Manchmal reicht eine Fischfutterdose, um eine Ausstellung zu erklären. Jonas Deuter erzählt von seiner ehemaligen Mitbewohnerin, die ihn einmal fragte: „Was macht ein Grafikdesigner eigentlich die ganze Zeit?“ Sie hatte ein Aquarium im Wohnzimmer, daneben stand ein Fischfutterdöschen. „Das war die Firma, für die ich während meiner Ausbildung gearbeitet habe. Es war leicht zu sagen: ‚So etwas zum Beispiel‘“, so Deuter. Seine Mitbewohnerin fand es verrückt. Sie hätte nie gedacht, dass jemand so etwas gestaltet. Dass da jemand sitzt und sich fragt, wie eine Fischfutterdose aussehen könnte. „Und dann ist da noch ein langer Prozess dahinter, bis die Dose im Regal steht“, sagt der Kurator von „On Display. Wie Grafikdesign uns gestaltet“ im Museum Angewandte Kunst.
Wir sehen oft das Produkt, aber nicht, wie und warum es entstanden ist. Wenn wir durch Nachrichtenfeeds scrollen und Zeitschriften lesen. Wenn wir im Supermarkt anhand von Verpackungen entscheiden, was wir kaufen. Oder wenn uns Schilder, Karten, Anzeigetafeln und Straßenmarkierungen den Weg weisen.
Grafikdesign beeinflusst, lenkt, schult, manipuliert. Seit Jahrtausenden gestalten Menschen die Welt mithilfe visueller Systeme. Von eingeritzten Formen in Muscheln über den Buchdruck und die ersten Werbegrafiken bis hin zu Computern und Künstlicher Intelligenz. Die Ausstellung, ein Beitrag zur World Design Capital, möchte Gestaltungsprozesse sichtbar machen und die Wirkmacht von Grafikdesign hinterfragen.
Die Konstruktion von Realitäten
Was das bedeutet, zeigt die raumfüllende Infografik mit dem doppeldeutigen Titel „Design Macht Wissen“ von Robin Coenen und Danielle Rosales. Die vier Abschnitte „Menschen“, „Gesellschaften“, „Welten“ und „Systeme“ strukturieren Fallstudien an den Wänden, und zeigen, wie Grafiken Wirklichkeiten nicht nur abbilden, sondern konstruieren.
Vom Mittelalter bis zur Moderne gab es immer wieder Versuche, Menschen zu schematisieren, um sie vergleichbar zu machen. Lange Zeit wurden dabei nur Männer berücksichtigt. Spätere Grafiken muten in ihren Versuchen, Frauen einzubeziehen, beinahe ironisch an. Etwa der unbeholfene Versuch, den berühmten Strichmännchen-Piktogrammen von Otl Aicher, die er für die Olympischen Spiele 1972 entwarf, eine weibliche Form entgegenzusetzen: ergänzt um zwei Kreise, die Brüste andeuten sollen. Ein plakatives Beispiel für Weiblichkeit.
Wie grausam Ungleichheiten dargestellt werden können, zeigen Grafiken, die rassenideologische oder rassistische Vorstellungen offenbaren. Zu sehen etwa auf der Darstellung eines Sklavenschiffs von 1788. Dicht gedrängte Figuren verdeutlichen, wie viele Menschen auf das Schiff von Liverpool in die Karibik gepfercht werden konnten.
Cholera, Corona und die Vermessung der Welt
Dann gibt es visuelle Beispiele, die zu bahnbrechenden Erkenntnissen führten. Die Karte des Londoner Arztes John Snow machte während eines Cholera-Ausbruchs im 19. Jahrhundert gehäufte Todesfälle rund um eine Wasserpumpe sichtbar – ein Meilenstein der Epidemiologie. Das jüngste Beispiel dürfte vielen noch vertraut sein, das Kurvensymbol „Flatten the Curve“ während der Corona-Pandemie. Kaum jemand muss erklärt bekommen, was die Kurve bedeutet.
Gerade solche Beispiele, die längst zum Allgemeinwissen gehören, eignen sich nur bedingt, grafische Systeme zu hinterfragen. Erst im Kapitel „Welten“ provozieren die Designer diese Reflektion. Hier geht es darum, wie Bilder unser Weltbild überhaupt formen. Da ist etwa Alexander von Humboldts frühe, komplexe Vermessung der Welt. Da sind Unterseekabel, die dem schwammigen, inflationär verwendeten Begriff „Cloud“ eine physische Dimension geben – schließlich verläuft ein Großteil unseres Datenverkehrs durch Meere. Da ist „Blue Marble“, die weltberühmte Apollo-17-Aufnahme der Erde von 1972. Was weniger bekannt ist: Die NASA hat sie nachträglich um 180 Grad gedreht – das Originalfoto zeigte den Südpol oben und den Nordpol unten, weil es im Weltraum kein Oben und Unten gibt.
Ein ganzes Universum an Realitäten in einem Raum – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Besonders markante Beispiele für „Systeme“, für Propaganda-Grafiken, etwa aus der Zeit des Nationalsozialismus, fehlen. Das liegt laut Deuter daran, dass dafür sehr viel mehr Erklärung und Begleitung erforderlich wäre.
Surreale Traumwelten und poetische Fragen
Um Manipulation geht es aber dennoch. Was wird vom Grafikdesign bleiben, wenn die Werkzeuge selbst gestalten? Wenn Maschinen mit Bildern trainiert werden, ohne Einwilligung der Urheber? Wer wird künftig überhaupt noch gestalten? Das zu beantworten, sei noch zu früh, meint Kurator Deuter. Eine künstlerische Arbeit steht für die atemberaubend schnelle Entwicklung.

