Seit „Vernichten“ (2022), Michel Houellebecqs bisher schwächstem Roman, ist es still um den Autor geworden. Als öffentliche Person hat er zwar im Nachgang provoziert: Da waren ein Gespräch mit Michel Onfray, das die Grenze zum reaktionären Klischee freihändig gerissen hat, und eine Polemik gegen den Rektor der Pariser Moschee (F.A.Z. vom 17.Dezember 2022 und 4. Januar 2023). Dann aber scheint die Porno-Falle, in die Houellebecq 2023 durch das niederländische Künstlerkollektiv Kirac gelockt wurde, ihn so getroffen zu haben, dass er sich zurückgezogen hat.
Oder ist das Publikum nur des Spektakels müde? Der Film „Dans la peau de Blanche Houellebecq“ (in Deutschland gelaufen als „Being Blanche Houellebecq“) von 2024 jedenfalls hat wenig Beachtung gefunden, obwohl darin die angesagte Komikerin Blanche Gardin mitspielt. Erst 2026 markiert Houellebecqs literarische Rückkehr: mit dem Gedichtband „Der stets verlorene Kampf“. Manche der Gedichte erschienen zeitgleich auf CD, vertont durch Frédéric Lo („Souvenez-vous de l’homme“). Jetzt liegen sie auch in deutscher Übersetzung vor.
„Vernichten“ und das Gespräch mit Onfray waren nicht nur schwurbelig, sondern auch jeweils schrecklich lang. Unwillkürlich hofft der Leser, dass die kurze Form nun Präzision erzwingt. Tatsächlich stellen die Gedichte gleich in mehrfacher Hinsicht eine Rückkehr zu den Wurzeln dar. Houellebecq hat als Lyriker begonnen und begreift sich nach wie vor als solcher. Thematisch greift er ebenfalls auf Basics zurück, um diese lebensaltersbedingt zu steigern: „Ehe ich den Hafen erreiche, in dem alles endet, / Spielt ein frischer, leichter Wind in meinem schütteren Haar / Es gibt nun keinen Horizont mehr für Träume, / Ich entscheide mich für ein unsicheres und wunderliches Lächeln.“ Das Schwebend-Exzentrische ist in der Tat die größte Qualität des Autors – wenn er es denn zulässt.
Die Anknüpfung an Baudelaire als Vater der modernen Lyrik
Die 38 Gedichte und Texte sind in zwei etwa gleichlange Teile gegliedert, „Die Welt ist auf ihrer Achse leicht gekippt“ und „Der Zusammenbruch des Zentralblocks“. Das dominante Thema resümiert „In einem großen weißen Gefängnis . . .“: „Im Angesicht der unausweichlichen Angst / Und des Todes, der uns zuzwinkert / Wie eine Hure im Sarg; / Alle Karten liegen auf dem Tisch.“ Das tun sie: Angst und Tod – Hauptzutaten der houellebecqschen Küche – geben in „Der stets verlorene Kampf“ abermals die Geschmacksrichtung vor; siehe Titel. Dem setzt Houellebecq wenig entgegen: Medikamente und Oralsex etwa, um weitere übliche Verdächtige zu nennen. Was resignative Komik nicht ausschließt: Dass die Fellatio nur erinnert wird und in einer Gesichtsejakulation endet, hat (zum Glück gewollt) ironische Züge.

Überraschend ist, wie sehr „Der stets verlorene Kampf“ an Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“ (1857) erinnert, das Gründungsdokument der modernen Lyrik. Eingangs wendet Houellebecq sich an seine Leser: „Ihr Abendländer, die ihr leben wollt, / Dies ist euer Endspiel / Aber noch könnt ihr mir folgen, / Den euch zugewiesenen Platz verlassen. // Ich bin der unverhoffte Führer, / Ich kenne all eure Leiden / Eure hirnlosen Impulse / Ich kenne all eure Irrwege / Ich kenne all eure Schrecken.“ Die Ansprache erinnert an die Verbrüderung im Zeichen der Sünde, die Baudelaires Eingangsgedicht „An den Leser“ diesem zumutet. In verwandtem Geist inszeniert Houellebecq sich als Kenner menschlicher Schwächen: „Ich kenne eure Ängste, eure Absencen“. Daraus folgt ein fast religiöser Führungsanspruch: Houellebecq greift christliche Themen mit Nachdruck auf, fragt sich beim Friedhofsbesuch, ob es nicht doch ein Leben nach dem Tode gibt. Abgrund, Reue, Liebe, Ekel, Hass und Laster: Das von Baudelaire verwendete Vokabular aus dem Umfeld der Sündentheologie wird aufgegriffen.
