Frau Ackermann, wie wollen Sie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den nächsten Jahren nach vorn bringen – bei Besucherzahlen, öffentlichem Ansehen, internationaler Vernetzung?
Erst einmal habe ich durch die Budgetsicherung – die Festschreibung des Programmetats der einzelnen Museen für die kommenden Jahre – dafür gesorgt, dass die Museen mittelfristig verlässlich planen können. Von den zwölf Millionen Euro, die wir seit 2025 vom Bund und den Ländern zusätzlich bekommen, dienen sechs Millionen als Grundbudget für Sonderausstellungen. Vorher waren dafür bei 21 Museen nur 1,7 Millionen vorgesehen! Auch die neue Summe wird nicht ausreichen, aber sie wird es den Kolleginnen und Kollegen leichter machen, zusätzliche Drittmittel einzuwerben. Außerdem habe ich damit begonnen, das programmatische Gespräch zu intensivieren – nicht hierarchisch, sondern auf kollegialer Grundlage. Besonders am Herzen liegt mir dabei die Bildungs- und Vermittlungsarbeit. In den ersten Monaten meiner Amtszeit habe ich mir diesen Bereich sehr genau angeschaut, und ich bin überzeugt: Hier liegt enormes Potential. Deshalb werde ich ihn gezielt personell verstärken. Es geht darum, dass wir uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen, gesellschaftliche Diskurse aufgreifen und anstoßen. Und ich finde: Unser Publikum erwartet das zu Recht von uns.
Worin sehen Sie die aktuellen Herausforderungen?
Ich will mit einem Beispiel antworten: Grönland, ein brisantes Thema. Alle denken darüber nach, kaum jemand kennt das Land. Da haben wir überlegt: Was könnten wir da spontan machen? Es in die Europäischen Kulturtage des Museums Europäischer Kulturen einbinden? Aber das, was sich in den Sammlungen befindet, kommt von den Inuit, den Indigenen. Wir haben eine phantastische Sammlung im Ethnologischen Museum, die viel zu wenige Menschen kennen. Die sollten wir jetzt zeigen.
Können Sie denn da schnell etwas auf die Beine stellen?
Ja. Aber ich bin immer dafür, dass wir beide Temporalitäten gleichzeitig im Blick behalten: das Langfristige und das Kurzfristige. Wir können mit unseren Sammlungen Diskurse entfachen und Wissen vermitteln.
Reichen Ihre Finanzmittel dafür denn aus? Verglichen mit anderen großen Kulturinstitutionen weltweit, hat die Stiftung nach wie vor ein schmales Budget.
So ist es. De facto haben wir eine jährliche Kürzung, weil die Kostensteigerungen bei Personal, Energie und Gebäudeunterhalt nicht in ausreichendem Maß aufgefangen werden. Denken Sie allein an die Tarifsteigerungen bei über 2000 Mitarbeitenden und fast 1000 Aufsichten. Es gibt eine Konsolidierungsarbeitsgruppe, die Vorschläge macht, wo wir Mittel einsparen können. Im Moment sind wir bei 1,6 Millionen Euro Sparpotential. Aber wir müssen noch viel mehr tun, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Ich habe gerade im „Börsenblatt“ gelesen, wie sich die großen deutschen Konzerne auf die Situation einstellen und Bürokratieabbau vorantreiben. Der Text las sich so, als ginge es um die SPK. Wir werden uns zukünftig nicht nur fragen müssen, was wir tun, sondern auch, was wir nicht tun. Das Letztere ist immer das Schwerste.

Im neuen Vorstand der Stiftung sind die Museen stark vertreten, mit drei von fünf Mitgliedern haben sie die nominelle Mehrheit. Die Sammlungskuratoren und -restauratoren dagegen fühlen sich weniger gut repräsentiert, wie man hört.
Die Sammlungen sind unterschiedlich gut ausgestattet – einige sehr auskömmlich, andere deutlich schlechter. Das muss man sich genau anschauen. Natürlich werden wir vor Verteilungskämpfen nicht geschützt sein, man macht sich dabei auch nicht nur Freunde. Klar ist aber: Die Bewahrung der Sammlungen gehört zu unseren zentralen Pflichtaufgaben, und das sind Bereiche, für die es selten Drittmittel gibt. Hierfür brauchen wir weiterhin eine solide Grundausstattung. Nach der Reform ist vieles natürlich aber auch noch zu frisch, um Wirkung zeigen zu können. Viele Gelder sind noch gar nicht angekommen, die Museumsteams sind neu ausgestattet, die Stellen aber noch nicht besetzt. Wir sind im Transit. Seit diesem Jahr haben wir einen Globalhaushalt, das heißt, wir sind nicht mehr an den Stellenplan gebunden. Andererseits ist das extrem riskant, weil das Geld ja trotzdem reichen muss. Wir tasten uns ein Stück weit in die freie Wirtschaft hinein. Da braucht man Sicherheitsnetze.
