Die Wissenschaftsminister der Bundesländer hatten sich rechtzeitig vor der Wahl gegen eine AfD-geführte Landesregierung abgesichert und die Beschlussregeln so verändert, dass ein einzelnes Land gemeinsame Beschlüsse nicht mehr blockieren kann. Die Finanzierung der außeruniversitären Forschungsinstitute ist damit gewährleistet. Die Universitäten bleiben dagegen in hohem Maß von der Landesregierung abhängig.
Dass eine AfD-Regierung ihre Macht zur tiefgreifenden Umgestaltung der Wissenschaft nutzen würde, war ihrem Wahlprogramm abzulesen. Wie ein Mantra zieht sich die Forderung nach Entpolitisierung der Hochschulen durch die Schrift. (Sie zielt auf unliebsame Forschungsdisziplinen wie die Gender Studies, den Postkolonialismus oder die Klimaforschung.) Die Kritik an politisierter Forschung war nicht aus der Luft gegriffen, wurde aber zu einer grellen Verfallsdiagnose der deutschen Wissenschaft überzeichnet, die weltweit die drittbeste Forschungsleistung bringt.
Die Hochschulen für eigene Ziele einspannen
Es wirkt nun beinahe ironisch, wenn die Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalts die nächste Landesregierung am Tag nach der Wahl auffordert, die Hochschulautonomie aus dem politischen Streit herauszuhalten und Entscheidungen allein nach fachlichen Kriterien zu treffen. Die AfD hatte allerdings auch erkennen lassen, dass sie Hochschulen durchaus für die eigenen politischen Ziele einspannen will, wie die Forderung nach einem Institut zur Erforschung der Klimapolitikfolgen signalisierte. Missliebige Disziplinen wie die Gender Studies könnte sie zwar nicht einfach abschaffen und die Professoren rauswerfen, wie es Alice Weidel vorhat. Sie könnte aber Berufungen stoppen, Fördermittel umlenken und missliebige Forschungsgebiete finanziell austrocknen. Die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit, die nur die finanzielle Grundversorgung garantiert, bietet dagegen wenig Schutz.

Gab es aus der Wissenschaft vor der Wahl noch zahlreiche Warnungen vor einer autoritären Wende, so sind die Reaktionen am Tag danach zurückhaltend. Bettina Rockenbach, Präsidentin der zu zwanzig Prozent vom Land geförderten und in Halle ansässigen Wissenschaftsakademie Leopoldina, drückt ihre Forderung, die Unabhängigkeit und Internationalität der Hochschulbildung und Studienabschlüsse zu stärken, vorsichtig als Hoffnung aus.
Jens Strackeljan, Rektor der Otto-Guericke-Universität Magdeburg, sorgt sich vor allem um die Attraktivität der stark international ausgerichteten Hochschule. Es mehrten sich die Fragen von ausländischen Studenten, was eine AfD-Regierung für sie bedeuten würde. Dass von den rund fünftausend internationalen Studenten die meisten nicht mehr kämen, wenn die AfD wie im Wahlprogramm versprochen die Bologna-Reform abwickeln würde, hält Strackeljan für wahrscheinlich.
Er zweifelt auch nicht daran, dass die Partei die Wissenschaft breitflächig steuern würde, wenn sie könnte. Die nun mögliche Koalition mit dem wissenschaftspolitisch bislang schwach profilierten BSW mache eine Prognose aber schwierig. Strackeljan ist realistisch, was die Möglichkeiten der Hochschulen anbelangt, sich gegen finanzielle Umverteilung zur Wehr zu setzen. Sollte es zu direkten Eingriffen in die Wissenschaftsfreiheit kommen, würde man jedoch klagen.
„Das Wahlergebnis ist ein Auftrag zum Dialog“
In der Musikwelt herrscht eine gewisse Gelassenheit. Die Händel-Festspiele Halle sind das größte Musikfest und gewiss die international strahlkräftigste Veranstaltungsreihe des Landes Sachsen-Anhalt. Hier treffen sich Künstler und ein Publikum aus der ganzen Welt. Die Festspiele werden von der Stiftung Händel-Haus Halle organisiert, die ihren Sitz im Geburtshaus des Komponisten Georg Friedrich Händel hat. Die Stiftung Händel-Haus wurde 2008 gegründet und ist aus städtischer Trägerschaft in eine unabhängige Stiftung überführt worden. Das Land fördert die Händel-Festspiele seither jedes Jahr, zuletzt mit 615.000 Euro, einem Drittel des Budgets.