Surreal, (alb-)traumhaft und verfremdet wirken Sophia Beckers Kindheitserinnerungen, in Clips auf zwei Bildschirmen. Die Künstlerin hat sich für ihre Arbeit „re constructed“ mit der Filmemacherin Aline Bavier zusammengetan. Das Einzige, was daran echt ist, sind ein paar Fotografien, die Becker als Mädchen zeigen. Der Rest ist KI-generiert. Die Auflösung erfolgt später. Aber spätestens beim Bild der jungen Becker, die von Dutzenden Motten umflattert wird, dürfte klar sein: Das ist nicht echt.
Abgerundet wird die Ausstellung durch Säulen, massive, bereits bestehende, und aus Pappmaché nachgebaute, auf denen die Künstlerinnen Anja Kaiser und Rebecca Stephany Texte aus dem Buch „Glossary of Undisciplined Design“ angebracht haben. Es ist der inhaltlich vielleicht abstrakteste, aber auch poetischste Raum. Einer, der die Frage nach der Wirkmacht von Grafikdesign offenlässt. Und der Instagram-tauglichste.

Besucherinnen machen Selfies davor. Andere lesen die Texte, zwei Männer unterhalten sich. Hier wird gewissermaßen eingelöst, was die Ausstellung zum Ziel hat: Designer wie Laien einzuladen, sich mit Grafikdesign und seiner Wirkung auseinanderzusetzen. Sie ist konzipiert wie ein offener Diskurs, der in einer Zeit visueller Reizüberflutung, Propaganda und KI-generierter Inhalte zur richtigen Zeit kommt.
„Bevor isch misch uffresch, geh ich lieber wählen“
An die Designkritik knüpft eine zweite Ausstellung im Museum an: „Adler, Orden, Wahlurne“ fragt nach der Wirkmacht und Aktualität politischer Symbole der Bundesrepublik. Etwa des Adlers, der seit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation Identität stiften soll – und heute von Rechtsradikalen instrumentalisiert wird.


Drei Jahre lang haben Forscher und Designer Abgeordnete begleitet, um die Demokratie zu „redesignen“. Das Projekt der Hochschule für bildende Künste Hamburg und der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung nimmt sich etwa den Adler von 1953 vor, die Skulptur „fette Henne“ aus dem Plenarsaal des Bundestags. Doch wenn dem ein Butteradler, ein textiler Adler, ein Pixel-Adler oder ein Eintracht-Adler entgegensetzt werden, bleibt die Diskursebene an der Oberfläche. Dabei wäre für die Frankfurter Station ein sehr guter aktueller Anlass geboten: der neu designte Hessen-Löwe der Landesregierung, dessen rückwärtsgewandte Gestaltung viel diskutiert worden ist.
Auch neue Varianten des als antiquiert empfundenen Bundesverdienstkreuzes, dem sich der zweite Raum widmet, kritisieren eine Symbolpolitik und bleiben dabei doch selbst symbolhaft.
Dass manche Kommunen pragmatisch Mülltonnen als Wahlurne nutzen, halten die Designer für ein fatales Symbol der Demokratie. Aber provoziert das wirklich die Assoziation vom Stimmzettel für die Tonne? Besonders schön ist der Gegenentwurf auf Hessisch: eine Tonne im Bembel-Design, auf der steht: „Bevor isch misch uffresch, geh ich lieber wählen #seikeinbappsack“. Das Beispiel zeigt: Die politische Aussage kann weit über das Motiv hinausweisen. Damit führt diese Ausstellung zurück zur Ausgangsfrage von „On Display“: Wer entscheidet, wie etwas aussieht – und was die Gestaltung mit uns macht? Vielleicht reicht als Beispiel manchmal doch eine Fischfutterdose.
