
Der Körper einer Frau unterliegt widersprüchlichen Bildern. Viele Zeitschriften vermitteln den Leserinnen, achtsam mit sich umzugehen, mehr zu meditieren, sich gesund zu ernähren. Auf den hinteren Seiten empfehlen sie Faltencremes, um die eigenen „Makel“ in den Griff zu bekommen. Beauty-Influencer mit Reichweite und Werbedeals reden ihren Followern ein: Die Haut ist nicht rein genug, die Nase zu groß, der Körper zu dick. Es sind Bilder, denen wir uns kaum entziehen können und die natürlich beeinflussen, wie wir uns selbst wahrnehmen. Gerade junge Frauen, die noch Orientierung suchen, sind dafür anfällig.
Akribische Beobachtung, unbewusste Prägungen und der „male gaze“ prägen uns, von Marilyn Monroe, deren „Kurven“ in den Fünfziger- und Sechzigerjahren prominent diskutiert wurden, bis zu Jessica Simpson, die in den Nullerjahren als pummelig galt. Wie Frauen aussehen, war schon immer ein Politikum. Die Neunzigerjahre waren dabei besonders schonungslos. Im „Heroin Chic“ galten Augenringe und hervorstechende Schulter- und Gesichtsknochen als erstrebenswert. Dann kam die „Body Positivity“-Bewegung, plötzlich gab es „Curvy Models“, die aber durch das Label erst recht markiert wurden.
Gerade zeigt sich: Auch diese Entwicklung hat sich wieder verflüchtigt.
Besonders drastisch erscheint der Fall von Ariana Grande. Nachdem die Dreiunddreißigjährige Ende Juli ihr achtes Album „Petal“ veröffentlicht hatte, folgten viele Schlagzeilen und Onlinekommentare, in denen es weniger um ihre Musik ging, sondern darum, wie stark sich die Sängerin verändert hatte. Sie schien so dünn geworden zu sein, dass nicht nur ihre Fans Besorgnis äußerten, sondern gleich die gesamte Öffentlichkeit auf ihren Körper blickte. Videos und Vergleichsfotos wurden online geteilt, und an ihre hervorstehenden Wangenknochen und Schultern wurde herangezoomt.
Kein Körper sollte öffentlich zum Maßstab gemacht werden, weder als Warnung noch als Schönheitsideal
Der Gewichtsverlust der Sängerin ist markant. Und er ist besorgniserregend: mit Blick auf Grande selbst und weil sie eine der reichweitenstärksten Stars auf Instagram ist. Sie hat eine riesige, vorwiegend junge und weibliche Fangemeinde. Allein auf Instagram folgen ihr 362 Millionen Menschen. Kurz nach Veröffentlichung des Albums verkündete ihr Management, dass sie sich für eine Weile aus der Öffentlichkeit zurückziehen werde, um sich eine „wohlverdiente Auszeit von der Arbeit in der Öffentlichkeit und von Auftritten zu gönnen, die zu einer endlosen, anhaltenden öffentlichen Kritik geführt haben“. Ihr letztes Konzert spielte sie Anfang dieser Woche in London.
Nun blicken wieder alle auf den Körper einer jungen Frau und maßen sich Urteile über ihn an. Grande bat ihre Fans bereits mehrfach, die Körper anderer nicht zu bewerten, weder positiv noch negativ. In einem Tiktok-Video erklärte sie: „Es gibt viele Arten, gesund und schön auszusehen.“ Dieser Wandel ist eine Errungenschaft des Feminismus. Frauen wehren sich dagegen, objektifiziert zu werden. Aber er stellt uns zugleich vor die Frage, wie wir doch über Körper sprechen sollten, wenn es nötig ist.
Die Journalistin und Autorin Sophie Gilbert schreibt in „Girl on Girl“ über die aktuelle Popularität von Abnehmmedikamenten wie Ozempic oder Mounjaro: „Wieder einmal schrumpfen die Körper der Prominenten vor unseren Augen, und wieder einmal war das Produkt, das für ihre neu gewonnene Schlankheit verantwortlich war, im Handel erhältlich.“
Früher war es vor allem das unmittelbare soziale Umfeld, mit dem man sich verglich. Heute sind es inszenierte Onlinebilder und makellos erscheinende Promis. „Die sozialen Medien haben diesen Entwicklungsprozess erheblich verändert“, sagt auch Sabine Dohme, pädagogische Fachkraft und digitale Streetworkerin beim ANAD Versorgungszentrum Essstörungen der AWO Oberbayern im Gespräch mit der F.A.Z. Junge Menschen würden sich mit einer permanent verfügbaren Vielzahl idealisierter und inszenierter Körperbilder vergleichen. Dadurch „verschiebt sich bei Jugendlichen der Maßstab dafür, was als ‚normal‘ oder ‚erstrebenswert‘ wahrgenommen wird.“ Wobei man sagen kann: mittlerweile nicht mehr nur bei Jugendlichen.
