
Die Mitteilung der Eintracht in dieser Woche war kurz. Der aktuelle Tabellendreizehnte der Fußball-Bundesliga und „Athletik-Chef“ Schahriar Bigdeli hätten ihre Zusammenarbeit beendet, hieß es nur. Über die Gründe für die Trennung informierte der Klub nicht. Auch über den genauen Zeitpunkt machten die Frankfurter keine Angaben.
In den ersten beiden Saisonspielen gegen Union Berlin (3:3) und den FC Augsburg (1:4) sicherte sich die Eintracht nur einen Punkt, zum Ligastart läuft es auch unter dem neuen Trainer Adi Hütter nicht rund bei den Hessen. Das betrifft offenbar auch die Abläufe im Verein. Wie mehrere Medien bereits vor der Klubmitteilung berichteten, soll die Freistellung von Bigdeli schon vor mehreren Wochen erfolgt sein. Die Eintracht agierte also offensichtlich nicht, sie reagierte. Und das augenscheinlich ziemlich spät.
Zwei Leihspieler waren die fittesten im Kader
Überraschend kommt das Aus des leitenden Athletiktrainers, der viermal deutscher Meister im Weitsprung war und seine Arbeit im Sommer 2023 beim ehemaligen Trainer Dino Toppmöller begonnen hatte, indes nicht. Bereits in der vergangenen Saison soll intern Unmut über die körperliche Verfassung und die physischen Defizite der Mannschaft geherrscht haben.
Wie die „Bild“-Zeitung berichtete, waren in der Rückrunde Leihspieler Arnaud Kalimuendo (heute wieder Nottingham Forest) und Ayoube Amaimouni wohl die fittesten Spieler im Kader, ausgerechnet die beiden Profis, die erst im Winter von anderen Klubs zu den Frankfurtern gestoßen waren.
Frankfurts Rundenstart wirft Fragen auf
Im Spielbetrieb verlor die Eintracht wichtige Punkte, weil die Profis in den Partien im Schlussspurt abbauten und nicht mehr in dem Maß dagegenhalten konnten, das nötig gewesen wäre. Ende Mai trennten sich die Frankfurter dann „einvernehmlich“ von ihrem Athletiktrainer Martin Spohrer, der seit 2016 am Main unter Vertrag gestanden hatte. Unter seiner Mitarbeit gewann der Klub 2018 den DFB-Pokal und 2022 die Europa League.
Zogen die Hessen mit dieser Entscheidung die richtigen Konsequenzen aus der abgelaufenen Runde? Frankfurts Rundenstart wirft jedenfalls abermals Fragen auf. Im Duell mit den Berlinern reichte ihnen ein 3:1-Vorsprung nicht zum Erfolg. Und gegen Augsburg brach die Eintracht am vergangenen Sonntag nach einer vorzeigbaren ersten Spielhälfte mit einer 1:0-Führung im zweiten Abschnitt kolossal ein. Ein Aufbäumen? Fehlanzeige.
Neue Saison, altes Spiel: „Ich stelle mir den Fußball so vor wie in der ersten Hälfte“, sagte Adi Hütter hinterher. Aber: „Um das über einen längeren Zeitraum spielen zu können, müssen wir physisch noch besser werden. Wir sind immer noch nicht dort, wo ich mir das vorstelle.“
Mit anderen Worten: Frankfurts Fitnesslevel genügt Hütters Ansprüchen in puncto Intensität nicht. Ziel des Trainers ist es, dass sein Team „mit Power und Energie Fußball spielt“. So drückte es Hütter am Donnerstag in der Pressekonferenz vor der Begegnung an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) in Mainz aus.
„Andreas Beck wird bis auf Weiteres übernehmenn“
Wie ist die Eintracht im Trainerstab jetzt aufgestellt? Schahriar Begdeli, der zuvor zwölf Jahre für Bayer Leverkusen gearbeitet hatte, sei „für die athletische Betreuung und Steuerung der Lizenzmannschaft verantwortlich“ gewesen, teilten die Frankfurter in dieser Woche mit. Und weiter: „Die entsprechenden Aufgaben werden künftig innerhalb des bestehenden Trainer- und Funktionsteams neu verteilt. Andreas Beck wird bis auf Weiteres die Leitung des Athletikbereichs übernehmen.“
Zu wünschen übrig lässt seit geraumer Zeit außerdem die mentale Widerstandskraft vieler Spieler. Mit Rückschlägen können sie offenbar schlecht umgehen, viele Profis lassen sich dann viel zu leicht aus dem Konzept bringen. „Natürlich ist das auch eine Kopfsache, das müssen wir schleunigst rausbekommen“, sagte Hütter im Anschluss an den Misserfolg gegen Augsburg und im Hinblick auf die vielen verspielten Führungen.
