Die israelische Armee hat kürzlich eine neue Bedrohung im Gazastreifen ausgemacht. Vier kleine Flugdrachen waren vor anderthalb Wochen in angrenzenden israelischen Gegenden gelandet. Die Bewohner waren alarmiert: Vor einigen Jahren waren mit brennbaren Stoffen bestückte Drachen und Ballons aus dem Gazastreifen herübergeflogen, die Feuer auf Feldern verursachten. Bei manchen kamen sogar Erinnerungen an den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 hoch. Die aufgefundenen Drachen waren harmlos. Eine Vereinigung von Bewohnern forderte die Armee dennoch auf, die Vorfälle „unverzüglich“ zu untersuchen und „diesen Trend zu stoppen“.
Mehrere Tage lang waren die selbst gebastelten Drachen – von mindestens zehn ist die Rede – ein Top-Thema in Israel. Zeitungen warnten vor „Drachenterrorismus“. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz drohten in einer Erklärung: Wenn die Hamas weiter Drachen oder Ballons und Drohnen schicke, werde die Armee zurückschlagen und Zivilisten aus den Gebieten vertreiben, aus denen die Flugobjekte kommen.
Die Hamas wies die Anschuldigungen von sich. Die Drachen seien „von Kindern aus Gaza gestartet worden, die inmitten der Trümmer nach ihrer unschuldigen Kindheit suchen“, sagte Bassem Naim, ein ranghoher Vertreter der islamistischen Organisation. Lokale Komitees warnten Eltern dennoch, sie sollten ihre Kinder zu deren Sicherheit davon abhalten, Drachen steigen zu lassen. Sogar die Vermittlerländer Ägypten, Qatar und Türkei hätten sich nach einer israelischen Beschwerde bei Donald Trumps „Friedensrat“ eingeschaltet, hieß es.
Eine Provokation der Hamas oder ein Vorwand für Israel?
Handelt es sich um Angriffsvorbereitungen der Hamas? Reagiert Israel über und nimmt Kindern im Gazastreifen das wenige Vergnügen, das sie haben? Will die Hamas gezielt provozieren und animiert Kinder dazu, die Drachen steigen zu lassen? Oder sucht Netanjahu nach einem Vorwand, den Krieg wiederaufzunehmen? Fest steht, dass die Besorgnis in Israel über ein mögliches Wiedererstarken der Hamas zunimmt. Die Aufregung über Flugdrachen ist nur ein Anzeichen dafür.
An sich sollten die Islamisten schon längst nicht mehr regieren. Die Hamas von der Macht zu vertreiben, war nicht nur eines der erklärten Kriegsziele Israels; die Übergabe der Regierungsverantwortung ist auch Bestandteil von Trumps Gazaplan vom vergangenen Oktober. Und auf dem Papier hat die Hamas dem auch zugestimmt und im Juli sogar die Auflösung ihrer Regierung bekannt gegeben.
Dennoch ist sie noch da – wenn auch nur in dem Teil des Gazastreifens, der nicht von der israelischen Armee besetzt worden ist. Laut Trumps Plan umfasst dieser manchmal auch „rote Zone“ genannte Teil 47 Prozent des Gebiets. In der Praxis sind es inzwischen weniger, weil die israelische Armee die „gelbe Linie“ – die Grenze zwischen der „roten Zone“ und dem von ihr besetzten Gebiet – seit der Waffenruhe schrittweise vorgeschoben hat und inzwischen mehr als 60 Prozent des Küstenstreifens kontrolliert.
Geld wäre da, aber die Umsetzung von Trumps Plan stockt
In der „roten Zone“ leben weiterhin rund zwei Millionen Palästinenser unter teilweise erbärmlichen Bedingungen. Mehr als 80 Prozent der Gebäude sind laut Angaben von Hilfsorganisationen zerstört oder beschädigt, ebenso wie die wirtschaftliche Infrastruktur, Versorgungseinrichtungen, Schulen und Krankenhäuser. Fast alle Bewohner sind auf Unterstützung angewiesen.
Die internationale Gemeinschaft steht bereit, ihnen zu helfen. Jenseits der bestehenden humanitären Hilfe haben Deutschland und andere Länder über die UN und die Europäische Union Hunderte Millionen Dollar zugesagt, um schnelle Wiederaufbaumaßnahmen zu finanzieren, sogenannte Early Recovery. Aber es geht nichts voran – weil die Umsetzung von Trumps Gazaplan stockt. Israel blockiert den Truppenabzug und den Wiederaufbau sowie alle weiteren Schritte, solange die Hamas nicht vollständig entwaffnet ist.
