
Kommt ein Unternehmen in eine Kreisstadt und ist bereit, 2,5 Milliarden Euro zu investieren. Antwortet die Stadt: nein danke.
Das Nein des Stadtparlaments von Groß-Gerau zum Vorhaben des US-Betreibers Vantage Data Centers darf als vorläufiger Höhepunkt der Diskussion gelten, wie die Rhein-Main-Region als Wirtschaftszentrum und wichtigster Internetknoten Europas mit Rechenzentren umgeht. Vor allem mit denen, die sich hier noch ansiedeln wollen.
Als erste hatte die Stadt Frankfurt das Wachstum der Branche mit eng gefassten Standortvorgaben beschnitten. Dafür gab es Gründe, aber das Desinteresse ist zugleich überheblich: Die zukunftsträchtige Branche hat ohne großes Zutun der Politik eines ihrer global wichtigsten Zentren in der Stadt aufgebaut. Und nicht nur für die Finanzwirtschaft ist die Nähe zu Rechenleistung und Datenaustausch ein entscheidender Faktor.
Die Politik im Umland erkannte die Chancen, die Frankfurt liegen lässt. Die Datacenter-Branche schien weniger zu stören als der Bau von Logistikhallen mit ununterbrochenem Lastwagenverkehr. Wer die Verträge geschickt verhandelt, kann als Bürgermeister zwar kein Jobwunder, aber die Schaffung hoch qualifizierter Arbeitsplätze verkünden – und Gewerbesteuereinnahmen in Aussicht stellen.
Die Branche plant immer größer
Die Willkommensstimmung scheint vielerorts verflogen zu sein. Unter Politikern hat sich herumgesprochen, dass die internationalen Unternehmen eher wenig in die Stadtkasse einzahlen. Bei Anwohnern ist angekommen, dass auch ein Rechenzentrum als Nachbar ein Gewerbebetrieb ist: den man hört und sieht, der viel Strom und Wasser verbraucht. Derweil plant die Branche immer größer. Waren vor wenigen Jahren noch 50 Megawatt Anschlussleistung eine nennenswerte Größe, werden die Standorte nun drei- oder gar viermal so groß geplant. Das überfordert nicht nur die Stromkapazitäten.
Groß-Gerau ist nicht allein mit der Auffassung, lieber gar kein Unternehmen zuzulassen als so eines. Auch in Maintal und Raunheim wird über Vorhaben gestritten. Wie beim Bau von Straßen, Stromtrassen oder Wohngebieten gilt nun auch für Rechenzentren: Besser stehen sie woanders.
Damit ist niemandem geholfen. Richtig ist, ein Ballungsraum wie Rhein-Main hat Grenzen. Aber die Kommunen wären weit besser beraten, wenn sie mit interessierten Unternehmen verhandeln, sie einladen, aber auch fordern, bis beide Seiten profitieren. Denn Datacenter bedingen das gesamte digitale Leben. Von der Whatsapp-Nachricht bis zum KI-Assistenten steckt alles in den Riesengebäuden. Das Rückgrat von Industrie, Verwaltung und Unterhaltung sowieso.
