Axel-Georg André ist als Unternehmer hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen. Er bangt, weil die Politik ohne große Rücksicht auf die Wirtschaft Regel um Regel setzt, während die Unternehmen seit Jahren von einer Krise in die nächste rutschen: Finanzkrise, Eurokrise, Corona-Pandemie, Ukrainekrieg.
Hoffnungsvoll aber ist er, weil ihm wohl zumindest ein Problem erspart bleibt, das vielen Unternehmern schlaflose Nächte bereitet. Anders als sie muss André, Jahrgang 1968, nicht fürchten, dass er keine Nachfolger findet. Denn seine Söhne, beide Mitte zwanzig, interessieren sich für das Unternehmen. Deshalb stehen die Chancen gut, dass Deutschlands größter Zigarrenhersteller, die Arnold André GmbH, den Wechsel von der siebten zur achten Generation schafft.

Mehr als 200 Jahre ist das nach seinem Gründer benannte Unternehmen alt. Im Gründungsjahr 1817 wurde die damals gerade erst erfundene Draisine als Vorläuferin des Fahrrads erstmals fassungslos bestaunt. Seither hat sich die Welt stark verändert. In ständigem Wandel befindet sich nicht nur die Technologie. Ebenso unberechenbar und dynamisch verändern sich die gesellschaftlichen Fronten, etwa die Haltung der Menschen zum Rauchen. Das ist für die Tabakindustrie ein entscheidender Faktor, und das trifft auch die Zigarre, das Ankerprodukt von Arnold André.
Während die alltäglichere Zigarette von Werbeverboten, Warnungen und einem stärkeren Gesundheitsbewusstsein an den Rand gedrängt wird, ist die extravagante Zigarre durch andere Entwicklungen in die Defensive geraten. Das optisch und olfaktorisch auffällige Genussmittel kann in den Augen einer modernen Gesellschaft zuweilen als patriarchalisches, kolonialistisches und kapitalistisches Relikt wirken.
Die Zigarre hat eine starke Symbolkraft
Wer sich in einem Straßencafé eine Zigarre anzündet, muss aufpassen, nicht überheblich zu wirken. In Vergessenheit scheint geraten, dass der kultige Zigarrenfreund Ludwig Erhard nicht nur Wegbereiter des deutschen Nachkriegs-Wirtschaftswunders war, sondern auch für die Soziale Marktwirtschaft steht, also für den fairen Ausgleich der zuweilen widerstreitenden Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Zigarre könnte daher für Versöhnung stehen, wie eine Art Friedenspfeife. Stattdessen sehen viele in ihr ein toxisches Statussymbol.


In der Erhard-Ära erlebte die Zigarrenfertigung von Arnold André eine Blüte. Die damals eingeführte Marke Namens Handelsgold traf den Nerv der Zeit und versprach Wohlstand und Wohlergehen nach den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren. Rund 6000 Mitarbeiter beschäftigte das Unternehmen damals. Heute sind es noch knapp 1000, verteilt auf Standorte in Deutschland, Frankreich, Portugal und der Dominikanischen Republik.
Das handelsgoldene Zigarrenzeitalter währte nicht ewig. Ab den Sechzigerjahren gewannen die unkomplizierte Zigarette und der schlankere Zigarillo die Herzen, oder besser gesagt: die Lungen, der Kundschaft. Die schwere Zigarre war nicht mehr so cool wie die lässige Kippe im Mundwinkel der Helden und Schurken aus den Italowestern.
Auf solche Tapetenwechsel hat der Hersteller Arnold André schon immer reagiert, wenn er sie nicht sogar mit angestoßen hat. Die in den Siebzigerjahren eingeführte Zigarilloserie namens Clubmaster hält sich noch heute am Markt. Und mit dem provokanten Claim „WTF! Shisharillo“ brachte das Unternehmen im Jahr 2020 eine Mischung aus Zigarillo und Shisha heraus. Die Zigarillos können mit Aromen ergänzt werden, was an die orientalischen Wasserpfeifen erinnert, die sich im Stadtbild zunehmend verbreitet haben.
Und wie raucht man Zigarre richtig?
Für Axel-Georg André war das Unternehmen von Kindheit an Teil seines Lebens, dennoch hat er auch außerhalb des Betriebs Erfahrungen gesammelt und nach dem Jurastudium in der Finanzbranche und in den USA gearbeitet. Früh war ihm klar, dass er nicht ins operative Geschäft gehen würde. Für die Führung nimmt er stattdessen die Vogelperspektive ein und leitet die Firma als Aufsichtsratsvorsitzender. Mindestens einmal in der Woche tauscht er sich mit der Geschäftsführung aus. „Meine Stärke ist die Ungeduld, das Gremium soll mich bremsen“, sagt er. Er wohnt in Süddeutschland, kommt aber regelmäßig an den Standort in der Zigarrenstadt Bünde nördlich von Bielefeld, seine Heimat.

