteinflößende Schlussmann war ein wichtiger Teil des deutschen Unbezwingbarkeitsmythos, Deutschland, eine Torwartnation.
Aktuell ist das Tor unbewacht, kein Spieler tut sich bislang hervor, die nächste Torwart-Ära zu begründen. Deshalb scheint jetzt sogar eine Geschichte möglich, die nur der Sport auf diese Weise erzählen kann: Loris Karius, 33 Jahre alt, Torhüter bei Schalke 04, könnte in den Kader rutschen. Karius war eines der größten deutschen Torwarttalente, spielte bei Mainz 05, als Klopp ihn 2016 nach Liverpool lotste.
Ein Champions-League-Torhüter ohne Tor
Zwei Jahre später standen sie gemeinsam im Champions-League-Finale. Kurz vor der Pause traf Real Madrids Sergio Ramos Karius mit dem Ellbogen am Kopf. Der patzte danach zweimal schwer, Liverpool verlor das Spiel 1:3. Tage später bestätigte eine Untersuchung eine Gehirnerschütterung mit Sehbeeinträchtigung bei Karius. Für Liverpool spielte er danach nicht mehr, und auch nie wieder in der Champions League.
Vor einigen Tagen begegnete er auf Schalke dem FC Bayern und Manuel Neuer, der seine Karriere dort begann, wo die von Karius womöglich endet. Die herausragende Leistung der Schalker Keepers und die Forderungen nach einer Berufung in die Nationalmannschaft rückte seine bewegte Geschichte nochmals in den Blickpunkt.
Neuers Platz im Tor war nie infrage gestellt
Es ist die Anti-Neuer-Geschichte, der Gegenentwurf einer tadellosen Torwartlaufbahn. Neuer war Weltklasse vom Beginn seiner Karriere bis zu ihrem Ende, oder zumindest bis kurz davor. Nur Verletzungen haben ihn dann und wann zurückgeworfen, sein Platz im Tor war nie infrage gestellt, er musste ihn lediglich körperlich bestätigen.
Karius musste mehr als ein verlorenes Champions-League-Finale verarbeiten: Die Sichtbarkeit seiner Fehler vor einer Weltöffentlichkeit, die Enttäuschung seiner Trainer und Mitspieler. Er musste auch mit der stetigen Enttäuschung umgehen, danach kaum irgendwo die klare Nummer eins gewesen zu sein. Nicht bei Beşiktaş Istanbul, nicht bei Union Berlin, und auch nicht bei Newcastle United. Ein Champions-League-Torhüter ohne Tor, der nun mit 33 Jahren auf Schalke so wirkt, als sei er genau diesen Abstand weit von seinen Mitspielern entfernt.
Dass er die Schalker mit seiner Souveränität und Ausstrahlung in die erste Liga geführt hat und dort nun ganz und gar unangefochten ist, zeigt eindrücklich, dass ein Sportler über seine Karriere hinweg mehr als eine Person sein kann. Bei Spitzensportlern fällt die rasanteste Phase der Persönlichkeitsentwicklung zusammen mit dem wichtigsten Zeitraum ihrer Karriere.
Der 22-jährige Karius, der 2016 selbstbewusst nach Liverpool wechselte, oder der 25-Jährige, der in der Champions-League-Finalnacht in Kiew die Kontrolle über sein Spiel verlor und damit seine Wahrnehmung prägte, sind andere Menschen als der, der sich mit Anfang 30 durch Istanbul, Berlin und Newcastle kämpfte.
Eine Unabhängigkeit, die zu großer Freiheit führt
Ohne dauerhaften Stammplatz, mit wachsenden Zweifeln, ob überhaupt noch ein Verein für ihn kommt. Er ist nebenbei von einem jungen Erwachsenen zum Familienvater geworden. Vom Talent zum Champions-League-Finalteilnehmer, zur Lachfigur, zum Ersatztorhüter, zum Nationalmannschaftskandidaten.
Nach der Finalniederlage hat Karius nicht nur Häme, sondern auch Morddrohungen bekommen. Über seine Beşiktaş-Jahre hat er kürzlich gesagt, es sei ihm „einfach dreckig“ gegangen. Als sein Vertrag in Newcastle 2024 auslief, war er ein halbes Jahr ohne Klub, trat zwischenzeitlich als DJ auf, lief für Hugo Boss bei der Fashion Week in Mailand. Eine Pause von der Sportlerkarriere, die eigentlich keine Pausen gestattet. Ohne den Anruf aus Gelsenkirchen, sagt er selbst, hätte er seine Karriere vermutlich beendet.
Die Klasse, mit der Karius heute sein Tor hütet, ist wahrscheinlich das Ergebnis genau dieser wiederholten Brüche. Wer eine Karriere mehrfach gedanklich beendet hat, wer jedem Selbstzweifel einmal begegnet ist und seinen Wert über mehr als die Laufbahn im Sport definiert, gewinnt eine Unabhängigkeit, die zu großer Freiheit führt.
Vielleicht ist das die Ausstattung, die gerade jetzt gebraucht wird. In einer Phase, in der kein Torhüter dominant genug ist, um die klare Nummer eins zu sein, gewinnt womöglich der, der am besten mit Unsicherheit umgehen kann. Eine Mannschaft, die sich finden muss, könnte jedenfalls profitieren vom Rückhalt eines Torwarts, der sich schon gefunden hat.
