Angesichts dieser Entwicklung wird es auch Bill Gates langsam unheimlich. Vergangene Woche hat der Microsoft-Gründer einen langen Aufsatz veröffentlicht, in dem er zwar kurz die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz lobt – saubere Energie für jeden, genug Nahrung für die ganze Welt, die Ausrottung von Krankheiten. Doch über weite Strecken ist der Aufsatz von Furcht geprägt.
Gates sorgt sich zuerst um Arbeitsplätze und in der Folge auch um die Einnahmen des Staates, außerdem um einige andere Gefahren. Er schlägt vor, Arbeitsplätze für Menschen zu reservieren, und er möchte auch eine internationale Organisation in Sachen KI gegründet sehen, und zwar schnell, solange noch Zeit ist.
„Solange ich denken kann, wollte ich Innovationen schneller haben. Mit KI sind meine Gefühle komplizierter“, schreibt der 70-Jährige. Selbst unter den günstigsten Bedingungen werde der Übergang in dieses neue Zeitalter zu den unruhigsten Phasen der Menschheitsgeschichte gehören. Wenn jemand einen glaubwürdigen Plan vorlegen würde, wie sich der weltweite Fortschritt der Künstlichen Intelligenz verlangsamen ließe, werde er den wahrscheinlich unterstützen. Gates glaubt: „Wir brauchen Zeit, um uns auf die Erschütterung vorzubereiten.“
Mit seiner Angst ist Gates nicht allein
Mit dieser Furcht ist Gates nicht allein. Fast alle Pioniere der Künstlichen Intelligenz äußern Ängste davor, dass ihre Schöpfung bald viele Arbeitsplätze kosten werde. Zuletzt hat das Phänomen auf die Ökonomen übergegriffen. Da ist zum Beispiel der Nobelpreisträger Daron Acemoglu, der in seiner jüngsten Veröffentlichung zum Thema die Wachstumseffekte eher klein eingeschätzt hatte und nun in einem Podcast sagte, er würde sie heute eher größer ansetzen. Acemoglu gehört zu den 200 Erstunterzeichnern eines Aufrufs unter dem Titel „Wir müssen jetzt handeln“, und darin heißt es unter anderem, KI könne „eine beispiellose Transformation unserer Wirtschaft anstoßen, größer als die industrielle Revolution, aber in einem sehr viel kürzeren Zeitraum“.
So weit, so bekannt. Wahr ist auch: Sich schon mal auf alle Eventualitäten vorzubereiten, ist nie verkehrt. Doch mit den Prognosen ist es nicht so simpel, wie es scheint.
Denn es gibt auch Leute, die das anders sehen. Über den Ökonomen-Aufruf spottete jüngst der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl, der an der London School of Economics lehrt, in der F.A.Z.: „Wirtschaftshistoriker sind unter den Unterzeichneten nicht eben zahlreich vertreten. Es findet sich so gut wie niemand von denen, die über die industrielle Revolution selbst gearbeitet haben, und kaum jemand unter denen, die diese Forschung bloß verfolgen. Das scheint kein Zufall zu sein.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
In der Sache hält Ritschl fest: Wie schnell eine Technik sich entwickelt, ist das eine – aber das ist meistens gar nicht der Flaschenhals an einer Innovation. Auch die Zulieferer müssen sich entwickeln, die Kunden ebenfalls. Schon bei der Einführung der Dampfmaschine habe nicht die Technik die Geschwindigkeit begrenzt, sondern die Patentrechte und der Umbau der verflochtenen Branchen.
Es gibt auch aktuellere Beispiele. Im Jahr 2013 stellten an der Universität Oxford der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey und der Ingenieur Michael Osborne fest, dass fast die Hälfte der amerikanischen Stellen schon damals theoretisch durch Technik hätte ersetzt werden können. Damit lösten sie eine breite Debatte aus. Inzwischen sind 13 Jahre vergangen, die große Katastrophe jedoch ist ausgeblieben.
Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um Menschen
Es geht eben nicht nur darum, was technisch funktioniert. Es geht nicht mal nur darum, wie sich Zulieferer- und Kundenbranchen anpassen. Es geht auch um Regulierung, den Umbau von Betrieben und die Psychologie der Menschen. Geldautomaten gibt es seit den Sechzigerjahren, größere Verbreitung fanden sie von den Achtzigerjahren an. 40 Jahre später gibt es immer noch Bankangestellte, die Bargeld annehmen und auszahlen, wenn auch weniger als früher. Die Entwicklung zog sich über Jahrzehnte, und das lag nicht an der Technik.
