Beide Fahrer wählen am Ende ihrer Tour denselben Begriff: „Total smooth.“ Geschmeidig, schwungvoll und flüssig fahre dieses Rad. Sie spielen damit auf dessen Besonderheit an, die elektrische Unterstützung durch den Mittelmotor. Wir haben das E-Rennrad Fastlane 10 von Scott ausprobiert, und es hat vom ersten Kilometer an Spaß gemacht, weil der motorisierte Antrieb ungemein geschickt den menschlichen unterstützt.
Doch ist das dann noch Rennradfahren? Da ein zulässiges E-Bike ab 25 km/h den Motor auskoppelt, hat man beim Fahren im typischen Rennradtempo keinen Gewinn und den Nachteil eines höheren Gewichts durch Akku und Motor. Das E-Rennrad kappt allerdings die Spitzen der eigenen Belastung. Ob man sich an starken Steigungen mit 10 km/h hochquält oder munter motorunterstützt mit 15 bis 20 km/h, ist durchaus relevant, und zwar für Psyche und Kondition. Wer nach 80 Kilometern und 1500 Höhenmetern völlig abgekämpft ist, schafft mit dem E-Rennrad vielleicht auch 120 Kilometer und 2000 Höhenmeter und erweitert seinen Aktionsradius. Oder er hält mit stärkeren Gruppen mit, ist motivierter und fährt öfter. Ältere Rennradler mit schwindenden Kräften können weiterhin ihre gewohnten Runden fahren, lautet ein weiteres Argument für die elektrische Hilfe.

Die gelungene Verbindung beider Antriebsarten hängt daran, wie die Unterstützung des menschlichen Radlers programmiert ist. Das Fastlane setzt auf einen HPR40-Motor von TQ mit nur 40 Newtonmeter Drehmoment und einer Leistungsspitze von 200 Watt. Auch der eingebaute Akku bleibt mit 290 Wattstunden bescheiden. Er wird mit einem proprietären Anschluss über dem Tretlager geladen. Das Netzteil hat die Maße eines Ziegelsteins, und den Ladeanschluss öffnet ein Federscharnier, man drückt also auf die Abdeckkappe, die ein hoffentlich langes Leben hat. Über denselben Anschluss lässt sich auch ein Range-Extender anschließen. Vollladen dauert rund drei Stunden.
Alle Hinweise aufs Elektrische sind gut versteckt
Nicht nur der Ladeanschluss ist erst auf den zweiten Blick zu entdecken. Auch die Bedienelemente fürs Elektrische sind wunderbar verdeckt eingebaut, sodass diejenigen, die man am Berg lässig überholt, ungläubig staunen. Der Akku übernimmt nicht nur die Stromversorgung des Motors, sondern auch die der Schaltung. Verbaut ist die elektronische Ultegra Di2 2×12 von Shimano mit 50/34-Kettenblatt vorn sowie einer 11–34-Kassette hinten, was einer Endurance-Ausrichtung entspricht: genug Reserve an Steigungen, gleichzeitig noch sportliche Gänge in der Ebene. Bei sehr schnellen Abfahrten wünscht man sich eine andere Übersetzung. Die Ultegra macht einen guten Job, arbeitet aber nicht so geschmeidig und geräuschlos wie die unlängst erprobte Sram Force AXS E1.
Der Vorteil der ungewöhnlichen Stromversorgung besteht darin, dass regelmäßig aufzuladende Akkus für Schaltwerk und Umwerfer entbehrlich sind, und als kleines Extra spendiert der Hersteller eine fest an der Sattelstütze befestigte Rückleuchte, die ebenfalls vom Hauptakku gespeist wird. Eine weitere Finesse, die von der Liebe zum Detail zeugt, ist das im linken Lenkerende verborgene Bordwerkzeug.

Dank Carbonrahmen und komplett im Rahmen verstauten Leitungen sieht das Scott ungemein schlicht und damit elegant aus. Das Gewicht von elf Kilogramm mit Pedalen mag man zunächst kaum glauben, denn Motor und Akku wiegen allein schon fast 2,7 Kilogramm. Wer sich das erste Mal aufs Rad setzt, genießt nicht nur die Solidität und Steifigkeit der Maschine, sondern benötigt zunächst eine kleine Einweisung in die Bedienung. Eine Anzeige für Akkustand und Fahrmodus ist äußerst verdeckt in das rechte Lenkerende eingebaut. Das Display besteht aus fünf Leuchtdioden, dazu kommt eine Bedientaste, mit der die Elektrik zum Leben erweckt wird. Die LED zeigen den Akkustand und die Unterstützungsleistung durch wechselnde Farben. Es gibt drei Modi, die sich mit der zugehörigen App sogar programmieren lassen. In der Standardeinstellung sind es 80, 120 und 200 Watt. Wer ambitioniert ist, reduziert die maximale Unterstützungsgeschwindigkeit auf weniger als 25 km/h.
Unsichtbare Tasten unter den Hoods
Das Umschalten zwischen den drei Modi erfolgt mit zwei unsichtbaren Tasten unter der Gummiabdeckung der Hoods. Mit der rechten erhöht man die Unterstützung, mit der linken reduziert man. Hoods sind die oberen Griffe am Schalt- und Bremshebel des Rennrads.

Die Elektronik verbindet sich perfekt mit vielen Sportuhren oder Radcomputern, die ANT+ beherrschen. Auf der Anzeige erscheint fortan nach der Kopplung von Rad und Uhr sowie dem Start des E-Bike-Trainings eine neue Datenseite mit der Höhe des Akkustands und der berechneten Restreichweite. Zu Beginn der Fahrt wird bei voll geladenem Akku in der kleinsten Unterstützungsstufe eine Reichweite von mehr als 200 Kilometern angezeigt. Je nach Terrain und Fahrweise sind es aber nach unseren Erfahrungen im Sommer nur rund 100. Schaltet man auf die mittlere oder höchste Unterstützungsstufe, hat man gegebenenfalls nur eine Reichweite von 40 bis 60 Kilometern. Man lasse sich aber von den dynamischen Hochrechnungen nicht verwirren. Wer den Motor behutsam zuschaltet, kann 100 Kilometer mit 1500 Höhenmetern durchaus schaffen. Aber gewiss wird mancher für extrem steile Anstiege mehr Leistung haben wollen. Das ist ein Kompromiss, den man für das geringe Gewicht eingeht. Die Garmin-Uhr erfasst zudem Leistung und Trittfrequenz, die Werte lassen sich nach der Tour in der App oder im Web-Interface ansehen.
Das Fahrverhalten des Fastlane ist unkompliziert, gutmütig. Dank des geringen Gewichts taugt die Maschine für schnelle Beschleunigungen, man kann es fahren wie ein herkömmliches Rennrad. Unser Modell war mit den 34 Millimeter breiten Pro-One-Reifen von Schwalbe versehen, sie laufen auf Syncros Capital 1.0 Carbon-Laufrädern, die für zusätzlichen Fahrkomfort sorgen. Das Fastlane 10 ist in fünf Größen für 8000 Euro im Handel.
