
Wenn man im Wirtshaus im kleinen tschechischen Dorf im Reichensteiner Gebirge fragt, was die Gäste über den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt denken, zucken die ein wenig ratlos mit den Schultern und fragen, wo genau dieses Sachsen-Anhalt liege. Sachsen-Anhalt kennt man nicht. Bis jetzt war noch niemand von hier in Magdeburg oder Stendal. In München oder Dresden schon. Aber Magdeburg?
Doch vielleicht wissen auch in Sachsen-Anhalt viele nicht, wo das Reichensteiner Gebirge liegt. Und bis jetzt war womöglich noch niemand in dem wunderschön verschlafenen Ort Javorník, wo im Schloss auf dem Johannesberg der berühmte österreichische Komponist Carl Ditters von Dittersdorf als Kapellmeister des Bischofs von Breslau musizierte.
Kein Wunder. Auch viele Prager kennen diese abgelegene Region nicht und verwechseln das Reichensteiner Gebirge, das zum Teil in Polen liegt, mit dem größeren Altvatergebirge, was die einheimischen Biertrinker immer wieder traurig macht.
Schimpfen auf Brüssel
Und doch verbindet diese einst so reiche Region im ehemaligen deutschsprachigen Sudetenland und Sachsen-Anhalt viel mehr, als man im Wirtshaus denken würde. Zum Beispiel die Angst vor allem, was fremd ist und was man nicht kennt. Das Schimpfen auf Brüssel und auf die Hauptstadt. Und auch sehr viel Einsamkeit. Denn die Gegend im Nordosten Tschechiens verlassen immer mehr Menschen, genau wie die Altmark. Auch die Kinder der Männer, die in der Kneipe gleich nach der Arbeit im Wald sitzen, leben heute in Olomouc oder in Brno. Auch hier gibt es viel Leerstand. Und für ein größeres Krankenhaus muss man hier sogar über viele Berge fahren.
Einen großen Unterschied sieht man aber doch. Die Busse und Züge fahren recht oft und sind deutlich zuverlässiger als in Deutschland. Nach dem schlimmen Hochwasser vor zwei Jahren hat man die Gleise und Straßen wieder hergerichtet, woran zuerst niemand geglaubt hat. In den Wirtshäusern, die es hier auch noch gibt, fließt das gute Bier aus der Brauerei in Hanušovice, auf Deutsch Hannsdorf. Und die Menschen hier scheinen besser gelaunt zu sein.
Kaiser Karl IV. macht sich Sorgen
Gutes Bier gibt es natürlich auch in Sachsen-Anhalt, auch wenn das am Stammtisch niemand glauben möchte. Doch weite Teile von Sachsen-Anhalt liegen an der Elbe, die Tschechien und Deutschland verbindet. Und wenn man sich die Landkarte anschaut, muss man gleich daran denken, was einem mal ein belesener fränkischer Braumeister beim gemeinsamen Besuch der weltberühmten Brauerei in Pilsen erzählt hat. „Es ist sicher kein Zufall“, so der Braumeister, „dass nicht nur in Böhmen, sondern auch in Tangermünde an der Elbe so ein herrliches Bier gebraut wird, das dort Altmarkgold heißt und von der Brauart her ein böhmisches Pils ist.“ Doch auch das sehr dunkle Kuhschwanzbier, für welches Tangermünde sehr bekannt ist, würde den Trinkern in Pilsen oder im Reichensteiner Gebirge vermutlich munden.
Keine dreihundert Meter von der Brauerei Schulzens in Tangermünde steht im Park die Statue des Kaisers Karl IV., der von einer Anhöhe auf die Elbe herunterschaut auf diesen schicksalhaften Fluss. Zu seiner Zeit gehörte die Altmark zu den Ländern der böhmischen Krone, in Tangermünde war er oft. Ein wenig müde und besorgt sieht der weltoffene Kaiser aus, auf dessen Hof in Prag mehrere Sprachen gesprochen wurden: Tschechisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Besorgt, vielleicht verzweifelt. Denn noch etwas verbindet heute die beiden Regionen: Überall werden die Populisten und Extremisten gewählt, von denen man sich erhofft, dass es einem mit ihnen besser geht und dass sie die komplexen Probleme dieser Welt gleich morgen lösen werden. Oder spätestens übermorgen. Und nicht verstehen, dass diese Parteien nur in einem Fach gut sind: im Zerstören.
Kein Geld mehr für den ländlichen Raum
Wenn man sich im tschechischen Internet umschaut, sieht man, dass in der Presse überraschend viel über den Ausgang der deutschen Landtagswahl berichtet wurde. Auch viele Politiker werden zitiert. Manche warnen vor einem womöglich ähnlichen Ergebnis in ländlichen Regionen Tschechiens, so wie der liberale und sehr beliebte Bezirkshauptmann Martin Půta aus Liberec, dem deutschen Reichenberg. Wenn man die Regionen vernachlässigt und den Menschen und ihren Sorgen nicht zuhört, treibt man sie in die Hände der Extremisten, das hat die Wahl in Sachsen-Anhalt gezeigt, schreibt er besorgt auf Instagram. Womit er vielleicht auch indirekt die Prager Regierung des Populisten und Milliardärs Andrej Babiš kritisiert, die gerade beschlossen hat, kein Geld mehr für den Unterhalt der kleinen Straßen im ländlichen Raum auszugeben.
In der rechten Ecke der tschechischen Politik wurde dafür gejubelt. Mitglieder der beiden kleinen rechten bis rechtsextremen Parteien, die die Regierung von Babiš gerade an der Macht halten, gratulieren der AfD. Ausgerechnet diese Zyniker und Hysteriker, die vor nur ein paar Wochen den Sudetendeutschen Tag in Brno kritisiert und Angst vor den Deutschen geschürt haben, wie es früher die Kommunisten gemacht haben. Dabei ist es von den deutschen Parteien nur die von ihnen so geliebte AfD, für die die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist und die die Beneš-Dekrete infrage stellt.
Und Babiš? „Für Tschechien bedeutet das nichts“, kommentierte er das Wahlergebnis. Für ihn persönlich mag es allerdings doch etwas bedeuten. Denn als Unternehmer pflegte er immer sehr enge Kontakte zu diesem Bundesland. Das von ihm gegründete Imperium Agrofert hat den deutschen Sitz in der Lutherstadt Wittenberg. Dazu zählen ein riesiges Chemiewerk, eine Großbäckerei und noch viel mehr. Diese Firma ist im Land einer der größten Arbeitgeber. Doch auch davon weiß man im Wirtshaus im Reichensteiner Gebirge nicht viel, wenn man hier Anfang September an einem sonnigen Nachmittag sitzt und Bier trinkt. So wie vielleicht auch in Tangermünde oder Magdeburg.
Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Dramatiker und Musiker. Zuletzt ist im Luchterhand Verlag sein Roman „Wo die Toten sprechen“ erschienen.