Wenn man sich die Ausstellungspläne der Museen für dieses Jahr anschaut, gibt es viele kleine und mittlere Projekte, aber nur wenige große – die archäologischen Ausstellungen zu Göbekli Tepe in der James-Simon-Galerie und zu den Mongolen im Neuen Museum sind die beiden Ausnahmen. Kann die Stiftung Großprojekte wie die „Gesichter der Renaissance“ nicht mehr stemmen?
Natürlich kann sie das, das zeigen die genannten Projekte. Viele unserer größten Vorhaben sind derzeit Bau- und Entwicklungsprojekte, und genau die führen zu mehr Möglichkeiten in der Zukunft. Berlin modern etwa wird dem gesamten Kulturforum eine inhaltliche und programmatische Energie geben – inklusive neuer, großer Ausstellungsflächen. Richtig ist aber auch: Die Zeiten haben sich verändert, und das ist eine Folge dieser schlechten Planbarkeit über Jahre, bei der die Museen noch am Jahresanfang für viele Projekte nicht wussten, ob beziehungsweise wie sie finanziert würden. Solange man nicht für längere Zeit im Voraus planen kann, weiß man nicht, ob man die Mittel hat, in bestimmte Projekte einzusteigen, etwa Tournee-Ausstellungen mit mehreren Stationen, die ja auch ziemlich teuer geworden sind, oder Leihgaben anzufragen. Ich hoffe aber sehr, dass das in den nächsten Jahren besser wird. Übrigens ist es ganz falsch, wenn es immer heißt, die Eigeneinnahmen der Stiftung seien so schlecht. Wenn man sich nur den Bereich der Museen anschaut, nähern wir uns im Verhältnis von Einnahmen, öffentlichen Zuwendungen und Drittmitteln – jeder dieser Posten macht etwa ein Drittel aus – dem Optimum dessen, was man in Deutschland erreichen kann. Und durch die Wiedereröffnung des Pergamonmuseums im Frühjahr 2027 wird es uns auch insgesamt deutlich besser gehen.

Für mich geht das Schritt für Schritt. Wir bekommen jetzt erst einmal die neue Direktorin für das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, Henrietta Lidchi, die am 1. Mai anfangen wird und eine Radikalität im positiven Sinne mitbringt. Sie denkt das Projekt von seinen Wurzeln her, von der Vision. Ich sehe, wie großartig sich das Humboldt-Forum entwickelt hat, ich nehme aber auch Probleme und Schwächen wahr. Da gibt es ganz viele tolle Einzelprojekte, aber es fehlt der große Atem, der durch das Haus geht. Die Präsentation ist sehr unterschiedlich, manche Räume wirken wie vergessen. Die Strukturen sind kompliziert. Und es ist alles viel zu teuer, jede Veränderung der Räume kostet sehr viel Geld. Das ist nicht gut. Es muss möglich sein, auch mit wenig Budget schnell reagieren zu können.
Was wäre denn Ihre Vision für das Humboldt-Forum?
Ich halte sehr viel davon, bestimmte Dinge noch einmal einfacher zu denken. Wir ringen ja alle mit der Überkomplexität der Welt, die uns täglich umgibt. Wir haben ein vielfältiges Publikum: Besucher aus Deutschland, internationale Touristen und diejenigen, die aus den Herkunftsgesellschaften der gezeigten Objekte kommen. Der jeweilige Blick ist sehr unterschiedlich. Wie kann also ein Museum für alle aussehen? Auch der Komplex „Eigentum und Erbe“, den sich Hartmut Dorgerloh und die Kollegen der Stiftung als Jahresthema für 2026 vorgenommen haben, hat das Zeug, groß gedacht zu werden. Nur würde ich dann auch die Themen um Grönland mit aufnehmen und ebenso unsere krimtatarischen Sammlungen, die das Museum Europäischer Kulturen gemeinsam mit ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erforschen will.
Ist schon absehbar, ob das Berliner Stadtmuseum mit seiner Ausstellung aus den Sälen im Obergeschoss auszieht?
