Die Jahre um 1970 stellen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Zeit rasanten Wandels dar. Immer stärker war der Wunsch nach sozialer Partizipation geworden und hatte die durch Wirtschaftswachstum und Systemkonkurrenz charakterisierte Nachkriegsordnung ins Wanken gebracht. Die Hoffnungen der Menschen wurden durch die Vorstellung gestärkt, dass Bildung der geeignete Weg zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe sei. In dieser Welt hatte sich der Philosoph Reinhard Brandt zu bewähren, der noch ganz als klassischer Gelehrter ausgebildet worden war. Ein Blick auf seinen Werdegang zeigt dies anschaulich.
Der 1937 in einem kleinen Ort bei Bad Segeberg geborene Brandt hatte sich vorzügliche Kenntnisse der alten Sprachen angeeignet. In Marburg machten ihn Julius Ebbinghaus und Klaus Reich mit philosophiehistorischen Fragen vertraut. Seine 1965 erschienene Dissertation zur Urteilslehre des Aristoteles war ein Musterbeispiel vorsichtiger Argumentation. Das Fazit lautete: Angesichts der ungeklärten Stellung im Gesamtwerk des Stagiriten und der unsicheren Textgestalt sei eine definitive Deutung von dessen Hermeneutik nicht zu leisten. Die Studie hatte Klaus Reich angeregt, der seit seiner eigenen Doktorarbeit über Kants Urteilstafel als systematisch anspruchsvoller Philosoph mit Sinn für präzise Unterscheidungen galt. Reinhard Brandt dankte ihm im Vorwort ausdrücklich für Thema und Betreuung der Dissertation und arbeitete in der eingeschlagenen Richtung weiter. Schon bald eilte ihm der Ruf eines Kenners der aufklärerischen Gedankenwelt voraus. Sein Gelehrtenhabitus passte allerdings schwerlich zum gesellschaftspolitischen Klima um 1970.
„Abschied von der Ordinarien-Universität“
In Marburg traf der Beginn der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt mit einer weitreichenden Universitätsreform zusammen. Zwanzig Fachbereiche ersetzten die traditionellen Fakultäten und dynamisierten die Zusammensetzung des Personaltableaus. Studierende, Assistenten und Professoren saßen in den universitären Gremien zusammen und entschieden über die Zusammensetzung des Lehrkörpers. Ein auf acht Jahre gewählter Universitätspräsident leitete fortan die Geschicke der Philippina. Er verkörperte nach außen die innere Einheit der Institution, während der Universitätskanzler nach wie vor die Verwaltung leitete.
Der 1971 zum ersten Präsidenten gewählte Jurist Rudolf Zingel hatte von Beginn an die schwierige Doppelaufgabe, den Umbau zu organisieren und die dabei auftretenden Konflikte zu kalmieren. Bei der Neustrukturierung entschied er sich für die bedeutungsschweren Worte „Abschied von der Ordinarien-Universität“, die im konservativen Lager auf beträchtlichen Widerstand stießen. Bedenkt man freilich das Ausmaß der Veränderungen, erscheint seine Wortwahl durchaus angemessen. 130 Institute waren in die neu gegründeten Fachbereiche überführt worden, die fortan die studentische Ausbildung übernahmen. Insgesamt betrafen die Veränderungen 10.000 Studenten, 150 Ordinarien und rund 1000 „sonstige Wissenschaftler“, was schon rein quantitativ nach Auffassung der Universitätsleitung den Reformbedarf unterstrich. Der tiefgreifende Wandel hatte zur Folge, dass gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften heftig über die geeigneten Bewertungsmaßstäbe debattiert wurde. Im Extremfall waren Fachbereiche bereits unmittelbar nach ihrer Einführung zerstritten. Wie weit die weltanschaulichen Auseinandersetzungen in Marburg reichten, illustrieren Debatten, die seinerzeit deutschlandweit zur Kenntnis genommen wurden. Vielleicht die wichtigste Frage betraf die Zukunft der „Wissenschaftlichen Politik“.

Der in Marburg tonangebende Politologe Wolfgang Abendroth ließ keinen Zweifel daran, dass er die von ihm begründete sozialistische Ausrichtung seines Faches fortgesetzt wissen wollte. Dem hessischen Kultusminister ließ er durch den Marburger Universitätspräsidenten am 3. März 1972 mitteilen, wie zufrieden er damit sei, dass sein Schüler Frank Deppe angestellt werde. Wenn dieser die Betreuung seiner Doktoranden übernehme, könne er getrost zum 1. Oktober in den Ruhestand gehen. Das Dokument legt nahe, dass Abendroths Emeritierung unter den von ihm gewählten Bedingungen stattfand, deren wichtigste eine Professur für seinen Meisterschüler Deppe war. In Marburg war der Sozialwissenschaftler so bekannt, dass seine Berufung zu den Hauptforderungen des studentischen Protests gehörte. „Marx an die Uni – Deppe auf H4“, lautete der weithin sichtbare Slogan in der Philosophischen Fakultät auf den Lahnwiesen, wo neben den Geisteswissenschaften auch die Gesellschaftswissenschaften seit 1967 ihre neue Bleibe gefunden hatten.