Der Streit darüber währt seit Monaten. Ende Juli schien es Fortschritte zu geben, als Trump verkündete, sein Friedensrat habe einen „Fahrplan“ zur Umsetzung seines Gazaplans ausgehandelt. Die Hamas und andere bewaffnete Gruppen stimmten der 15 Punkte umfassenden Roadmap zu. Einer davon sieht die Abgabe schwerer Waffen vor, verbunden mit einem schrittweisen israelischen Abzug. Netanjahu lehnte den Plan jedoch ab. Die Armee „wird keinen Rückzug durchführen, solange die Hamas nicht entwaffnet ist“, verkündete er Anfang August. Zudem müsse es sich um eine „echte Entwaffnung“ handeln – einschließlich leichter Waffen.
Netanjahu fürchtet Zugeständnisse vor der Wahl
Die Hamas kritisierte das israelische Nein und bekannte sich neuerlich zur Roadmap. Zugleich verkündete sie, dass sie ihre Waffen erst dann abgeben werde, wenn auch Israel seine Verpflichtungen erfülle – auch wenn Mitglieder des Friedensrats wie Trumps Schwiegersohn Jared Kushner forderten, dass sie schon jetzt mit der Entwaffnung beginnt. Die Islamisten hätten „sehr clever agiert“, sagt ein europäischer Diplomat in Jerusalem. „Indem sie der Roadmap zugestimmt haben, haben sie den Spieß gegen Israel umgedreht.“
Einstweilen ist die Lage also unverändert: Während die Hamas ihre Waffen behält, attackiert Israels Armee weiterhin regelmäßig Ziele im Gazastreifen – in der Regel verbunden mit vagen Angaben, sie hätte Bedrohungen ausgeschaltet. Die palästinensische Technokratenregierung (NCAG), die laut dem Gazaplan die Verwaltung übernehmen soll, wartet in einem Hotel in Kairo darauf, dass Israel sie einreisen lässt. Die Internationale Stabilisierungstruppe (ISF) ist noch nicht einsatzfähig. Und die Einfuhr von Hilfsgütern bleibt ein umstrittenes Thema.
„Die Hamas hat dramatische Verluste erlitten“
Beobachter erwarten nicht, dass sich daran bis zur Parlamentswahl in Israel Ende Oktober grundsätzlich etwas ändern wird – denn Netanjahu fürchtet Zugeständnisse als Gesichtsverlust. Das heißt aber auch: Die Hamas bleibt bis auf Weiteres die Regierungsmacht in der „roten Zone“.
Sie hat allerdings keinen so festen Zugriff mehr wie noch vor einigen Jahren. Ihre militärische Führung ist im Gazakrieg fast vollständig ausgelöscht worden, auch mehrere politische Anführer sind nicht mehr am Leben. Das Waffenarsenal ist dezimiert. Mit den externen Unterstützern Iran und Qatar gibt es Konflikte. Von Geldnot ist die Rede, welche die Hamas durch hohe Steuern zu lindern sucht.

Der israelische Sicherheitsanalyst Michael Milshtein sagt, es bestehe „kein Zweifel“, dass man es nicht mehr mit derselben Hamas zu tun habe wie vor dem 7. Oktober. „Sie haben wirklich dramatische Verluste erlitten.“ Fast 90 Prozent der Kämpfer, die am 7. Oktober 2023 im Einsatz waren, lebten nicht mehr, sagt Milshtein, der das Forum für Palästina-Studien an der Universität Tel Aviv leitet und für den Militärgeheimdienst gearbeitet hat. „Ich glaube, jede andere Armee wäre in so einer Situation zusammengebrochen.“
Die Hamas sei aber eine „sehr flexible Organisation“, und sie rekrutiere erfolgreich neue Mitglieder. Heute hat die Gruppe Schätzungen zufolge zwischen 25.000 und 27.000 Kämpfer – nicht allzu viel weniger als die mutmaßlich 35.000 vor dem Krieg. Der Nachwuchs sei überwiegend unerfahren, sagt Milshtein – „aber sie strotzen vor ideologischem Enthusiasmus, sodass sie in der Lage sind, die Bewegung stabil zu halten“.