Im Stiftungskuratorium sitzen landesseitig zwei Vertreter von insgesamt acht Mitgliedern. Auch Udo Nistripke als Vertreter der Stadt Halle gehört dem Kuratorium seit 2024 an. Er war Mitglied der CDU, sitzt heute für die AfD im Stadtparlament von Halle und ist dort Mitglied im Ausschuss für Planungsangelegenheiten und Stadtentwicklung, im Finanzausschuss, im Ausschuss für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung und Stellvertreter im Jugendhilfeausschuss. Florian Amort, seit 1. April 2025 Direktor des Händel-Hauses und Intendant der Händel-Festspiele, beschreibt die Zusammenarbeit mit Nistripke im Kuratorium als bislang konstruktiv.
„Das Wahlergebnis“, so Amort gegenüber der F.A.Z., „ist ein Auftrag zum Dialog – auch mit der stärksten politischen Kraft im Land.“ Händels Musik habe in einem vielfältigen europäischen Kulturraum entstehen können und wirke bis heute über Grenzen, Sprachen und religiöse Zugehörigkeiten hinweg. Darin liege die Stärke von Kunst: Sie schaffe Orte der Begegnung, an denen man nicht einer Meinung sein müsse. „Entscheidend ist, im Austausch zu bleiben und darüber zu sprechen, welchen Wert Freiheit und Vielfalt für unsere Gesellschaft haben.“

Das Thema „Mannsbilder“ bei den Händel-Festspielen 2026 hatte sich auch mit Geschlechterbildern jenseits der Heteronorm befasst und einen Workshop „Drag für Erwachsene“ eingeschlossen. Die fünfjährige Finanzierungsvereinbarung für die Stiftung Händel-Haus und die Händel-Festspiele läuft 2027 aus. Noch in diesem Jahr wird Amort mit Stadt und Land verhandeln müssen, wie die Bezuschussung für die Jahre von 2028 bis 2032 aussehen wird.
Walter Sutcliffe, Intendant der Oper in Halle, warnte davor, zu viel über die möglichen Folgen einer von der AfD geführten Landesregierung zu mutmaßen. Spekulationen führten zu Ängsten, und das helfe nicht dabei, den eigenen Job gut zu machen. Er hoffe darauf, im Fall der Fälle Gespräche führen zu können, um zu verstehen, was die andere Seite wolle, und um selbst zu erklären, was die eigene Haltung sei: „Wir bringen breite Perspektiven mit, um die Leute zu bereichern.“ Der Zuschuss für die Halleschen Bühnen kommt derzeit zu zwei Dritteln von der Stadt und zu einem Drittel vom Land; die entsprechende Vereinbarung läuft 2028 aus.
Einen AfD-Kulturminister zur Premiere einladen?
Obwohl das Magdeburger Schauspiel ein Stadttheater ist, stammt rund die Hälfte der Förderung aus Landesmitteln. In dieser Hinsicht gibt es also eine direkte Abhängigkeit von einer zukünftigen AfD-Landesregierung. Bis 2028 ist die Förderung noch durch den Theatervertrag gesichert, aber was danach kommt, ist völlig offen. Sobald die AfD-Landesregierung ins Amt kommt, wird die Verhandlung für den nächsten Theatervertrag beginnen.
Clemens Leander, Mitglied der Magdeburger Schauspieldirektion, erzählt von seiner Besorgnis angesichts des Wahlergebnisses. Aber er hat sein Selbstbewusstsein noch nicht verloren, er erzählt von einer Inszenierung, die „Tor zur Welt“ heißen und auch Ergebnisse eines künstlerischen Forschungsprojekts mit Kindern und Jugendlichen mit dem Titel „Wie wir unsere Zukunft zurückgewinnen“ umfassen soll; auch einen inklusiven Ansatz soll sie verfolgen. Der Titel klingt seit Sonntagabend passender als vorher. Leander hat mit Blick auf die inklusionsfeindlichen Passagen im Wahlprogramm der AfD eine Idee: „Ich überlege, den möglichen AfD-Kulturminister zur Premiere einzuladen. Mal schauen, ob er sich auf das Foto traut.“
Die Stiftung Bauhaus Dessau stellt sich nach Angaben ihrer Direktorin Barbara Steiner auf einschneidende Veränderungen ein. Man werde weiterhin für einen reichhaltigen, vielgestaltigen Kulturbegriff werben, sich in Stadt und Region einbringen und die internationalen Kooperationen fortsetzen. Steiner verwies auf einen Rekord an internationalen, nationalen und lokalen Gästen im Jubiläumsjahr; das Bauhaus Dessau gehöre zur Stadt Dessau-Roßlau und zum Land Sachsen-Anhalt, zähle als Weltkulturerbe jedoch auch zu den unschätzbaren und unersetzlichen Gütern in ganz Deutschland und der Welt. Sie bedanke sich für die lokale, nationale und internationale Unterstützung vor der Wahl. „Diese Verlässlichkeit werden wir auch in den nächsten Jahren brauchen.“
Viele Wähler haben ein anderes Kulturverständnis
Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle und kommissarischer Leiter der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, verweist auf die Diskrepanz zwischen dem Wahlergebnis und der AfD-kritischen Haltung so gut wie aller Kultureinrichtungen im Land: „Die Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt haben sich im Vorfeld der Wahl eindeutig positioniert. Das Wahlergebnis zeigt, dass zumindest die Hälfte der Wähler dieses Kulturverständnis nicht als prioritär schützenswert erachtet.“ Auf den Plakaten zu seiner erfolgreichen neuen Sonderausstellung „Die Schamanin“ betont das Landesmuseum Halle ausdrücklich die grenzüberschreitende Rolle der Archäologie: „Sachsen-Anhalt weltoffen“ heißt es da sowie „Blaue Augen, dunkle Haut: Botschafterin Sachsen-Anhalts in der Welt“. Die Plakate, sagt Meller, seien auf „überwältigend positive Reaktionen“ gestoßen.

