DIE ZEIT: Angst, Autismus, Depression, ADHS, alle scheinen damit beschäftigt zu sein, das eigene Leid zu diagnostizieren; auch kleine Vorfälle werden als traumatisch wahrgenommen. Warum übt seelisches Leid in der Gegenwart eine solche Anziehungskraft aus?
Catherine Liu: Ich glaube, diese Anziehungskraft besteht vor allem für die Eliten der oberen Mittelschicht. Psychische Störungen sind in gewisser Weise »gentrifiziert« worden und werden heute nahezu vollständig von Angehörigen der Mittelschicht beansprucht, die schon bei der geringsten Belastung in einer Welt leiden, in der sie nur ein Ziel verfolgen: sich selbst für den Wettbewerb im Kapitalismus zu optimieren. Ihr Leiden überdeckt dadurch alle anderen Formen des Leidens.
