
Geschichte hängt nicht nur an Personen, aber auch. Niemand ist unersetzbar. Aber wer die zentralen handelnden Personen in einer Institution sind, kann eine Institution ebenso prägen, wie umgekehrt der Geist einer Institution neue Amtsträger verändern kann.
Im Moment gibt es bei der Europäische Zentralbank (EZB) eine Entscheidung nach der anderen, die mit beeinflussen, wer in Zukunft für diese Institution stehen wird. Sie alle deuten schon auf ein Ereignis hin, das immer näher rückt: die Nachfolge für EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
Am Donnerstag wurde bekannt, dass EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sich um die Leitung der Abteilung Märkte beim Internationalen Währungsfonds (IWF) beworben hat. Der bisherige Amtsinhaber Tobias Adrian soll IWF-Chefin Kristalina Georgiewa noch ein halbes Jahr als Berater unterstützen. Seine Nachfolge könnte in die Zeit fallen, in der Lagarde geht.
Lagarde hatte zuletzt ausgeschlossen, dass sie schon in diesem Jahr ihren Posten aufgibt. Für das nächste Jahr hatte sie sich vage geäußert. Eine Spekulation ist, sie könnte nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar, aber vor den Frankreichwahlen im April aufhören.
Lagarde blickt zurück
Ende Januar soll zudem im Piper Verlag ihre Autobiographie erscheinen. So etwas macht man vermutlich nur, wenn die Zeit zum Zurückblicken beginnt. Lagarde sagt dazu, sie wolle die Geschichte erzählen von einem „kleinen, rebellischen Mädchens aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen, das es am Ende in die international begehrtesten Positionen der Politik, der Finanzwelt und des öffentlichen Lebens gebracht hat“.
Nun könnte man die Bewerbung Schnabels beim IWF so verstehen, dass die Entscheidung über die Lagarde-Nachfolge gefallen ist und sie es nicht wird. Klaas Knot, der ehemalige Notenbankchef der Niederlande, der ebenfalls zu den potentiellen Kandidaten für die Lagarde-Nachfolge gehört, meint aber, die Entscheidung sei noch nicht gefallen.
Nagel scheint weiter interessiert
Bundesbankpräsident Joachim Nagel hatte zuletzt im Interview mit der Zeitung „Le Monde“ noch mal angedeutet, er sei weiter interessiert. Dazu sagt er in solchen Fällen höflicherweise aber immer dazu, dass die anderen im EZB-Rat das sicher auch gut könnten und auch manche Externe.
In den bisweilen als „polls“ bezeichneten Umfragen der Nachrichtenagentur Bloomberg unter EZB-Beobachtern lagen zuletzt der frühere spanische Notenbankchef Pablo Hernández de Cos und Knot vorn. De Cos und Knot sind mittlerweile von ihren Regierungen mehr oder minder offiziell als Kandidaten für die Lagarde-Nachfolge nominiert worden. In Deutschland scheint es so zu sein, dass Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) durchaus Nagel (ebenfalls SPD) unterstützt, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) aber nicht. Ohne den Kanzler dürfte da aber nicht viel gehen.
Merz trifft sich mit EZB-Räten
Vor der nächsten EZB-Zinssitzung am kommenden Donnerstag will Merz sich jetzt mit Mitgliedern des EZB-Rates treffen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg erfuhr. Als Merz-Position gilt: Solange Deutschland mit Ursula von der Leyen (auch CDU) die Kommissionspräsidentin stellt, hat das Land auf einen weiteren so wichtigen europäischen Posten keine Chance. Das Argument, dass Deutschland als eines der großen Länder nach mehr als einem Vierteljahrhundert Europäische Währungsunion noch nie den EZB-Präsidenten gestellt hat, gilt gleichwohl auch als stark. Der ehemalige Merkel-Berater Lars-Hendrik Röller hatte es in die Debatte eingebracht.
Vieles könnte dafürsprechen, dass die Lagarde-Personalie zusammen mit weiteren im Paket entschieden wird. Unter anderem hört auch der in der Notenbank wichtige Chefvolkswirt Philip Lane auf. Weil Lagarde selbst keine Ökonomin ist, hatte er von Anfang an eine zentrale Rolle.
Spaniens Ambitionen
Zum Personalkarussell in der EZB gehört auch, dass der bisherige Vizepräsident Luis de Guindos, ein Spanier, durch den Kroaten Boris Vujčić ersetzt wurde. Wenn man so will, hätte Spanien damit ein EZB-Direktoriumsmitglied gut. Das könnte für de Cos, der als Pragmatiker gilt und der im Moment Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ ist, als EZB-Präsidenten sprechen.
Es gab immer mal Spekulationen, Deutschland könnte eher für Knot als für de Cos sein, weil der Niederländer eine Art Bundesbank-DNA habe. Zu Zeiten des früheren Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann hatte Knot im EZB-Rat bisweilen mit ihm für die harte Linie gestimmt. Von solchen Erwägungen hört man derzeit aber eher wenig.
Spannend ist natürlich, was all diese Veränderungen für die Linie der EZB bedeuten. Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat mithilfe von Künstlicher Intelligenz die geldpolitische Linie verschiedener EZB-Räte aus deren öffentlichen Reden und Interviews analysiert. Insbesondere die vier Kandidaten für die Lagarde-Nachfolge de Cos, Knot, Nagel und Schnabel in deren gemeinsamer Ratszeit nahm er in den Blick. Er kam zum Ergebnis, es habe sich im Laufe der Zeit verändert, wer eher als „Falke“, also pro straffe Geldpolitik, oder als „Taube“, pro lockere Geldpolitik, auftrat (siehe Grafik).
Spätestens seit der Österreicher Robert Holzmann weg ist, hat Schnabel, die sich früher auch schon anders geäußert hatte, von allen im Rat am ehesten für Zinserhöhungen plädiert. „Mit ihrem Weggang würde das EZB-Direktorium nicht nur ein Mitglied mit exzellenter Expertise für Geldpolitik und Finanzmärkte verlieren“, sagte Heinemann: „Schnabel hat sich noch dazu seit der großen Inflation 2021/2022 im EZB-Rat zur Speerspitze der Falken entwickelt.“
Etwas weniger dramatisch sieht die Veränderung Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Schnabel haben wir als ‚moderaten Falken‘ eingruppiert.“ Für sich genommen, schwäche ihr Weggang das Falken-Lager, sofern sie nicht durch ein ähnlich ausgerichtetes Direktoriumsmitglied ersetzt werde. „Ansonsten haben die personellen Änderungen nichts Wesentliches am Übergewicht der Tauben geändert“, meint Krämer: „Dabei dürfte es bleiben, weil die hoch verschuldeten Staaten ein Interesse an eher niedrigen EZB-Leitzinsen haben.“