Manon Bursian, Direktorin der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, rechnet damit, dass eine AfD-geführte Kulturpolitik ihr die Mittel streichen werde, vielleicht sogar auch die Auflösung der Kunststiftung beschließen könnte. Die Stiftung wird vom Land mit einer halben Million Euro gefördert, um beispielsweise Stipendien für junge Künstlerinnen und Künstler zu vergeben. Außer durch staatliche Mittel finanziert sie sich auch durch eigene Kapitalerträge, öffentlich-rechtliche Stiftungen und Lottomittel.
Bisher hat sich die AfD zur Kunststiftung allerdings noch nicht geäußert. Was klar ist: Die AfD hätte aus Satzungsgründen automatisch den Stiftungsratsvorsitz inne und könnte dadurch Einfluss auf Förderentscheidungen nehmen. Es gibt jedoch insgesamt zehn Stiftungsräte, das Land hat drei Stimmen im Stiftungsrat. „Es ist ein unvorstellbarer Moment“, sagt Manon, „es ist nichts, was ich mir in meiner kühnsten Vorstellungskraft hätte vorstellen können. Die Kunstförderung ist ein hochsensibler Bereich, da beweist sich der Wert der Kunstfreiheit.“
„Die werden schon Nägel mit Köpfen machen“
Alexander Suckel, Leiter des Literaturhauses in Halle (Saale), rechnet mit einer AfD-Regierung; dafür werde das BSW schon sorgen. Anders als andere Parteien, in deren Programmen man lange blättern müsse, bis man etwas zur Kultur finde, sage die AfD immerhin sehr deutlich, was sie wolle. Es sei jedoch nichts Gutes zu erwarten. „Im Zweifelsfalle wird zwar ohnehin weniger umgesetzt, als in Wahlprogrammen steht, aber die werden schon Nägel mit Köpfen machen“, vermutet Suckel. Er rechnet damit, dass die großen Kulturinstitutionen im Fokus einer künftigen AfD-Regierung stehen werden, die das meiste Geld vom Land bekommen.
Für sein eigenes Haus, dessen Hauptfinanziers Sparkassenstiftung und Stadt sind, befürchtet Suckel erst einmal wenig. Allgemein komme es jetzt darauf an, was die großen Worte vom Frühjahr wert seien, als sich die Kulturinstitutionen gemeinsam klar gegen die AfD positioniert hatten. Er selbst sei geschockt, aber auch nicht so pessimistisch. „Resignation ist keine angemessene Haltung.“ Er könne sich gut erinnern, welche Rolle Kunst und Kultur in der DDR gespielt hätten als Gegengewicht zur offiziellen Politik. „Sachsen-Anhalt hat eine äußerst vitale Kunst- und Kulturszene, die sich jetzt auch nicht so einfach mit ein paar Dekreten einfangen lässt.“
Bei politischen Veranstaltungen in seinem Haus sei es schon zu Begegnungen mit AfD-Politikern gekommen, berichtet Suckel. Direkte Versuche einer Einflussnahme habe er noch nicht erfahren, allerdings sei das Literaturhaus kein riesiges Dreispartenhaus oder die Stiftung Bauhaus, die eine ganz andere Sichtbarkeit hätten. Wenn die AfD nun sage: „Wir gucken uns das alles an“, handele es sich um eine unverhohlene Drohung. Man müsse sehen, was die am Ende wert sei.
Suckel plant nicht, auf die neue politische Lage mit schnellen Programmänderungen zu reagieren. Er sehe sich nicht als Speerspitze des politischen Kampfes. „Mir geht es um Ausgewogenheit, Klarheit von Gedanken und Sprache. Mit Emotionen habe ich es nicht so; das sollen die Leute vom Theater machen.“ Ein Literaturhaus stehe dafür, dass man miteinander spreche und nach Diskussionen zu einem Ergebnis komme. „Ich möchte angesichts des ganzen Schaums vor den Mündern im Wahlkampf und auch gestern Abend im Fernsehen lieber ein bisschen Dampf herausnehmen.“
