In den letzten drei Jahrzehnten haben die Beziehungen zwischen Afrika und China anhaltendes Interesse bei Wissenschaftlern, Politikanalytikern und Journalisten geweckt. In direktem Zusammenhang mit dem Aufstieg Chinas zur globalen Großmacht und dem intensiven wirtschaftlichen Engagement des Landes auf dem afrikanischen Kontinent hat sich zu Beginn des Jahrtausends in Nordamerika und Westeuropa ein multidisziplinäres Forschungsgebiet „China-Afrika-Studien“ herausgebildet.
Das einschlägige, inzwischen sehr umfassende Schrifttum lässt sich grob in zwei Richtungen unterteilen. Auf der einen Seite stehen Interpretationen, die Chinas wachsenden Einfluss auf dem Kontinent als eine neue Form kolonialer Herrschaft darstellen, als zeitgenössisches Pendant zu früheren europäischen Eroberungs- und Ausbeutungsprojekten. Auf der anderen Seite finden sich Darstellungen, die Chinas eigene Sprache der „Win-Win“-Partnerschaft ernst nehmen und die chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit in eine längere Tradition der Süd-Süd-Solidarität und antiimperialistischen Verbundenheit einordnen.
Ökonomischer Determinismus
Die wissenschaftliche Literatur zu beiden Richtungen teilt jedoch den Schwerpunkt auf politischer Ökonomie, Märkten und strategischen Kalkulationen und ist, wie der Historiker Benedito Machava und der Literaturwissenschaftler Cajetan Iheka zu bedenken geben, die beide an der Yale-Universität lehren, oft von einer Art ökonomischer Überdeterminierung geprägt, die andere prägende Ebenen der Beziehungen zwischen Afrika und China ignoriert oder verschleiert. Der von Machava und Iheka betreute Themenschwerpunkt der Zeitschrift „African Studies Review“ (Bd. 69, Heft 2, Juni 2026) über „The Cultural Dimensions of Africa-China Relations“ will den Scheinwerfer nun auf diese anderen Ebenen richten und fragt, „inwiefern die Auseinandersetzung mit kulturellen Produktionen – Literatur, bildende Kunst, Musik, Film, populäre Darstellende Kunst und andere Ausdrucksformen – unser Verständnis von Chinas Präsenz in Afrika und der zunehmenden afrikanischen Präsenz in chinesischen städtischen Räumen neu ausrichten könnte“.
In ihrer instruktiven Einleitung betonen die Herausgeber, dass es ihnen nicht darum zu tun sei, „Ökonomie“ durch „Kultur“ zu ersetzen. Auch wollen sie die Asymmetrien nicht kleinreden, welche die Beziehungen zwischen China und Afrika offenkundig prägen. Die von ihnen versammelten Beiträge sollen zeigen, wie der wirtschaftliche Wandel durch Mobilität, Ehrgeiz, kulturelle Begegnungen und die Aushandlung von Zugehörigkeit in Gang gehalten wird. Machava und Iheka konzedieren freilich stillschweigend, dass sie an geöffnete Türen klopfen. Ihr Forschungsüberblick verweist auf zahlreiche jüngere Studien, die staatszentrierten Darstellungen ethnographische und kulturwissenschaftliche Ansätze entgegengestellt haben, die „‚China‘ und ‚Afrika‘ in diverse Institutionen, Akteure und Absichten zerteilen“. Großbaustellen, Infrastrukturprojekte und dortige Arbeitsbedingungen und -beziehungen erweisen sich als besonders aufschlussreiche Untersuchungsfelder.

Die Annahme, dass Chinesen allmächtig seien, wird in diesem Zusammenhang etwa mit Bezug auf die Diskrepanz zwischen Entwicklungsbestrebungen und alltäglichen Frustrationen infrage gestellt. Die „bitteren Erfahrungen“, von denen chinesische Unternehmer und Arbeiter berichten, ergeben sich aus ihrer Wahrnehmung afrikanischer „Undankbarkeit“, mangelnder Arbeitsdisziplin und lokaler Hindernisse, aber auch aus ihren eigenen pragmatischen Beweggründen für die Arbeit im Ausland, die durch sozialen Druck sowie das Streben nach Sicherheit und Mobilität geprägt sind. Auf den Baustellen überschneidet sich das chinesische Selbstverständnis von Opferbereitschaft und Tugend mit Führungsphilosophien, die „rassische“ Hierarchien reproduzieren – oft durch Erzählungen über die Trägheit der Afrikaner, mit denen die Privilegien der im Ausland tätigen Chinesen gerechtfertigt werden.
Rassismus gegen Afrikaner ist ein regelmäßig, häufig jedoch lediglich pauschal diskutierter Topos der „China-Afrika-Studien“. Er wird in einigen Beiträgen des Themenschwerpunkts in aufschlussreicher Weise aufgegriffen. Flair Donglai Shi (Shanghai) etwa widmet sich mit Diskursen auf sozialen Medien über die kleine, aber wachsende Gruppe chinesisch-schwarzafrikanischer Sportler einem auf den ersten Blick eher marginalen Gegenstand. Doch seine Analyse des Konzepts „Zhongfeihunxue“, was wörtlich übersetzt „Chinesisch-Afrikanischer Mischling“ bedeutet, zeigt eindrücklich, wie die Charakterbilder, die von diesen Sportlern verbreitet werden, zwischen Streben und Enttäuschung, Lob und Tadel, Popularität und Skandal sowie strategischer rassischer Inklusion und rassistischer Ausgrenzung changieren. Auf diese Weise arbeitet Shi die subtilen Mechanismen rassistischer Stereotype heraus. Zugleich zeichnet er die Athleten nicht als passive Opfer, sondern legt dar, wie sie die Möglichkeiten der sozialen Medien nutzen, um diesen Prozess der „rassischen Nischenbildung“ zu ihrem Vorteil zu nutzen.