Sicher ist wohl, dass das Stadtmuseum mit dem Marinehaus ein neues Quartier bekommt. Aber unabhängig von dieser Frage möchte ich, dass das Museum Europäischer Kulturen ins Humboldt-Forum kommt. Ich kann einfach nicht vertreten, dass wir dort ein Weltkulturenmuseum haben, das ausschließlich außereuropäisch denkt. Wenn Sie sich umsehen, was gerade überall diskutiert wird – im Louvre die „Galerie der fünf Kontinente“, in Mumbai die große Ausstellung darüber, wie in der antiken Welt die verschiedenen Kulturen zusammenhingen, in Marokko ein neues Museum über die muslimisch-jüdische Kultur, die Planungen von Hartwig Fischer in Riad –, geht es überall um den Zusammenhang der Kulturen. Da können wir nicht ausgerechnet neben der Museumsinsel nach dem alten Schema verfahren. Das passt nicht. Von der Sache her muss das rein.

Ein großes Thema im Humboldt-Forum sind weiterhin die Benin-Bronzen. Die ersten Bronzen wurden vor drei Jahren zurückgegeben, aber sie gingen direkt an den Oba von Benin. Die Eröffnung des Edo Museums für West African Art in Benin City im Herbst, wo sie eigentlich gezeigt werden sollten, wurde von Schlägertrupps des Oba verhindert. Kann die nigerianische Regierung nach alldem noch Ihr Verhandlungspartner sein?
Wir, das heißt die Museen in Deutschland, die von diesem Prozess betroffen sind, handeln da koordiniert und in Absprache mit dem Auswärtigen Amt. Es bleibt bei unserer grundsätzlichen Haltung in der Frage der Eigentumsübertragung, aber in welchem Tempo und welchem Rahmen die Rückführungen stattfinden, wird noch besprochen. Ich glaube, dass das Museum in Benin City grundsätzlich hervorragend aufgestellt ist. In Marokko entsteht gerade ein Pendant dazu. Wir müssen auch anerkennen, dass in afrikanischen Ländern eigene Konzepte von Museen entstehen, in denen beispielsweise das Handwerk eine viel größere Rolle spielt als bei uns.
Wäre die SPK einverstanden, wenn weitere Stücke aus ihrer Sammlung in den Privatbesitz des Oba übergehen?
Die nigerianische Regierung beziehungsweise die durch sie eingesetzten Vertreter sind in allen Fragen der Restitution unsere ersten Ansprechpartner. Uns ist die Zusammenarbeit mit allen Partnern in Nigeria wichtig, und insofern ist natürlich eine Koordination in Deutschland und international nötig.
Ein anderes bedeutendes Sammlungsgut der Staatlichen Museen ist der Welfenschatz. Im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum wird er derzeit nicht ausgestellt. Warum nicht?
Wir haben beschlossen, dass wir den Welfenschatz an einem besonders attraktiven und zentralen Ort zeigen wollen, in den unteren Ausstellungsräumen am Kulturforum. Dafür bereiten wir gerade die Neupräsentation vor. Das wird noch ein paar Monate dauern. Für mich ist das sehr wichtig, denn wenn der Welfenschatz im Kulturforum sichtbarer wird, kann das dem gesamten Standort nützen.
Wird das Museum des 20. Jahrhunderts, die „Scheune“, am Kulturforum für einen Zuwachs an Besuchern sorgen oder bleibt es bei einem Nullsummenspiel?
Es wird auf jeden Fall einen Zuwachs geben. International wird das Projekt stark beobachtet, und moderne Kunst zieht immer viele Menschen an. Die ersten drei, vier Jahre werden wir den Bonus der Neueröffnung haben. Außerdem ist Klaus Biesenbach ein Meister in der Kunst, die Zwischenräume zwischen den Museen zu inszenieren. Es wäre wirklich schön, wenn der Neubau in einer Art Museumsgarten stehen könnte. Ich wünsche mir auch, dass man zwischen Philharmonie und berlin modern geradeaus schaut und ins Kulturforum direkt hineingezogen wird. Museumsinsel und Kulturforum werden endlich gleichwertige Standorte sein. Aber schon jetzt arbeiten alle Anrainer gemeinsam stark an der Sichtbarkeit – und nicht mehr mit dem Rücken zueinander.

Das neue Modernemuseum ist sehr stark von den Wünschen und Dauerleihgaben privater Sammler geprägt. Wie beweglich kann es unter diesen Umständen eigentlich sein? Der Kanon der ästhetischen Moderne ist ja nicht fertig, er kann sich immer noch stark verändern.