Immer wieder ist die Rede von Barbareninvasionen
Anders als Baudelaire benutzt Houellebecq die traditionellen Begriffe jedoch nicht, um eine radikale Erfahrung des Neuen zur Sprache zu bringen: Stattdessen führt er den Leser in eine desolate Ruinenlandschaft. Der eine beschwört leidend die Moderne, der andere stimmt einen schmerzerfüllten Abgesang auf die europäische Zivilisation an. Ein weiterer Unterschied ist die kollektive Dimension im ersten Teil: Houellebecq schildert Momente einer apokalyptischen Gegenwart, in der schreckliche Ereignisse stattgefunden haben. Es ist immer wieder die Rede von „Überlebenden“ in „einem verfluchten Land“ („Die abgelegenen Landstriche“), von einer Barbareninvasion, von rätselhaften, böswilligen Wesen: „Sie kommen aus einer Zukunft, die nicht existieren wird“, heißt es in „Sie sind mitten unter uns . . .“ und: „Sie sind der finstere und nie ausgesprochene Gedanke“. Das Motiv der Barbaren wird (wie andere Versatzstücke der französischen Romantik) bemüht, aber nicht so zugespitzt, dass Migrantenschelte draus würde – genauso gut können hier außerirdische Monster einer H.P.-Lovecraft-Erzählung spuken.
Der sozialen Dystopie des ersten Teils steht ein individualistisch-realistischer zweiter gegenüber: „Der Zusammenbruch des Zentralblocks“ ist eine Selbstanalyse des alternden Dichters. Die Frage, was ein Alterswerk ausmacht, stellt sich hier in gesteigerter Form: Wer von Beginn an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens zum Zentralthema wählt, muss sich mit 68 bis 70 Jahren (genau weiß man es ja nicht) etwas einfallen lassen, um das zu überbieten. Houellebecq versucht es mit dem Radikaljargon biologischer Zersetzung, spricht von „einsamen Schleimhäuten“, einem verstopften Harnröhrenkanal oder raren Erektionen. Routiniert ist das, man liest es gern, fragt sich aber, ob der Autor sich nicht selbst imitiert, bei begrenzterem Themenrepertoire wohlgemerkt.
Der Freundschaft kehrt Houellebecq den Rücken
Zum Glück geht er darüber hinaus: zum einen, indem er die früher frenetische Sexualität herunterdimmt und verzweifelter werden lässt. Zum anderen, indem er die konkreten Umstände des Verfalls und Sterbens anvisiert, wie das „Pflegebett in einem weißen Vorort“, wo man „in aller Ruhe verlöschen“ kann. Dort, fürchtet er, wird es nicht „lange Umarmungen / In ausgebreiteten weiblichen Armen“ geben, oder sogar das Glück, „dass sie dir einen blasen“: „Doch all das wird nicht passieren, / Allein wirst du dem Nichts gegenüberstehen, / Der Traurigkeit in den Augen / Deiner letzten Begleiter.“
Auf eine bestimmte Kategorie Mensch hofft er nicht – entschlossen kehrt Houellebecq der Freundschaft den Rücken: „Bei Weitem der dümmste unserer Träume“. Das fällt in dieser Deutlichkeit erst beim Blick ins französische Original auf, wo sich „Freundschaft“ (amitié) gleich zweimal auf „Mitleid“ (pitié) reimt; das klangliche Zusammenspiel erzeugt inhaltliche Nähe. Das ist in der im Wortlaut präzisen Übersetzung von Stephan Kleiner leider nicht möglich, denn sie verzichtet auf metrische Gestaltung. Den versifizierten Texten (es finden sich auch Prosagedichte) nimmt das an Charme – und interessanterweise auch an Genauigkeit, wie das Beispiel zeigt. In der Lyrik arbeiten Form und Gehalt noch enger zusammen als andernorts.
Die düstere Sammlung schließt konsequent mit Hoffnungslosigkeit: „Das Bild des Todes wächst mit den Sekunden, / Deren eintöniges Ticken in der Leere widerhallt, / Sein lepröses Gesicht verwandelt sich in ein gieriges Maul, / Meine Worte verwandeln sich in abscheuliche Schreie.“ Wo Baudelaire mit seinem finalen Gedicht „Die Reise“ selbst dem Tod den Reiz des Neuen abgewinnen konnte, blickt Houellebecq verzweifelt in die Fratze des Nichts. Um zu schließen: „Und so scheide ich von der Welt.“ Es könnte der letzte Satz eines Œuvres sein. Hoffen wir es nicht: Wenigstens ein letzter schöner Roman müsste nach dieser Rückbesinnung doch möglich sein.
Michel Houellebecq: „Der stets verlorene Kampf“. Gedichte, Französisch – Deutsch. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. Dumont, Köln 2026. 128 S., geb., 24,– €.
