Als sich Werner Graf und Lisa Paus auf dem Leon-Jessel-Platz in Wilmersdorf begegnen, lassen sie sich nicht anmerken, dass ein Konflikt hinter ihnen liegt. Der örtliche Kreisverband der Grünen hat an diesem Tag im Juli zum Wahlkampfauftakt eingeladen. Graf ist Spitzenkandidat zur Abgeordnetenhauswahl, Paus war Bundesfamilienministerin in der Ampelkoalition. Wilmersdorf, gelegen im Berliner Westen, ist Teil ihres Bundestagswahlkreises. Spitzenkandidatin zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September wäre auch Paus gerne geworden.
Die etwa fünfzig Parteimitglieder sind bester Stimmung. Es gibt Obst, Eis und viel Infomaterial. Das Wetter ist gut. Und zwei Tage zuvor hat der RBB eine Umfrage veröffentlicht, in der die Grünen mit 19 Prozent auf Platz zwei liegen, nur einen Prozentpunkt hinter den Linken. „Das holen wir auch noch auf“, meint ein älterer Mann. An diesem Tag sagen viele Mitglieder, Graf habe beste Chancen, Berlins Regierender Bürgermeister zu werden.

Gut zwei Monate später ist die Situation etwas anders. In der jüngsten Umfrage des RBB kommen die Grünen zwar auf 18 Prozent, liegen aber gleichauf mit der AfD knapp hinter CDU und Linkspartei auf Platz drei. Die Wahlkampfstrategen um Graf setzen auf eine Strategie, die vor nicht allzu langer Zeit noch schlüssig schien, mittlerweile aber auf eine veränderte Realität gestoßen ist: Sie inszenieren Graf als ruhenden Pol in einem schillernden Kandidatenfeld.
Dass der Spitzenkandidat an jenem Nachmittag in Wilmersdorf eine eher langweilige Rede hält, entspricht dieser Strategie. Graf sagt seinen Parteifreunden, er beteilige sich bewusst „nicht an diesen aufgeblasenen Debatten im Wahlkampf“. Er mache Politik „Schritt für Schritt“, wolle nicht viel versprechen, sondern die Stadt „jeden Tag ein kleines Stückchen besser machen“.
Ein Charismatiker ist der 45 Jahre alte Mann nicht. Sein Auftreten wirkt oft etwas unbeholfen, was vielleicht auch daran liegt, dass er stark schielt. Das Hochdeutsch des gebürtigen Oberpfälzers hat auch nach mehr als zwanzig Jahren in der Hauptstadt seine süddeutsche Färbung behalten. Das öffnet in Berlin nicht überall Türen.
Als solider Sachpolitiker wird der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus aber parteiübergreifend geschätzt. Auch politische Gegner sagen, er sei eine ehrliche Haut. Im Wahlkampf tritt er anders auf als die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, die mit schrillen Tönen die Erwartungen ihrer Parteigenossen zu erfüllen versucht. Oder der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, der auf pointierte Forderungen setzt.
Die frühere Bundesfamilienministerin Paus hatte keine Mehrheit
Doch seit Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) seine Spitzenkandidatur zurückzog, hat Graf sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Für die CDU tritt nun Finanzsenator Stefan Evers an. Evers ist keiner, der wie Wegner leutselig auf Bürger zugeht, sondern jemand, der viel Zeit am Schreibtisch verbringt. Die CDU versucht das zur Stärke zu machen: „Einer muss vernünftig sein“ steht auf Evers’ Plakaten. Graf ist nicht mehr der einzige ruhende Pol im Wahlkampf.
Hinter vorgehaltener Hand klagen mittlerweile manche Grüne, ihr Kandidat sei zu wenig präsent. Bei mehreren wichtigen Terminen ließ sich Graf von Ko-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch vertreten. Eine Ein-Mann-Show war allerdings von Anfang an nicht geplant: Die Berliner Grünen sind in Geschlechterfragen sensibel. Den Wahlkampf voll und ganz auf einen Mann auszurichten, wie es die Grünen in Baden-Württemberg mehrfach taten, würde in ihren Reihen nicht akzeptiert.
Paus wiederum verzichtete auf die Spitzenkandidatur, obwohl manches für die frühere Ministerin sprach – neben ihrem Geschlecht vor allem ihre bundespolitische Prominenz. Graf ist im Landesverband besser vernetzt: Die Kreisverbände Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln machten früh deutlich, dass sie die ehemalige Ampelministerin nicht wollten. Ihr Votum hat Gewicht im linken Parteiflügel, dem sowohl Paus als auch Graf angehören.