Ob diese Hamas eine ernsthafte militärische Bedrohung für Israel darstellt, ist fraglich. Sie verfügt vermutlich nur noch über wenige Raketen, der letzte Abschuss liegt Monate zurück. Allerdings hat die Hamas Milshtein zufolge eine eigene Einheit eingerichtet, die nicht explodierte Munition einsammele und daraus neue Sprengsätze baue. Damit könnte sie gepanzerte Fahrzeuge ins Visier nehmen.
Im Gazastreifen gilt „das Gesetz des Dschungels“
Die israelische Armee berichtete jüngst auch über eine Waffenfabrik. Und im Zusammenhang mit den Flugdrachen gibt es Befürchtungen, diese könnten ein Test für den Einsatz von First-Person-View-Drohnen (FPV) sein. Mit solchen Drohnen, die mit Sprengsätzen beladen sind und über ein extrem dünnes, über eine Spule abgerolltes Glasfaserkabel gesteuert werden, hat die libanesische Hizbullah der Armee jüngst große Schwierigkeiten bereitet.
Die Rekrutierung und Wiederaufrüstung dürften aber noch einem anderen Zweck dienen: Die Hamas will sicherstellen, dass sie ihre faktische Kontrolle über den Gazastreifen vorerst aufrechterhält. Dort herrschen Beobachtern zufolge teilweise chaotische Zustände. Von Raub, Mord und Entführungen ist die Rede, von fragmentierten Machtstrukturen.
In Gaza gelte gerade „das Gesetz des Dschungels“, sagt der palästinensische Politikanalyst Omar Shaban. Zahlreiche Akteure versuchten, Einfluss zu gewinnen oder Geld zu machen: „Es gibt die Mafia, es gibt Banden, es gibt Großfamilien, es gibt Milizionäre, die ins Geschäftsleben gewechselt sind und Geld verdienen wollen, weil sie wissen, dass sie bald gehen müssen – es gibt einfach alles“, erläutert der in Kairo lebende Direktor der Denkfabrik Palthink for Strategic Studies. Auch die Allianzen seien vielgestaltig: Manche Großfamilien arbeiteten mit dem israelischen Militär oder Militärangehörigen zusammen, und einige Lebensmittellieferanten würden von bewaffneten Milizen unterstützt. Dabei geht es oft um Schmuggel.
Die Hamas ist bemüht, in dieser Situation nicht die Kontrolle zu verlieren. Der Sender Kanal 12 berichtete kürzlich, der israelische Geheimdienst halte die „Abschreckungsfähigkeit“ der Organisation für geschwächt. Man beobachte vermehrt Auseinandersetzungen zwischen Gruppen, bei denen auch Hamas-Mitglieder getötet würden. Die Islamisten versuchen, dem entgegenzuwirken, indem sie ihre Verbindungen zu Großfamilien und in Flüchtlingslager verstärken – teilweise durch Zuwendungen.
Sind chaotische Zustände für die Hamas ein Teil der Lösung?
Einer Mitte August veröffentlichten Umfrage zufolge hat die Popularität der Hamas deutlich gelitten. So waren im Gazastreifen nur noch 20 Prozent der Befragten der Meinung, sie habe den Krieg gewonnen – im Herbst 2025 hatten das noch fast doppelt so viele gesagt. Dennoch sei die Hamas im Gazastreifen weiterhin der populärste Akteur, ergab die von dem renommierten Forscher Khalil Shikaki durchgeführte Erhebung.
Dabei kommt ihr auch zugute, dass sie nach wie vor die Regierungsinstitutionen mit etwa 40.000 Beamten führt. Solange die Technokratenregierung nicht vor Ort sei, gebe es für die meisten Menschen einfach keine andere Option, sagt Politikanalyst Shaban: „Wer sonst kann die Versorgung gewährleisten, die Gesundheits- und Sozialdienste? Eine Gesellschaft muss regiert werden.“
Chaos ist für die Hamas also ein Problem – aber vielleicht auch ein Teil der Lösung: Wo Anarchie herrscht, suchen die Menschen nach geordneten Strukturen und klaren Machtverhältnissen. Der selbst aus dem Gazastreifen stammende Shaban sagt, dessen Bewohner wüssten zudem, dass der Mangel an Lebensmitteln, Arbeitsplätzen und Geld sowie die Korruption letztlich auf Israel zurückzuführen seien.
