„Geht es?“ – „Ich empfange gerade etwas!“ – „Sie haben es? Ich habe nichts.“ – „Ach nee, jetzt wieder weg.“ So klangen am vergangenen Wochenende die Gespräche auf dem kleinen Flughafen Schönhagen bei Berlin. Immerhin, es wurde viel miteinander gesprochen, als knapp 500 geladene Gäste und Musikbegeisterte am Rand einer Wiese standen und etwas sehr Seltenes hören wollten: Karlheinz Stockhausens „Helikopter-Streichquartett“. Vier Hubschrauber, in jedem sitzt ein Orchestermitglied, alle beginnen zu spielen, sobald die Helis abheben. Per Funk wird die Musik nach unten übertragen und dem Publikum live vorgespielt. So ist es gedacht. Aber die mitgebrachten Handys und Tablets vieler Gäste blieben still. Hier sollten eigentlich alle individuell mit eigenen Kopfhörern den Sound empfangen. Doch das extra dafür eingerichtete WLAN war wohl zu schwach, die Technik funktionierte nur bei einigen Glücklichen.
Musizierende in der Luft
Dabei hatte die Deutsche Oper Berlin doch zu einem „Once in a lifetime“-Musikereignis eingeladen, wie Chefdramaturgin Beate Breidenbach es zur Begrüßung auf einem windigen Podest nannte. Grundsätzlich hatte sie recht: Das technisch wohl aufwendigste Werk der neuen Musik ist so gut wie nie zu hören. Anfang 1991 hatten die Salzburger Festspiele den Komponisten um ein Streichquartett gebeten. Doch Stockhausen lehnte ab: Die Form war ihm zu bürgerlich und zu langweilig. Dann will er aber nachts von vier gläsernen Helikoptern geträumt haben, über die er flog, in jedem saß je ein Mitglied eines Streichquartetts und spielte. Und das erzählte er der Intendanz der Festspiele: Wenn man es so umsetzen könne, sei er doch bereit. Die Salzburger schlugen ein, er schrieb das Werk. Aufgeführt wurde es dort dann aber nicht, unter anderem, weil die österreichischen Grünen gegen die aus ihrer Sicht sinnlose Luftverschmutzung protestiert hatten.

Das ungewöhnliche Werk kam 1995 in Amsterdam zur Uraufführung und wurde danach weltweit etwa ein Dutzend Mal gespielt. Stockhausen integrierte es als dritte von vier Szenen in seine Oper „Mittwoch aus Licht“ – und genau die kommt in Berlin nun auf die Bühne, inszeniert von Susanne Kennedy. Die Aufnahme aus Schönhagen wird dann bei jeder Aufführung eingespielt. Mit einem Video, das vier Kameraperspektiven auf die vier in der Luft Musizierenden zeigt. Und mit dem Sound der Rotoren, durch den Kunst und Technik sich mischen.
Besuch vom hellsten Stern des Nachthimmels
Aviel Cahn, der neue Intendant der Deutschen Oper, beginnt seine Amtszeit auf diese Weise mit einem Knall. Das muss er auch – das Haus blickt auf 13 gute Jahre unter Dietmar Schwarz zurück, es entdeckte Werke von Erich Wolfgang Korngold oder Giacomo Meyerbeer neu, produzierte einen Wagner-Ring, und der inzwischen nach Dresden abgewanderte Generalmusikdirektor Donald Runnicles war zuletzt in internationaler Topform. Cahn muss nun bei null anfangen. Offensichtlich will er, dass wieder mehr über das Haus geredet wird. Dafür sprechen ein poppiges neues Design der Seite und der Publikationen, eine Zusammenarbeit mit dem Performance-Künstler Rirkrit Tiravanija oder eine mit dem Star-Fotografen Wolfgang Tillmans, der ein Bühnenbild für Benjamin Brittens „War Requiem“ entwirft.
Und nun Stockhausen. Dieser war eine zentrale Figur der Nachkriegsmoderne, arbeitete früh mit Elektronik, Tonbandeffekten, Rückkopplungen. Der 1928 geborene Komponist inspirierte den Pop, zwei seiner Studenten gründeten die Band Can. Auf dem berühmten Cover der Beatles-Platte „Sgt. Pepper“ ist er zu sehen (obere Reihe, fünfter von links), Frank Zappa war Stockhausen-Fan, Björk interviewte ihn einmal. Der Meister selbst gab sich stets weltabgewandt und behauptete, er käme „vom Sirius“, dem hellsten Stern des Nachthimmels. Als islamistische Attentäter am 11. September 2001 in die Türme des World Trade Center flogen, sprach er vom „größten Kunstwerk“, das es je gegeben habe. Das war als Provokation gemeint, oder als Idee der Figur Luzifer aus seinen sieben „Licht“-Opern, aber der Skandal war da.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Menschen in teuren Mänteln und Anzügen, die am Flugfeld standen, hatten sich vorher um die wenigen Tickets gerissen. Eine Dame im VIP-Zelt einer Privatbank hatte offenbar Empfang und rief gleich zu Beginn sehr laut: „Das ist ja sensationell! Wirklich, sensationell!“ Drei Meter weiter hörte man eine jüngere Frau im Trenchcoat zischen: „Ich hau ihr gleich eine runter.“ Aber das war nur der erste Unmut, als alle hektisch an ihren Geräten tippten. Danach wurde geteilt, wer Empfang hatte, zeigte den Umstehenden das Bild und stellte den Ton laut: Dreißig Minuten, sehr viel im Tremolo, schwer zu spielen, einander hören konnten die Musiker natürlich nicht. Die Geigen schrauben sich in die Höhe genau wie die Hubschrauber, erzeugen einen schroffen, hypnotischen Klang.
Erinnerungen an „Apokalypse Now“
Nach der Landung wurde die Violinistin Monia Rizkallah auf der kleinen improvisierten Bühne gefragt, wie es war, und bellte nur ins Mikro: „Geil!“ Und dass sie morgen gleich wieder hoch wolle. Das war ein Scherz – es gibt keine weitere Live-Aufführung. Cahn ärgerte sich im Hintergrund unterdessen über den Technik-Dienstleister. Einerseits zu Recht. Andererseits war der Nachmittag doch sein erster großer Erfolg.
Stockhausen, der 2007 starb, galt als Pedant und Kontrollfreak, er wäre bei diesem Termin womöglich durchgedreht. Aber was er wollte, war doch da: Technikbegeisterung und Hingabe an die Musik. Hinterher hörte man unter den Gästen noch Gespräche über Wagners „Walkürenritt“ – weil der doch im Coppola-Filmklassiker „Apokalypse Now“ auch zu Helikoptern gespielt werde – oder einfach darüber, dass das Wetter so viel besser mitgespielt hatte als das WLAN. Vielleicht habe Stockhausens Geist vom Sirius aus geholfen. Als gerade alle wieder in ihre Autos stiegen, begann es in Strömen zu regnen.
Karlheinz Stockhausens Oper „Mittwoch aus Licht“ hat am 19. September Premiere an der Deutschen Oper Berlin. Weitere Termine: 20., 23., 26., 27. September.