Der Konflikt mit Hans Heinz Holz
Generell dürfte sich die Situation zu Abendroths Zufriedenheit geklärt haben. Am 7. August 1970 wurde er durch den hessischen Kultusminister von seinem Dienst entbunden und feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Im neuen Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie wurden indes Konflikte mit großer Vehemenz ausgetragen, stand doch neben politischen Weltbildern oft der Erfolg eines ganzen Lebenslaufs zur Diskussion. Dabei lag es auf der Hand, dass die Wertmaßstäbe der gewerkschaftsnahen Wissenschaftler sich von ihren „bürgerlichen“ Konkurrenten, wie es seinerzeit mit pejorativem Unterton hieß, substanziell unterschieden.
Vor dem Hintergrund einer erkenntniskritisch fundierten Aufklärung leuchtete es Reinhard Brandt nicht ein, warum die Philosophie als Gesellschaftswissenschaft verstanden werden solle. Schließlich gehe es in ihr um die Frage nach der Wahrheit und die Bestimmung der Reichweite menschlicher Erkenntnis. Ganz anders sah die Dinge sein Marburger Kollege Hans Heinz Holz, der seit der Dissertation bei Ernst Bloch einen zunehmend rigiden Marxismus vertrat. Ihm schien es gänzlich unstrittig, dass die Philosophie nur durch den Gesellschaftsbezug ihrer Ideen zu tragfähigen Konzepten komme. Eine Vermittlung der Standpunkte war kaum möglich, und schon bald entwickelte sich ein heftiger Streit zwischen den beiden Hochschullehrern, von denen keiner bereit war nachzugeben.
Eine gewichtige Rolle bei dem Konflikt spielte die unterschiedliche Haltung in Personalfragen. Der 1972 nach einer Habilitationsschrift über Hume zum Professor für Geschichte der Philosophie ernannte Reinhard Brandt lehnte es prinzipiell ab, dass bei Berufungen die politische Einstellung des Bewerbers eine Rolle spielen dürfe. Sehr kritisch sah er auch die Beteiligung von Studenten, die zumeist nicht über die nötige Sachkenntnis verfügten und daher mit der Einschätzung der Bewerberprofile überfordert seien. Hans Heinz Holz setzte hingegen auf die gesellschaftspolitische Relevanz philosophischer Probleme und die seit 1970 obligate Beteiligung der universitären Gremien.
Ulrich Raulffs studentische Perspektive
Anfangs hatte Reinhard Brandt bei den universitären Auseinandersetzungen einen schweren Stand. Nach den Maßstäben der Zeit musste sein Insistieren auf dem Eigenrecht philologischer und philosophischer Reflexion elitär und zugleich hoffnungslos unpolitisch wirken. Zudem wurde der Marburger Fachbereich 03 von den Sozialwissenschaftlern dominiert. Sie wussten die Studenten für ihre Interessen zu mobilisieren und konnten auf gute Medienkontakte bauen. Vor diesem Hintergrund mochte es scheinen, dass Brandts Beharren auf den Prinzipien traditioneller Gelehrsamkeit nur eine Donquichotterie sei.
Die heftigen Konflikte dauerten bis 1978, als Hans Heinz Holz an die Universität Groningen berufen wurde. Rückblickend ist bemerkenswert, dass in den politisch umkämpften Siebzigerjahren die Philosophie derart wichtig genommen wurde. Nicht selten wird dieses Phänomen mit dem überschießenden Selbstvertrauen zeitgenössischer Meinungsführer erklärt. Aber vielleicht hat auch Ulrich Raulff, der in Marburg studierte, mit dem Hinweis recht, dass die seinerzeit Studierenden sich ihr eigenes Bild von den menschlichen Abgründen des Lehrbetriebs gemacht hätten. Schließlich sei es unschwer festzustellen gewesen, wer zu den „kleinen Terriern“ gehörte oder wer selbst etwas zu sagen hatte. Ein Indiz, dass die hart geführten politischen Debatten zulasten des philosophischen Niveaus gingen, waren die drakonischen Urteile über ideenhistorische Phänomene. In gesellschaftskritischer Perspektive wurden etwa die Marburger Neukantianer, die um 1900 für eine friedliche Reform des Kaiserreichs gestritten hatten, als Lobredner des Kapitalismus schroff attackiert.
