
Pierre Gasly mag gut neun Jahre im Schatten von Lewis Hamilton und Max Verstappen in der Formel 1 gekreist sein. Aber es ist kein Zufall, dass der 30 Jahre alte Franzose eine Chance nutzt, wenn sie sich bietet. Die erste war sein Einstieg bei Toro Rosso, dem Tochterteam von Red Bull. Gleichzeitig entpuppte sich seine fixe Beförderung zum Teamkollegen von Verstappen im Mutter-Rennstall als Rückschlag. Unfälle mit dem schwer zu fahrenden Boliden und zu wenige Punkte führten zur Degradierung: zurück zu Toro Rosso.
Oscar Piastri wird zurückversetzt
Armer Oscar: Da schießt Piastri endlich mal wieder aus dem Windschatten des Weltmeisters Lando Norris im identischen McLaren; aber dann wird der Dritte des Qualifyings während der Pressekonferenz quasi abgeführt zur Befragung bei den Streckenkommissaren. Wegen Blockierens von Liam Lawson (Red Bull) wird der Australier, vor Jahresfrist erstbester WM-Kandidat, um drei Plätze auf Startplatz sechs zurückversetzt.
Piastri und Norris werden schwer zu überholen sein
Trotzdem steht er immer noch vor seinem Teamkollegen Norris (achter Startplatz), aber gleichzeitig vor dem Problem, nun noch mehr der Schnelleren auf der Hochgeschwindigkeitspiste vor sich zu haben. Der McLaren glänzte zuletzt in Ungarn und Zandvoort, wo Norris jeweils gewann. Auf Pisten, die viel Abtrieb verlangen. Im Königlichen Park von Monza ist das Gegenteil wichtig.
Am Hybrid-Aggregat im Heck, insofern das Modell aus dem Hause Mercedes rundläuft, sollte es nicht scheitern. Aber bei der Grand-Prix-Simulation am Freitag kam McLaren – wie erwartet – nicht so schnell über die Runden wie Mercedes und Ferrari. Prognose: Piastri und Norris werden schwer zu überholen sein. Das aber könnte Einfluss haben auf den Kampf um die WM.
Armer Kimi? Nein, das sieht nur so aus. Kimi Antonelli steht zwar mit seinem Mercedes auf Position 20, wenn die Lichter der Startampel verlöschen. Aber dahinter steckt eine Strategie: den nötigen Antriebswechsel über das erlaubte Maß hinaus dort vorzunehmen, wo sich der Schaden am ehesten begrenzen lässt. Also auf einer Strecke, die Überholchancen bietet. Monza ist dank seiner langen Geraden dafür prädestiniert.
Und so sah man den jüngst 20 Jahre alt gewordenen Italiener trotz dieser Hypothek ganz fröhlich durch das Fahrerlager laufen. Der Führende der WM wird vergleichsweise druckbefreit tun dürfen und müssen, was er liebt: nach Herzenslust attackieren. Hamilton prognostizierte ob des schnellen Mercedes Platz acht oder sechs. Warum nicht sieben? Sein Geheimnis. Prognose: Es wird auch hinten verdammt schnell zur Sache gehen.
Wann beginnt die Aufholjagd?
Zwei Fahrer könnten von dieser Konstellation am meisten profitieren: George Russell und Lewis Hamilton. Beide liegen, zumindest in der Gesamtwertung, auf Augenhöhe: 59 Punkte hinter Antonelli. Das erscheint angesichts von noch elf zumindest geplanten Rennen aufholbar. Aber wann soll das beginnen, wenn nicht in Monza? Zumal auch für Russell Strafen nach Motorenwechseln wegen der Ausschöpfung des Kontingents absehbar sind.
Mit Piastris Rückversetzung rückt Hamilton neben seinen Teamkollegen Charles Leclerc in die zweite Startreihe. Da der Weg bis zur ersten Schikane etwa 470 Meter lang ist, wittern selbst Kollegen auf den hinteren Rängen eine Überholchance. Wer, wenn nicht Hamilton, sieht schon in einer winzigen Lücke das Einfallstor, am Rivalen Russell (Startplatz zwei) vorbeizuziehen? Ganz zu schweigen vom Überholmeister Max Verstappen, der in der dritten Startreihe hinter den Ferrari-Piloten lauert.
Aber das typische Monza-Szenario, das den Putzkolonnen an der ersten Schikane schon viel Schrott oder Kohlefaser-Fetzen hinterließ, ist in Gefahr. Prognose: Das in dieser Saison lästige Batteriemanagement und die Windschattenspiele könnten die Angriffe auf die folgende Schikane verschieben.
Um Spannungen wird die Formel 1 am Sonntagnachmittag, zur besten Giro-Zeit, nicht herumkommen. Leclercs Interesse, Hamilton trotz dessen Aussicht auf den achten WM-Titel vorbeizuwinken, scheint sehr überschaubar. Das Renntempo des Ferrari sei zwar gut, sagte der Monegasse. „Ich bin aber skeptisch, ob wir auf den Geraden schnell genug sind.“
Trotz des überarbeiteten und um eine zweistellige PS-Zahl gestärkten Antriebs im Heck sieht er nur eine Chance: „Vielleicht können wir unseren Speed in den Kurven nutzen.“ Etwa um Russell nach einer erfolgreichen Verdrängung auf Abstand zu halten. Prognose von Piastri: „Die ersten Runden in Monza sind in der Regel etwas chaotisch. Es wird interessant.“
Neben dem Spektakel, hundert Meter vor der ersten Schikane bei weit mehr als 300 Kilometern pro Stunde auf Tempo 80 herunterzubremsen und alles im Blick zu behalten, steht der Sause noch ein Taktikspiel ins Haus. Das ist wohl die einzige Chance für Nico Hülkenberg, in seinem Audi voranzukommen und Punkte zu gewinnen. Als Zwölfter der Startaufstellung (Rang 13 im Qualifying) setzt der 39 Jahre alte, gelassene Rheinländer auf Geduld. Prognose: Das wird nicht reichen.