Das ist ein entscheidender Punkt: Das Haus braucht auch Flexibilität. Wir haben das im letzten Jahr diskutiert, und alle finden es wichtig, dass es Anker gibt – etwa „Das Kapital“ von Beuys –, aber sich darum herum um so mehr Dynamik entfalten kann. Seit ich den Rohbau von innen gesehen habe, bin ich da ganz optimistisch. Es gibt eine große Vielfalt an Räumlichkeiten, sodass man sowohl kleine als auch große Ausstellungen machen kann.
Gibt es noch große Privatsammlungen, die nach Berlin kommen könnten?
Wir haben viel mehr Angebote, als wir aufnehmen können, von Topsammlungen bis zu kleineren Ergänzungen unserer Bestände. Es gibt phantastische Möglichkeiten, gerade jetzt, wo wir alle spüren, dass wir gesellschaftlich an Grenzen des Wachstums stoßen. Meine Vorgänger haben noch gesagt: Wir sammeln Sammler. Das würde ich heute nicht mehr so sehen, man muss ja auch immer an die Folgekosten denken. Aber mir ist die Interaktion mit Privatsammlungen sehr wichtig. Deshalb sind wir dankbar, dass wir mit den Sammlungen Marx, Marzona, Pietzsch und Berggruen arbeiten können. Wir haben gerade damit begonnen, einen Kodex dazu aufzustellen, wie wir uns das ideale Verhältnis zwischen Museen und Sammlern vorstellen. Am wichtigsten ist für mich die Verlässlichkeit.
Im vergangenen Jahr gab es Gerüchte, der Kulturmanager Walter Smerling habe den Kulturstaatsminister für sein Projekt eingespannt, in einem der Häuser der Staatlichen Museen eine Ausstellung zum zweihundertfünfzigsten Jahrestag der Amerikanischen Revolution zu kuratieren. Haben Sie inzwischen eigene Pläne zu diesem Thema?
Es gibt bei uns angesichts der Entwicklungen in den Vereinigten Staaten an vielen Stellen schon länger ein starkes Interesse, etwas zu machen. Wir haben uns gegen eine Großausstellung entschieden, unter anderem deshalb, weil in Amerika selbst das Jubiläum der Revolution instrumentalisiert wird und meine Kolleginnen und Kollegen dort das Datum vermeiden. Alle Einrichtungen entwickeln im Rahmen eines übergreifenden gemeinsamen Projektes zu diesem Thema eigene Ideen. Daraus werden viele rapid responses erwachsen. Im Museum Europäischer Kulturen etwa kann es um das Thema Auswanderung und Amerika als Sehnsuchtsort gehen, das Münzkabinett hat Medaillen von George Washington und zum 100. und 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, das Musikinstrumenten-Museum stellt Benjamin Franklin und die Glasharmonika ins Zentrum. Die gesamte Stiftung macht mit, und wir werden daraus etwas entwickeln, das große Strahlkraft hat.
Vor Ihnen standen ausschließlich Männer an der Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wie unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Ihrer Vorgänger?
Ich habe die Bereiche, in denen ich wirksam werden will, klar strukturiert und meine Zeit entsprechend aufgeteilt. Ich werde mehr mit Künstlerinnen und Künstlern arbeiten. Ich will die Marke Preußenstiftung stärken, auch durch neue Formen der Erzählung, durch Verdichtung und Vernetzung im Programm. Ich will neue Ressourcen erschließen und die Wirtschaft stärker für uns begeistern. Dazu kommen die Aufgaben, die aus der neuen Governance der SPK herrühren: Leadership, Kommunikation, Repräsentation. Im Vorstand, in dem außer mir und dem Vizepräsidenten drei Vertreter der Museen und zwei aus anderen Einrichtungen der Stiftung sitzen, habe ich Richtlinienkompetenz. Es gibt jetzt keinen Generaldirektor mehr, dafür bringe ich meine Erfahrung aus der Museumsarbeit mit. Die Sehnsucht der Museen nach Autonomie ist groß, und ich werde alles tun, um sie darin zu bestärken. Gleichzeitig sage ich sehr klar: Große Ausstellungen sind kein Soloprojekt, sondern eine gemeinsame Leistung. Und wir haben die Kompetenz und die Strukturen, sie auf internationalem Spitzenniveau umzusetzen. Dieses komplexe Netzwerk aus Museen und Institutionen will ich strategisch stärken und so aufstellen, dass es dauerhaft leistungsfähig, sichtbar und relevant bleibt.