Von Israel geförderte Milizen bekämpfen die Hamas
Das gilt auch für einige der bewaffneten Gruppen, die zur Unsicherheit beitragen. Schon während des Gazakriegs hatte Israel lokale Milizen unterstützt, teilweise auch mit Waffen. Netanjahu selbst verkündete im Sommer 2025, man helfe den Milizen dabei, die Hamas zu bekämpfen. Das setzt sich bis heute fort. Mindestens fünf bewaffnete Gruppen im Gazastreifen werden von Israel unterstützt. Die Armee habe in dem von ihr kontrollierten Gebiet sogar eigene Lager für sie errichtet, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Recherche der Zeitung „Haaretz“. Die Autoren schreiben, die Zusammenarbeit sei so eng, dass man die Milizen faktisch als „operativen Arm“ der Armee und des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet betrachten müsse.
Die Milizen werden demnach für Kommandoaktionen gegen die Hamas in der „roten Zone“ eingesetzt. Am Dienstag wurde in einer spektakulären Aktion ein Hamas-Geheimdienstchef in Gaza-Stadt gefangengenommen und nach Israel gebracht. Auch wenn es offiziell inzwischen heißt, israelische Spezialkräfte hätten den Zugriff vollzogen, gehen Fachleute davon aus, dass eine der Milizen die Aktion durchgeführt hat oder zumindest daran beteiligt war.
Die Gruppen terrorisieren aber auch Zivilisten, vor allem in der Gegend der „gelben Linie“. Es gibt Berichte über Vertreibungen und Entführungen. Ein namentlich nicht genannter Luftwaffenoffizier beschrieb eine von ihm mittels einer Kampfdrohne überwachte Aktion einer Miliz gegenüber „Haaretz“ so: „Sie rannten einfach los und schossen auf die Menschen. Sie drangen in jedes Gebäude ein, plünderten alles, was sie in die Finger bekamen, kamen mit Bergen von Sachen wieder heraus – und steckten dann das Haus in Brand.“ Der Offizier äußerte sein Befremden darüber, dass er Milizen beschützen müsse, die Israel „ausschickt, um Kriegsverbrechen zu begehen“.
„Im Sand von Gaza begraben“
Die Hamas geht mit Härte gegen die Milizen vor, macht ihnen aber auch Angebote. Gerade erst seien mehrere Dutzend Mitglieder einer dieser Gruppen zur Hamas übergelaufen, hebt Michael Milshtein hervor. Für ihn sieht trotz der erfolgreichen Aktion vom Dienstag alles danach aus, als würde das Milizen-Projekt „im Sand von Gaza begraben werden“. Sie seien nicht in der Lage, die Machtbalance zu verändern, und unter Palästinensern sei ihr Ansehen schlecht – als Kollaborateure, aber auch, weil viele von ihnen Kriminelle oder Dschihadisten seien. „In Gaza wird offen darüber gesprochen, dass an dem Tag, an dem Israel sich von der ‚gelben Linie‘ zurückzieht, auch die Milizen besser verschwunden sein werden.“ Ihren Mitgliedern drohten ansonsten Verhaftung und Hinrichtung.
Der Ansatz, die Hamas schrittweise zu schwächen, funktioniere nicht, sagt Milshtein. „Es ist traurig für Israelis, das zugeben zu müssen“, sagt der Sicherheitsanalyst, „aber fast drei Jahre nach dem 7. Oktober – nachdem wir erklärt haben, dass wir sie zerschlagen, besiegen und vom Erdboden auslöschen würden – gibt es sie immer noch.“ Und nicht nur das, die Hamas schmiede sogar Zukunftspläne, wie an den geplanten palästinensischen Wahlen teilzunehmen. Seiner Meinung nach gebe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder müsse die israelische Armee Gaza komplett und dauerhaft einnehmen – das erlaube Trump aber nicht. Oder Israel müsse sich darauf einlassen, zur zweiten Phase des Gazaplans überzugehen.
Milshtein befürwortet die zweite Option – selbst wenn er sich sicher sei, dass die Hamas in diesem Fall einen Weg finden werde, ihre Waffen zu behalten. Denn die Islamisten hätten ihre Ambition nicht aufgegeben, die Führungsrolle in der palästinensischen Politik zu übernehmen.