Schon 2015 hat der spätere Nobelpreisträger Joel Mokyr mit zwei Kollegen in einem längeren Aufsatz die immer gleichen, immer wiederkehrenden Ängste vor der Technik analysiert. Auch er blickte zurück auf die Mechanisierung: Sie konnte nur eine begrenzte Zahl menschlicher Tätigkeiten ersetzen, und zugleich stieg die Nachfrage nach Arbeit in den ergänzenden Berufen: Mechaniker, Aufseher, Buchhalter. Noch wichtiger seien Produktinnovationen gewesen, die ganz neue Branchen schufen und die in der ökonomischen Debatte jener Zeit schlicht fehlten.
Jetzt ist die große Frage: Wer hat recht? Bill Gates und die Leute, die die Technik kennen? Oder die Historiker, die den Ablauf technischer Innovationen studiert haben? Die ersten Prognosen der Techniker haben sich schon mal nicht bewahrheitet. Anders als KI-Papst Geoffrey Hinton prophezeit hat, gibt es heute in den USA mehr Radiologen denn je. Und Anthropic-Chef Dario Amodei nahm vor wenigen Wochen seine schwärzesten Arbeitsmarkt-Prognosen ausdrücklich selbst zurück.
Ist dieses Mal alles anders?
Bill Gates kennt all diese Argumente. Und antwortet mit einem Satz, der unter Wirtschaftshistorikern auch nicht immer beliebt ist: „This time is different“, „dieses Mal ist es anders“. Er schreibt ausdrücklich: „Dieses Mal ist es wirklich anders.“ Alles werde schneller gehen, weil sich bei der Künstlichen Intelligenz nicht der Mensch der Technik anpassen müsse, sondern sich die Technik dem Menschen anpasse. Außerdem übertrumpfe KI den Menschen in seiner Denkleistung – das sei anders als frühere Innovationen. So argumentiert Gates in der Woche, in der ein wichtiger OpenAI-Manager über das neueste Modell sagt: „Willkommen in der Ära der allgemeinen Künstlichen Intelligenz.“ Gates schlägt vor, bestimmte Berufe für Menschen zu reservieren.
Und da kommen diese unterschiedlichen Ansichten doch wieder zusammen. Auch die Wirtschaftshistoriker glauben nicht, dass Menschen der KI jede Tätigkeit überlassen wollen. „Technikfeindliche Prognosen zur Zukunft des Arbeitsmarktes lassen manchmal vermuten, dass Computer und Roboter bei allen Tätigkeiten einen Vorteil gegenüber Menschen haben werden“, schreiben Mokyr und Kollegen. „Das ist Unsinn.“ Auch da ist ein Bremser der wirtschaftlich-praktischen Einführung von Technik: Menschen wollen das gar nicht immer und überall.
Nicht nur die Technik entscheidet, wo KI arbeitet
Dann bleibt die Frage, ob man irgendwelche Bereiche geplant den Menschen überlassen muss oder ob das die Menschen selbst hinkriegen. Wenn die Bankkunden seit den Achtzigerjahren dafür gesorgt haben, dass die Mitarbeiter am Bankschalter nur allmählich durch Automaten ersetzt wurden – geht das mit der Künstlichen Intelligenz wieder so?
Im Moment deuten erste Indizien darauf hin, dass die Menschen das tatsächlich selbst schaffen. Ein Team von vier amerikanischen Ökonominnen hat gerade analysiert, für welche Arbeit Künstliche Intelligenz tatsächlich eingesetzt wird, und hat das mit den reinen technischen Möglichkeiten verglichen. Da kommt es auch darauf an, wie die Löhne sind und was die Leute tatsächlich haben wollen – und es gab einige Überraschungen. Bei Büroassistenten zum Beispiel scheint der menschliche Faktor wichtig zu sein: Viele ihrer Aufgaben könnte die KI zwar theoretisch übernehmen, praktisch aber breitet sie sich da nur langsam aus. Ein erster Hinweis darauf, dass der menschliche Faktor im Moment nicht untergeht.
Damit ist noch nicht geklärt, wie schnell die Umwälzung künftig vor sich gehen wird. Da steht rasender technischer Fortschritt, der von dynamischen Marktkräften in die Welt gebracht wird, gegen eine träge menschliche Psyche, die in schwerfälligen Organisationen noch weiter ausgebremst und von der Bürokratie gelähmt wird. Am Schluss ist nicht die Frage, ob die Künstliche Intelligenz das kann, was Gates fürchtet. Die Frage ist, ob wir sie das tun lassen. Bisher deutet wenig darauf hin, dass wir uns damit beeilen.
