Warum gehen Kunstkuratoren so gern zu den Ausstellungseröffnungen anderer Häuser? Nicht, oder jedenfalls nicht nur, um zu schauen, was die sogenannte Konkurrenz so macht. Netzwerke sind in allen Berufen wichtig – aber selten werden diese Netze für andere so sichtbar wie im Museumsbetrieb. In dieser Herbst- und Wintersaison sind es gleich mehrere große Präsentationen in Frankfurt und der Region, die nur zustande gekommen sind, weil unter Museen kooperiert wird.
Wenn etwa eine Ausstellung wie „Die Blauen Reiterinnen“ jetzt im Museum Wiesbaden, dann im Sommer 2027 im Paula-Modersohn-Becker-Museum Bremen, schließlich bis in das Frühjahr 2028 im Münchner Lenbachhaus und dann noch im Museo comunale von Ascona zu sehen ist, wird sie fast zwei Jahre unterwegs gewesen sein, an weit voneinander entfernten Standorten. Das bedeutet: eine starke Reichweite und erwartbar viele Besucher.

Ähnliches erwarten sich die Schirn Kunsthalle Frankfurt und das Musée d’art moderne de Paris, die in einer Überblicksschau die multidisziplinäre Künstlerin Leonor Fini (1907 bis 1996) in all ihren Schaffensphasen zeigen. Die Ausstellung ist zuerst von 23. Oktober an bis 21. Februar in der Schirn zu sehen, danach zeigt Paris sie von 26. März bis 15. August 2027. Doch wie funktionieren gemeinsame Ausstellungen?
Oft seien es sehr lange Verbindungen, die man pflege, sagt Roman Zieglgänsberger, der Kustos für die Klassische Moderne am Museum Wiesbaden. Im Fall der „Blauen Reiterinnen“ haben die beteiligten Museen und Kunstwissenschaftler für verschiedene Projekte immer wieder zusammengearbeitet. Auch das Musée d’Art Moderne de Paris hat schon 2007 erstmals mit der Schirn Kunsthalle gearbeitet, „außerdem hatten wir häufig sehr gute Leihgaben aus diesem namhaften Pariser Museum“, so Schirn-Kuratorin Ingrid Pfeiffer. Ihre Pariser Kollegin Julia Garimorth, mit der zusammen sie die Fini-Ausstellung kuratiert, hat sie schon vor mehr als zehn Jahren im Kontext von Paula Modersohn-Becker kennengelernt.
Auch geteilte Transportkosten entlasten
„Ein kollegiales und vertrauensvolles Verhältnis“ der Kuratorinnen sei die Basis für jede gute Zusammenarbeit, so Pfeiffer. Erst recht, wenn es um internationale Kooperationen geht, wo unterschiedliche rechtliche und strukturelle Voraussetzungen und sprachliche Grenzen bedacht werden müssen. „Eine gemeinsam kuratierte Ausstellung ist auch spannend, weil verschiedene Denk- und Herangehensweisen zusammenkommen.“ Oft aber konzipiere die Schirn eine Ausstellung auch allein und suche dann Partner. Dann versuche man, auch als Erster auszustellen – aber das hänge von den dichten Kalendern der Beteiligten ab.
Die Fini-Retrospektive zeige nun „hochkarätige Werke nationaler und internationaler Leihgeber, die nur äußerst selten zusammen an einem Ort präsentiert werden können“. Die Recherche dazu gelang im Team. Bei so viel Aufwand sei es sinnvoll, die Ausstellung an mehreren Standorten zu präsentieren, so Pfeiffer. Auch geteilte Transportkosten seien eine Entlastung.
Damit eine gemeinsame Ausstellungsarbeit gelinge, müsse man sich Partner suchen, die exakt passten, es gehe darum, „inhaltliche Stärken zu versammeln“, sagt Zieglgänsberger. „Schön ist es, wenn in einer Kooperation schon ein gewisser Grundstock an Werken vorhanden ist.“ Das sieht der Direktor der Schirn, Sebastian Baden, dessen Haus, gerade 40 geworden, keine eigene Sammlung hat, naturgemäß anders: Mit seiner Ankunft 2022 war die Verbindung der städtischen Schirn mit dem autonomen Städel Museum, 2006 mit der Doppeldirektion von Max Hollein eingeführt und von Städel-Direktor Philipp Demandt seit 2016 fortgeführt, wieder aufgelöst.
Sie war unter anderem mit dem Argument eingeführt worden, der Zugriff auf die Sammlung des Städel erleichtere Kooperationen, weil man Werke ausleihen könne. „Auch in der Vergangenheit wurde in den seltensten Fällen mit der Städel-Sammlung argumentiert, wir können unsere Partner erfolgreich mit der hohen Qualität unserer Konzepte überzeugen und darauf auch bei unserer zukünftigen Arbeit bauen“, so Baden.

