
Die Schreie der Ertrinkenden verfolgen Issa Mohamed Omar bis heute in den Schlaf. Der 32 Jahre alte Somalier hat am Dienstag im Saal des Pariser Strafgerichts Platz genommen. Er ist einer von zwei Überlebenden des bislang schwersten Schiffbruchs von illegalen Migranten im Ärmelkanal mit 31 Toten. Der Somalier wird in Paris als Zeuge aussagen. Schon im vergangenen Jahr ist er von der britischen Justiz angehört worden. Er hat geschildert, wie chaotisch es auf dem überfüllten Schlauchboot zuging – und wie sich der französische und der britische Rettungsdienst die Verantwortung zugeschoben haben, ohne Hilfe zu entsenden.
Ein französisches Fischerboot schlug am 24. November 2021 gegen 14 Uhr Alarm. Aber da waren 31 Menschen, unter ihnen ein sieben Jahre altes Mädchen und sieben Frauen, schon ertrunken. Auf der Anklagebank in Paris sitzen zwölf mutmaßliche Schleuser, die größtenteils aus Afghanistan stammen. Sie müssen sich wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und organisierter Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt verantworten. Gegen zwei weitere Schleuser, mutmaßlich die Köpfe der kriminellen Netzwerke, wird in Abwesenheit verhandelt.
„Die Schwimmwesten waren nicht aufblasbar“
Das Boot war den Ermittlungen zufolge am Abend des 23. Novembers 2021 in der Nähe von Dünkirchen in See gestochen. Die Schleuser hatten den Passagieren, überwiegend Kurden aus dem Irak, demnach defekte Schwimmwesten mitgegeben. Auch das Schlauchboot soll in einem schlechten Zustand gewesen und Luft verloren haben. Der Motor sei nicht für eine so große Zahl an Menschen ausgelegt gewesen, heißt es in den Ermittlungsakten. „Die Schwimmwesten waren nicht aufblasbar, sondern wie mit Watte gefüllt“, erinnerte sich Issa Mohamed Omar. Auf dem Boot sei Panik ausgebrochen, als immer mehr Wasser eindrang und der Motor versagte.
Auch der zweite Überlebende, Mohammed Shekha Ahmad, ist zum Prozess nach Paris gekommen. Insgesamt 114 Nebenkläger sind zugelassen, unter ihnen viele Familien, die einen Angehörigen bei dem Bootsunglück verloren haben. Die französische Justiz hat eigens Visumgenehmigungen erteilt, damit die Familienmitglieder aus Erbil, im irakischen Kurdistan, zum Prozess nach Paris reisen können. Mohammed Shekha Ahmad hatte seine Überfahrt in Höhe von 3200 Dollar mithilfe seiner Familie im Irak finanziert. Vor Gericht soll zur Sprache kommen, dass das Schleusergeschäft nach dem Rauschgifthandel das lukrativste kriminelle Unterfangen ist.
Die Ermittler haben die Mobiltelefonverbindungen der Opfer ausgewertet und ein afghanisches sowie ein irakisch-kurdisches Schleusernetzwerk aufgedeckt. Die Afghanen operierten von Italien aus. Der Kopf dieses Netzwerks, ein 29 Jahre alter Afghane mit dem Decknamen Obaid, ist flüchtig. Sein Komplize mit dem Decknamen Mujahid sitzt in Paris auf der Anklagebank. Er hat das Geld der „Kunden“ verwahrt und den Preis für die Überfahrt ausgehandelt, wie abgehörte Telefongespräche beweisen. Er lebte zuletzt in einem Vorort im Norden von Paris.
Armeeangehörige wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt
Vor Gericht müssen sich auch zwei Fahrer mit den Decknamen Shamo und King verantworten, welche die illegalen Migranten mit einem Kleinlastwagen von Italien nach Calais in Nordfrankreich beförderten. Über den irakisch-kurdischen Zweig ist weniger bekannt.
Für den Anwalt von 113 Nebenklägern, Matthieu Chirez, geht es bei dem Prozess darum, den Opfern ihre Würde zurückzugeben. Er verbindet damit die Hoffnung, dass das Schicksal der Ertrunkenen einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird. Anwalt Chirez äußert sich bestürzt, dass sich sieben weitere mutmaßliche Verantwortliche nicht im Gerichtssaal zeigen müssen. Dabei handelt es sich um französische Armeeangehörige, die wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt sind. Die Besatzung des Rettungskreuzers Le Flamant wie auch Mitarbeiter des militärischen Überwachungs- und Rettungszentrums an der Ärmelkanalküste sollen Hilfsanrufe der Gekenterten ignoriert haben. Die Armeeangehörigen sollen in einem getrennten Prozess zur Verantwortung gezogen werden.
Die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, beklagte am Dienstag, dass sich ein Drama wie das vom November 2021 immer wieder ereignen könne. Sie habe am Vortag wieder eine Gruppe von 60 illegalen Migranten an der Küste gesehen, die mit Rettungswesten auf ihr Schlauchboot gewartet hätten. „Warum geben wir der Polizei keine Handhabe, sie von der gefährlichen Überfahrt abzuhalten?“, fragte die Bürgermeisterin im Sender BFM-TV.