Wie bringt der Ungeduldsmensch die fürs Zigarrenrauchen nötige Muße auf? So richtig entdeckt hat er es während seines Aufenthalts in Amerika, wo es schon damals viele Zigarrenclubs oder Lounges gab. Dabei stehe der Genuss im Vordergrund. Tipps für angeblich richtiges Zigarrenrauchen gibt es Tausende. Für André, der zwei Zigarren am Tag raucht, zählt vor allem die Ruhe. „Der Hauptfehler ist, sich zu wenig Zeit zu lassen“, sagt er.
In diesem Jahr sind besonders dunkle Wolken über dem Zigarrenidyll in Bünde aufgezogen, und zwar keine aromatischen Tabakwolken. Denn das Bundesfinanzministerium will den Steueranteil auf Zigarren und Zigarillos von knapp 1,5 Prozent auf mehr als 21 Prozent erhöhen. Dieser Hebel würde zu einer Steuererhöhung um astronomische 1300 Prozent führen, rechnet der Bundesverband der Zigarrenindustrie entsetzt vor. Das Vorhaben komme einem Verbot der Zigarre gleich und bedrohe die Existenz der Branche.
Der Zigarrenbranche droht eine gigantische Steuererhöhung
Axel-Georg André geht davon aus, dass die Steuererhöhung den Preis für eine Zigarre um etwa 50 Prozent verteuern würde. „Das wird zu massiven Absatzverlusten führen“, befürchtet er. Zwar gelten Zigarrenfans nicht als besonders preissensibel, doch selbst ihnen dürfte eine so umfangreiche Steuererhöhung ans Portemonnaie gehen. Zudem seien Zigarilloraucher sehr preisempfindlich. Die Steuer trifft aber nicht nur Konsumenten. Besonders für kleinere Hersteller wird die Vorfinanzierung der Steuer laut André zum Problem. Wer Zigarren herstellt, muss die Steuermarken schon bezahlen, bevor er die Ware verkauft.
Angesichts steigender Steuern und ausufernder Bürokratie stelle sich wohl irgendwann die Frage, Teile des Unternehmens ins Ausland zu verlagern, auch wenn das aktuell noch kein Thema ist. Im Ausland fühle er sich als Unternehmer zuweilen eher willkommen als in Deutschland, wo die Verwaltung die Wirtschaft hemme. Auf die Frage, ob die Reformen nach der Bundestagswahl 2025 die Aussichten verbessern würden, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Welche Reformen?“
Der Wechsel der Regierung nach der Bundestagswahl 2025 hatte vielen Unternehmern Mut gemacht. Doch die Euphorie ist weitgehend verflogen, auch bei André. „Ich fange an, den Optimismus zu verlieren, dass sich die Gesellschaft von selbst erneuert“, sagt er angesichts des Reformstaus. Trotzdem will er durchhalten. „Ich habe nicht vor, die Segel zu streichen“, sagt er.
Das Unternehmen
Die Arnold André GmbH, gegründet 1817, ist der größte deutsche Zigarrenhersteller. Sitz ist die Zigarrenstadt Bünde in Nordrhein-Westfalen. Dort entstand im 19. Jahrhundert das Zentrum der deutschen Zigarrenindustrie, unweit von Bremen, wo der Rohstoff Tabak aus Übersee landete. In Bünde versteuert das Unternehmen seine Zigarren und Zigarillos, versieht sie mit den obligatorischen Warnhinweisen und verschickt sie in die Welt. Das Unternehmen steht hinter Traditionsmarken wie Handelsgold und Clubmaster, die am Standort Königslutter gefertigt werden. Die Marken Montosa, Buena Vista und Family Reserve Carlos André werden in der Dominikanischen Republik von Hand gerollt. Im goldenen Zigarrenzeitalter, zu Zeiten der jungen Bundesrepublik in der Ära Ludwig Erhards, arbeiteten 6000 Beschäftigte für Arnold André, heute sind es weltweit knapp 1000.