Es gebe im Museumsbetrieb unterschiedliche Kooperationen: „Man kann auch eine Ausstellung, die schon fertig ist, übernehmen. Vielleicht mit einem anders gesetzten Schwerpunkt für das eigene Haus“, erläutert Zieglgänsberger. Dafür kann man die Kosten entsprechend teilen – oder aber man tauscht gegen eine fertige Ausstellung. Die Häuser sollten dann allerdings nicht zu nah beieinanderliegen. Die Opelvillen in Rüsselsheim übernehmen in diesem Herbst die Ausstellung zu Armin Müller-Stahl, „Nacht und Tag auf der Erde“, kuratiert von Antje-Britt Mählmann, der künstlerischen Direktorin des Museums Schloss Moyland.
„Die Hoheit des Kuratierens liegt in den einzelnen Häusern“
Sie war erst in der Kunsthalle Emden zu sehen, läuft noch bis 20. September auf Schloss Moyland und kommt von 18. Oktober bis in den April nach Rüsselsheim. Den bislang ungeschlagenen Rekord einer Wanderausstellung hiesiger Museen hat das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum mit der Ausstellung zum Gesamtwerk Stanley Kubricks inne: Weit mehr als eine Million Besucher hatten die gut 15 Stationen rund um den Globus besucht.
Weiter voneinander entfernte Häuser als Partner bewirkten, dass potentiell mehr Besucher die Ausstellungen sähen, so Zieglgänsberger. Ein Thema kann so auch nachhaltiger gesetzt werden. Allerdings müssen Logistik und räumliche Unterschiede bedacht werden. Die Schirn in ihrem Interim der Dondorf-Druckerei wird etwa die Fini-Ausstellung ganz anders zeigen als die Pariser Kollegen, noch komplexer ist die Reise der „Blauen Reiterinnen“. „Die Hoheit des Kuratierens liegt in den einzelnen Häusern, aber das Konzept wird gemeinsam erarbeitet“, so Zieglgänsberger.
Daraus speisen sich die Wandtexte und Beschriftungen, die an jedes Haus angepasst übernommen werden. „Wir müssen nicht alles neu erfinden.“ Auch Audioguide und Katalog werden gemeinsam produziert. Das spart Kosten, erfordert aber eine Menge Absprachen. Und lichtempfindliche Arbeiten auf Papier etwa können nicht lange touren.
Eine weitere Schwierigkeit bei mehreren Stationen nennt Pfeiffer: Es habe viele Anfragen von europäischen Museen und aus New York gegeben, die Ausstellung zu Fini zu übernehmen. Aber viele private Leihgeber trennten sich nicht gern zu lange von ihren Werken. Im Teamwork von Museen gelte es, einige Regeln zu beachten, sagt Zieglgänsberger: etwa klare Absprachen und Bezeichnungen. Der Kooperationsvertrag ist essenziell, denn so wird auch geklärt, wie mit Zuschüssen umgegangen wird. Grundlage der Berechnung bei öffentlichen Häusern ist, dass die Einnahmen die Ausgaben decken müssen. Jedes Haus erstellt für sich einen Kosten- und Einnahmeplan und sucht Förderer. Andere Mittel werden gemeinsam beantragt und dann geteilt.
Eva Claudia Scholtz, die Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung, die Kunst und Kultur in Hessen fördert und Museen bei Ankäufen, Ausstellungen und Publikationen finanziell unterstützt, hat ein gemischtes Bild der Museumskooperationen. „In meiner Wahrnehmung stehen Museen und Museumsleiterinnen und -leiter vor einer Wende: Die Forderungen der Neunzigerjahre nach individueller Profilbildung eines jeden Museums zur Abgrenzung zu anderen Häusern und die damit einhergehenden musealen Strategien wirken immer noch“, so Scholtz. Aber zugleich drängten sich finanzielle, ökologische und strategische Überlegungen in den Vordergrund, die sorgfältiger Abwägungen bedürften.
Scholtz weist darauf hin, dass die Mittel von Kulturstiftungen in aller Regel von Vermögensverwaltungen abhängig seien. Diese unterlägen Restriktionen zugunsten von Risikobegrenzungen. „Aus meiner Sicht ist es zu begrüßen, dass Museen im Sinne eines stärkeren Miteinanders und eines höheren Kostenbewusstseins Ressourcen bündeln, ohne Sorge vor einem Verlust von Sichtbarkeit zu haben.“
Kooperative Ausstellungsprojekte seien auch in der Nähe möglich. Als Beispiel nennt Scholtz eine Kooperation, die von der Kulturstiftung gefördert wird: Anlässlich des 555. Geburtstages von Albrecht Dürer eröffnet in Kassels Schloss Wilhelmshöhe am 8. Oktober eine gemeinsame Ausstellung der Graphischen Sammlungen in Kassel und des Landesmuseums Darmstadt: „Dürer – Für hessische Fürsten“ wird in 130 Exponaten auch die Strategien der beiden fürstlich begründeten Sammlungen zeigen. Im Spätherbst 2027 ist die Ausstellung in Darmstadt zu sehen.
