Der Mann sieht aus wie ein Mathematiklehrer. Hemd und dunkle Hose, die Brille könnte von Fielmann sein, und auch die Frisur ist eher pragmatischer Art. Er spricht über Erinnerungspolitik, liest Gedichte vor. Nur die Goldborte an der Naht seiner Hosentasche irritiert ein wenig. Kaum eine Stunde später dann hüpft Grzegorz Kwiatkowski auf der Bühne herum wie ein verfrühter Osterhase. Immer wieder quackt er „Ba! Ba! Ba!“ und haut in die Saiten seiner Gitarre, dass einem die Ohren wegfliegen.
Trupa Trupa heißt die Band des 1984 in Danzig geborenen Kwiatkowski. Das Multitalent ist für eine Art Double Date in Berlin. Vor dem Konzert spricht er am Nachmittag im Polnischen Institut über seine Arbeit als Erinnerungsaktivist und Dichter, zwei Tätigkeiten, die sich überschneiden: Als Artist in Residence sichtet Kwiatkowski Zeitzeugendokumente an dem der Universität Yale angegliederten Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies. Dort lagern 4400 Videos von Interviews mit Holocaustüberlebenden. Das inzwischen in mehreren Gedichtbänden (zwei davon in deutscher Übersetzung) vorliegende Ergebnis kann man als dokumentarische Lyrik bezeichnen.
Eine heikle Angelegenheit
Es sind sehr kurze Gedichte, die mit Material aus den Interviews arbeiten. Auch die Täter kommen immer wieder zu Wort: „es war famos/ ich nahm sie alle/ die Gehirne/ es war mir egal wo sie herkamen/ da waren wunderschöne Verformungen und Erkrankungen“, heißt es etwa in einem mit „Julius Hallervorden“ überschriebenen Text. Hallervorden war ein Arzt, der im Zweiten Weltkrieg an Vergasungen von Kindern teilnahm und hernach ihre Gehirne sezierte.
Sich die Stimmen von Tätern und Opfern anzueignen und sie überdies unkommentiert nebeneinanderzustellen, ist eine heikle Angelegenheit. Kwiatkowskis Lyrik aber ist derart reduziert, dass sie niemals Gefahr läuft, in Betroffenheitskitsch abzugleiten oder einen Voyeurismus des Schreckens zu befördern.

Der Großvater des Dichters war selbst im KZ Stutthof bei Danzig interniert, und ein Besuch des neunjährigen Grzegorz mit seinem Opa in der Gedenkstätte muss ein prägendes Erlebnis für das Kind gewesen sein: Beim Durchschreiten des Tores fing Józef Kwiatkowski an, zu schreien, und erlitt einen körperlichen Zusammenbruch, während der Enkel sich vor den anderen Besuchern schämte, weil sein Großvater sich offenbar nicht zu benehmen wusste.
Abertausende von Schuhen im Wald
Viele Jahre später besuchte Kwiatkowski das dreißig Kilometer östlich von Danzig gelegene KZ erneut und lief nach seinem Besuch durch den angrenzenden Wald. Dort fand er Tausende und Abertausende von Schuhen. Seither setzt er sich dafür ein, dass sie geborgen und der Sammlung des Museums eingegliedert werden. Stutthof, sagt er, sei eine Art Reparaturzentrum für Schuhe aus anderen Konzentrationslagern gewesen, deshalb war der Wald von ihnen übervoll.
Der Weg vom Polnischen Institut zum Konzert in der Kulturbrauerei ist nicht weit, aber um eine Verbindung zwischen den Gedichten und der Musik herzustellen, muss man auf den Bandnamen verweisen: „Trupa Trupa“ ließe sich, so Kwiatkowski, mit „Schauspieltruppe“ übersetzen, es könne aber auch „Leichen Leichen“ bedeuten.
Velvet Underground sei seine Lieblingsband, und auch wenn er Saxophon und Klarinette gelernt hat, ist er ebenso wenig wie seine beiden Bandmitglieder ausgebildeter Musiker: Kwiatkowski studierte Philosophie und nennt Schopenhauer und Nietzsche seine Helden. Schlagzeuger Tomek Pawluczuk und Bassist Wojciech Juchniewicz arbeiten als bildende Künstler, und während auch Pawluczuk nicht wie ein Rockmusiker, sondern eher wie ein Ornithologe aussieht, wirkt von den Dreien allein Juchniewicz so, als könnte er beim Heavy-Metal-Festival in Wacken bestehen.
Und doch ist die Musik von Trupa Trupa ungeheuer energetisch und originell, ihre Mischung aus Post-Punk, New Wave, Indie-Rock und Heavy Metal so tanzbar wie vergnüglich. Balladen gibt es nicht, alles drängt mit einem solchen Tempo vorwärts, dass kaum eines der Stücke länger dauert als zwei Minuten. Eins reiht sich ans andere, und doch kommt niemals Langeweile auf – nicht zuletzt weil Kwiatkowski, dieser höchst reflektierte und in seinen Ausführungen über die Lyrik von Edgar Lee Masters oder die Theorie des Bösen in „Twin Peaks“ mitunter nur schwer zu unterbrechende Mensch irgendwann sein Kassengestell beiseiteschleudert und ganz in der Musik aufgeht: Er hüpft und zappelt und wedelt mit den Armen, als wolle er all die bösen Geister der Vergangenheit und auch die der Gegenwart verscheuchen. Zumindest an diesem Abend gelingt ihm das ganz ausgezeichnet.