„Wichtig ist, dass diese Spieler Verantwortung übernehmen“
Vier Tage später nahm er explizit Frankfurts Führungsspieler in die Pflicht. „Ich bin der Meinung, von ihnen muss mehr kommen. Wichtig ist, dass diese Spieler Verantwortung übernehmen, speziell in schwierigen Phasen.“
Das Wichtigste sei, „dass wir einen klaren Kopf haben, dass wir, wenn wir ein Gegentor bekommen, auch andere Rituale machen müssen. Da müssen wir anders agieren und nicht die Köpfe in den Boden stecken. Trotz allem weitermachen“. Hütter sprach von einem „Prozess“, den die Frankfurter durchlaufen müssten.
„Wir müssen uns konsequent als Mannschaft präsentieren und die Verantwortung als Mannschaft und nicht als Einzelkämpfer übernehmen. Mit guter, positiver Kommunikation und individuellen Gesprächen“ will Hütter seine Spieler auf dem Weg zu neuer Stabilität unterstützen. „Wir arbeiten daran, dass wir unter Druck vom Kopf her Leistung bringen können“, sagte der Trainer.
Die fehlende „Stabilität“ beklagte auch Markus Krösche. „Es ist am Ende natürlich auch eine Psychologiefrage“, meinte der Sportvorstand. 2021 holte Krösche den Potential- und Persönlichkeitstrainer Martin Daxl zur Eintracht, mit dem er schon beim SC Paderborn zusammengearbeitet hatte.
„Natürlich haben wir keinen guten Start gehabt“
„Wir wollen Spieler nicht nur durch Ernährung und Athletiktraining weiterbringen, sondern auch als Persönlichkeit. Oft sind es ebendiese Kleinigkeiten, die den Erfolg im Fußball ausmachen“, begründete der Sportvorstand die Anstellung Daxls. Nach einem Medienbericht soll dieser heute jedoch keinen direkten Umgang mehr mit den Profis haben.
Trotz der Wiederkehr der alten Schwierigkeiten gibt sich Krösche gelassen. „Natürlich haben wir keinen guten Start gehabt, aber das gehört auch manchmal dazu“, sagte er nach der ersten Heimniederlage am zweiten Spieltag. Nachverpflichtungen vereinsloser Spieler schloss der Sportvorstand aus. „Wir müssen jetzt Schritt für Schritt gehen“, gab er die Richtung vor. „Wir behalten intern die Ruhe. Der Trainer arbeitet mit der Mannschaft. Die Jungs werden sich entwickeln. Und dann werden wir auch unsere Ziele erreichen.“
Am Samstag wollen sich die Frankfurter in Mainz im dritten Saisonanlauf drei Punkte sichern. Nur wie soll das gelingen? Hütter könnte die Grundordnung verändern, weg von dem von ihm bevorzugten 4-2-2-2, hin zu einer Dreierkette. Bereits in seiner ersten Amtszeit von 2018 an entschied sich der Fußballlehrer nach anfänglichen Problemen für eine schnelle Systemumstellung. „Ich muss mir Gedanken machen, dass wir einfach wieder stabiler stehen können“, sagte der Österreicher jetzt.
Gestützt werden muss auch Robin Koch, der als Abwehrchef in einer Viererkette weiter seiner Form hinterherhinkt. In anderer Formation wäre der Kapitän womöglich besser aufgehoben. Koch in der Mitte, Lilian Brassier links und Jeremiaha Maluze rechts – diese Zusammensetzung könnte eine Frankfurter Dreierkette in Mainz haben.
Nur eines von 22 Spielen in Mainz gewann Frankfurt
„Ich möchte flexibel sein mit meiner Mannschaft. Als Trainer sollte man immer flexibel sein“, sagte Hütter am Donnerstag und ließ sich nicht in die Karten schauen. Er betonte aber, dass die Probleme gegen Augsburg nicht an der taktischen Ausrichtung gelegen hätten. Vielmehr seien seine Spieler in entscheidenden Situationen nicht konsequent in die Zweikämpfe gegangen. Das müsse sich so oder so in Zukunft ändern, forderte der Fußballlehrer.
Von den zurückliegenden 22 Pflichtspielen in Mainz konnte die Eintracht nur eins gewinnen: im Januar 2021 durch ein 2:0. Trainer war damals Adi Hütter. Aus Eintracht-Sicht macht das Hoffnung. Hütter sagte vor dem Kräftemessen mit den Mainzern: „Wir müssen uns in keiner Weise verstecken. Auch wir haben sehr viel Qualität.“ Nur müssten die Frankfurter diese dann auch auf dem Platz zeigen, wenn sie wirklich erfolgreich sein wollen.