Dem Grünen-Fraktionsvorsitzenden gelang es zudem, linke Grüne aus Paus’ Kreisverband auf seine Seite zu ziehen. Wie man innerparteilich Mehrheiten organisiert, hat Graf nach seinem Studium als Mitarbeiter der langjährigen Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth gelernt. Im linken Flügel waren die Mehrheitsverhältnisse schließlich so eindeutig, dass Paus auf dem Landesparteitag im vergangenen Jahr nicht gegen Graf kandidierte. Er hatte freie Bahn.
„Wir versauen es uns permanent selbst“, sagte Habeck
Auch die Realos unterstützen ihn. Sie stellen in der bisherigen Abgeordnetenhausfraktion etwa ein Drittel der Parlamentarier. Mehrere von ihnen nehmen Paus übel, dass sie sich zu Ampelzeiten gegen Robert Habeck profilierte. 2023 hatte sie als Ministerin mehr Mittel für die Kindergrundsicherung gefordert und deshalb gegen das Wachstumschancengesetz gestimmt – anders als Habeck. Der damalige Vizekanzler sagte danach an seine Kabinettskollegin gerichtet: „Wir versauen es uns permanent selbst.“
Das ist den Berliner Grünen auch bei der Abgeordnetenhauswahl 2023 passiert. Damals schien es lange realistisch, dass die grüne Verkehrssenatorin Bettina Jarasch nach der Wahl eine grün-rot-rote Koalition als Regierende Bürgermeisterin anführen könnte. Am Wahlabend lag die Partei auf Rang drei – knapp hinter der SPD und weit hinter der CDU, die mit den Sozialdemokraten eine Koalition bildete. Die Grünen landeten in der Opposition.
Jarasch hatte kurz zuvor einen Teilabschnitt der Friedrichstraße für Autos gesperrt. Das kam bei der Kernklientel der Grünen gut an – mobilisierte aber auch sehr viele Unionswähler. Einen ähnlichen Fehler wollen die Grünen diesmal unbedingt vermeiden. Graf bleibt deshalb auch nach Wegners Rückzug bei seiner Strategie: Hauptsache, nichts raushauen, was eine Anti-Grünen-Stimmung erzeugt.

Dass er deshalb weniger in den Medien auftaucht, nimmt er in Kauf. Seine innerparteilichen Kritiker sagen, er spiele auf Platz, nicht auf Sieg. Würden die Berliner ihren Regierenden Bürgermeister direkt wählen, bekäme Graf laut Umfragen das schlechteste Ergebnis aller Spitzenkandidaten. Dass die Grünen bisher nicht zur Linken aufgeschlossen haben und etliche Innenstadtwahlkreise an die Partei verlieren könnten, ärgert viele Wahlkämpfer.
Dabei ist Graf, der mit einem Mann verheiratet ist, programmatisch weit auf linke Wähler zugegangen: Anders als früher treten die Hauptstadt-Grünen für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen ein. Auch stilistisch zeigt Graf, wo er steht: Bei seinen Auftritten trägt er oft einen „Fck Nzs“-Button. Das ostentative Verwenden der „Fuck Nazis“-Parole soll Menschen ansprechen, die das Erstarken der AfD erschüttert.
Die Grüne Jugend will keinen CDU-Bürgermeister wählen
Nach der Wahl will Graf eine Koalition mit Linken und SPD formen – auch dann, wenn Eralp vorne liegen sollte. Der SPD dürfte es nicht leichtfallen, die Linken-Politikerin zur Regierenden Bürgermeisterin zu wählen. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach will keine Enteignungen. Graf traut sich zu, zwischen Sozialdemokraten und Linken zu vermitteln.
Gelingt ihm das nicht, hat wohl nur eine Kenia-Koalition unter Führung der CDU eine Mehrheit. Ein solches Bündnis wollen die meisten Grünen nicht, akzeptieren es aber als Option für den Notfall. So sieht es auch Graf. Sollte er sich auf ein solches Bündnis einlassen, muss er mit Widerstand rechnen.
Elina Schumacher von der Grünen Jugend sagte der F.A.Z. etwa, sie werde „auf gar keinen Fall einen Kandidaten der CDU zum Regierenden Bürgermeister wählen“. Schumacher dürfte nach der Wahl der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus angehören, auf dem Landesparteitag hat sie sich einen sicheren Listenplatz erkämpft. Graf unterstützte damals ihre Gegenkandidatin.