Frauen können so erfolgreich sein, wie sie wollen: Ihr Körper diktiert das Gespräch
„Die Debatte um den Körper von Ariana Grande und anderen Prominenten zeigt ein grundlegendes Dilemma“, sagt Dohme. „Zwischen einerseits der Glorifizierung extremer Schlankheit und der damit verbundenen Gefahr für Jugendliche und andererseits der berechtigten Sorge um die gezeigte Person.“ Prominente hätten durch ihre enorme Sichtbarkeit eine Vorbildfunktion und könnten mit ihrer Reichweite klare Signale setzen. Bestimmte Körper sollten nicht zum Ideal erklärt werden und ein Gewichtsverlust nicht automatisch als erstrebenswert gelten. Dohme betont jedoch auch, dass kein Körper öffentlich zum Maßstab gemacht werden sollte, „weder als Warnung noch als Schönheitsideal“.
Ariana Grande ist deswegen ein sensibler Fall. Sie selbst betonte schließlich immer wieder, so gesund und glücklich wie noch nie zu sein. Trotzdem wird ihr Körper als Warnung gesehen, auch wenn Ferndiagnosen oder Mutmaßungen über eine mögliche Essstörung unangemessen sind.
Bei aller Vorsicht stellt sich in diesem Fall jedoch die Frage: Wenn Ariana Grande – und viele weitere Stars – viel Gewicht verlieren, sollten wir dann darüber sprechen? Auch Jenna Ortega, Lily Collins, Demi Moore, Emma Stone oder Nicole Kidman haben stark abgenommen. Dünnsein scheint wieder im Trend zu liegen.
Wir haben die Sprache verloren, um über Körper zu sprechen
Was sich gerade beobachten lässt, ist nicht neu. Der Körper als Projektionsfläche ist alles, was die Frau ausmacht. Er wird belohnt oder geschmäht, etwa wenn es um Adeles Gewichtsverlust geht, um Britney Spears Haare oder Madonnas Gesicht. Sie können noch so erfolgreich sein: Ihr Körper diktiert das Gespräch.
Diese Fixierung befeuert einen Markt. Kim Kardashian bespielt ihn, wenn sie öffentlich darüber spricht, wie sie innerhalb von drei Wochen sieben Kilogramm abnahm, um ein besonderes Kleid auf der Met Gala tragen zu können. Gerüchten zufolge benutzte sie Ozempic. Auch Labels wie „Brandy Melville“, die lange bei Jugendlichen beliebt waren und es wieder sind, verkaufen Kleidung in „One Size“, die einer XS oder S entspricht. Das alles verschiebt die Skalen nach unten.
Es scheint, als hätten wir in unserer neuen Vorsicht darüber, die Körper anderer nicht zu beurteilen, die Sprache verloren, um über diese Entwicklung zu sprechen. Sie nicht zu benennen, ist jedoch fatal: Die Zahl junger Mädchen, die wegen Essstörungen in Kliniken behandelt werden, ist nämlich wieder gestiegen. Essstörungen entwickeln sich oft schleichend und werden oft erst spät erkannt. Für Betroffene und ihr Umfeld ist das besonders herausfordernd. Das Problem wird oft erst dann sichtbar, wenn sich Muster und Konflikte mit dem eigenen Körper und Essverhalten bereits gefestigt haben.
Stars wie Ariana Grande prägen das Körperbild von Kindern und Jugendlichen. Deshalb sollten wir darüber sprechen. Die öffentliche Diskussion sei dabei eine Gratwanderung, sagt Dohme. „Obwohl das Thema des extremen Gewichtsverlusts und das derzeitige Schönheitsideal Betroffene belasten können – und dies sicher auch tun –, lässt sich eine Veränderung des gegenwärtigen Schönheitsbildes nur durch einen gesellschaftlichen Wandel erreichen. Dafür braucht es Sichtbarkeit.“ Und für Ariana Grande eine Pause, zum Schutz ihrer selbst.