Es zählt zu den Verdiensten von Reinhard Brandt, dass er mit großer Energie der politisch motivierten Verunglimpfung der Marburger Schule des Neukantianismus entgegentrat. Das heißt nicht, dass ihm der Idealismus Hermann Cohens und Paul Natorps unter erkenntniskritischen Vorzeichen sonderlich sympathisch war. In dieser Hinsicht entwickelte er die philologisch fundierten Ansichten seiner akademischen Lehrer Ebbinghaus und Reich weiter. Doch fühlte sich Brandt zur fairen Behandlung einer Tradition verpflichtet, die Marburg einst zum „Mekka der kontinentalen Philosophie“ (Thomas Nipperdey) gemacht hatte. Erst recht sah er es nicht ein, einen Rufmord zu unterstützen, der aus trüben judenfeindlichen Quellen schöpfte und antisemitische Ressentiments bediente. Dass aus dem zeitweiligen „Ho-Chi-Minh-Pfad“ an der Mensa ein „Hermann-Cohen-Weg“ wurde, war vor allem Brandts Verdienst. Spätestens mit der Ehrung des jüdischen Philosophen endete 1992 eine Phase der Marburger Universitätsgeschichte, die nicht zuletzt durch weltanschaulichen Dissens geprägt war.
Widerspruch gegen die Ablehnung Herbert Schnädelbachs
In universitätspolitischen Diskussionen war Reinhard Brandt, das muss man konstatieren, nicht immer eine ruhige Stimme der Vernunft. Dafür standen für ihn zu sehr Letztwerte auf dem Spiel, und dementsprechend erbittert verteidigte er die Bedeutung erkenntniskritischer Methodik. Einen Philosophen, der sich primär einer Ideologie verpflichtet fühlte, betrachtete er als Widerspruch in sich selbst. Als der Frankfurter Wissenschaftsphilosoph Herbert Schnädelbach bei Berufungsverhandlungen 1975 unters Rad kam, während Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens in Marburg hofiert wurden, verlieh er seinem Zorn in drastischen Worten Ausdruck. Selbst als in Wiesbaden die Liste gekippt war, sprach er davon, dass im Fachbereich 03 „Meinungs-Darwinismus“ herrsche.
Generell dürfte es freilich unstrittig sein, dass sich Reinhard Brandt im persönlichen Umgang darum bemühte, die Form zu wahren. Der umfassend gebildete Philosoph wusste einfach zu gut, dass die akademische Welt entscheidend vom Niveau der wissenschaftlichen Argumente abhängt und der Ton unweigerlich zur Sache gehört. So legte er meist eine formbewusste Höflichkeit an den Tag, die viele Menschen als vorbildlich empfunden haben. Nicht zuletzt half diese Haltung, manche Wunde zu heilen, die auf eine umfassende Politisierung der Universität zurückging.
Angesichts sich verschärfender politischer Konflikte spricht gegenwärtig viel für konziliante Umgangsformen. Schließlich begünstigt der grobe Angriff auf andere Auffassungen Extrempositionen, an denen Universität und Gesellschaft schwerlich gelegen sein kann. Doch sollte dies nicht gegen jene philosophische Prinzipienfestigkeit in Anschlag gebracht werden, die für Reinhard Brandt charakteristisch war. Bei den Auseinandersetzungen nach Einführung der Gremienuniversität ritt er nicht gegen Windmühlenflügel, sondern hatte es mit gut organisierten Gegnern zu tun. Es war keine Selbstverständlichkeit, im Geiste der Humboldt’schen Ideale für die Freiheit auch eine gewisse Einsamkeit zu ertragen.
Heute stehen nicht nur die Geisteswissenschaften erneut unter massivem Druck. Da liegt es nahe, mit dem Kantianer Reinhard Brandt daran zu erinnern, dass Prinzipientreue in der Philosophie unentbehrlich ist. Davon abgesehen, dürfte auf längere Sicht eine umfassende Historisierung der Ordinarienuniversität und ihres bewegten Endes zu gelasseneren Urteilen führen.
Zu Ehren des Philosophen Reinhard Brandt, der am 10. April 1937 geboren wurde und am 17. August 2025 starb, hielt die Philipps-Universität Marburg am 5. Juni 2026 eine Gedenkveranstaltung in der Alten Aura ab. Wir dokumentieren hier leicht gekürzt den ersten der sechs Vorträge des Nachmittags, den der Historiker Ulrich Sieg unter der Überschrift „Im Kampf gegen Windmühlenflügel? Zu Reinhard Brandts Verteidigung der Gelehrtenrepublik“ hielt.
