Im Golf ist alles möglich. Auf eine der bittersten Niederlagen kann am selben Nachmittag eine der schönsten Feiern folgen. Esther Henseleit erlebte beim 20. Solheim Cup auf Bernardus Golf in den Niederlanden beides. Nach neun Löchern führte die Hamburgerin in ihrem Einzel gegen Alison Lee deutlich, hatte bereits vier Löcher mehr gewonnen als Lee. Dieser Abstand bestand auch nach dem elften Loch noch. Alles deutete auf ihren dritten Sieg im dritten Match hin.
Doch dann gelang Lee eine kaum noch für möglich gehaltene Wende. Sie gewann fünf der letzten sieben Löcher und entschied das Match noch mit einem Loch Vorsprung für sich. Es war das größte Comeback, das beim Solheim Cup je registriert wurde. Mehr als eine Stunde später aber war Henseleits Enttäuschung zumindest für einen Moment vergessen: Europa bezwang Team USA 15:13 und holte am Sonntag den vor zwei Jahren verlorenen Cup zurück.
Das gute Händchen der Kapitänin
Vor diesem Sonntag hätte die Ausgangslage kaum spannender sein können. Nach einem 4:4 am Freitag stand es nach dem Samstag 8:8. Zum siebten Mal in der Geschichte gingen beide Teams gleichauf in die abschließenden Einzel. Und zum siebten Mal gewann oder verteidigte die Heimmannschaft den Cup. Weil Titelverteidiger Team USA bei einem 14:14 die Trophäe behalten hätte, benötigte Europa mindestens sechseinhalb Punkte aus den zwölf Einzeln. Am Ende stand ein 15:13 für die Europäerinnen.

Die vier sogenannten „Captain’s Picks“, also die direkten Nominierungen der Kapitänin Anna Nordqvist, erwiesen sich als ausgezeichnete Wahl. Leona Maguire, Nastasia Nadaud, Julia López Ramírez und Mimi Rhodes kamen gemeinsam auf acht Siege, vier Niederlagen und ein geteiltes Match – die beste Ausbeute europäischer Captain’s Picks seit 2013. Überragende Europäerin aber war Linn Grant. Die Schwedin gewann alle vier Matches und vollzog damit eine erstaunliche Kehrtwende: 2024 in Virginia hatte sie alle vier Partien verloren.
Henseleit brilliert in der schwierigsten Team-Disziplin
Dass die Deutsche Esther Henseleit nur dreimal eingesetzt wurde, gehörte zu den überraschenden Entscheidungen Nordqvists. Als Nummer 21 der Weltrangliste war sie nach den Engländerinnen Lottie Woad (7) und Charley Hull (8) die dritthöchste Europäerin im Rolex Ranking.
Während das englische Duo in seinen sogenannten „Foursomes“, bei dem zwei Partner abwechselnd denselben Ball spielen, jedoch nur einen halben Punkt holte, brillierte Henseleit in dieser schwierigen Team-Spielform: Gemeinsam mit der erfahrenen Irin Leona Maguire gewann Henseleit beide Foursomes. Dennoch musste sie an beiden Nachmittagen in den „Fourballs“, wo jede Spielerin ihren eigenen Ball spielt und pro Loch das bessere Ergebnis zählt, wieder zuschauen. Eine öffentliche Erklärung Nordqvists dafür gab es nicht.
Für Nordqvist selbst hätte der Abschluss kaum schöner sein können. Die dreifache Major-Siegerin hatte Europa seit ihrem Debüt 2009 neunmal als Spielerin vertreten. Nun führte die Schwedin das Team erstmals als Kapitänin zum Sieg im einst ungleichen Duell zwischen Europa und Amerika, das längst ein Wettbewerb auf Augenhöhe geworden ist: Nach 20 Austragungen stehen elf Siege für Team USA, acht für Europa und ein Unentschieden.
Und auch für Esther Henseleit blieb somit nicht die bittere Niederlage gegen Alison Lee das letzte Bild des Tages: Es war der Jubel mit ihren Teamkolleginnen und dem zurückgewonnenen Solheim Cup. Golf kann manchmal grausam sein – und noch am selben Nachmittag wunderschön.
