960 Jahre nach einem triumphalen Sieg und einer blutigen Niederlage empfinden England und Frankreich das Ergebnis als einen gemeinsamen Gewinn. Die leihweise Präsentation des französischen Wandteppichs von Bayeux, die von König Charles III. und Präsident Emmanuel Macron im British Museum in London eröffnet wurde, zelebriert die Schlacht von Hastings im Jahr 1066 als Beginn einer eng verschlungenen Beziehung, die bis in aktuelle Fragen hineinwirkt.
Der französische Präsident Emmanuel Macron überquerte binnen eines guten Jahres schon zum zweiten Mal den Ärmelkanal. Im vergangenen Sommer unternahm er einen offiziellen Staatsbesuch, dieses Mal übergab er symbolisch leihweise die gewebte Erzählung, welche die Geschichte der französisch-normannischen Eroberung im elften Jahrhundert festhält.
Vor einem Jahr empfing der britische König seinen französischen Gast zeremoniell auf Schloss Windsor – in jener Behausung, die der französische Wilhelm der Eroberer vor neun Jahrhunderten errichtete, um sein frisch erobertes Reich zu sichern. Jetzt wurde Macron vom neuen britischen Premierminister Andrew Burnham in dessen Dienstsitz in der Downing Street eingeladen, um aktuelle britisch-französische Themen zu erörtern: die illegale Migration über den Ärmelkanal und die Wiederannäherung Großbritanniens an die Europäische Union.
Ein britischer Wunsch seit fast einem Jahrhundert
Der Teppich von Bayeux hielt als Metapher her für die gegenwärtigen Beziehungen beider Länder. Die seien „genauso eng gewoben“ wie die Fäden des Wandbehangs, sagte Macron, und der König beteuerte, Großbritannien und Frankreich würden auch ihre Zukunft „gemeinsam weben“. Tatsächlich hatten der französische Präsident und die damalige Premierministerin Theresa May schon im Jahr 2018 beschlossen, die historische Bildergeschichte von Bayeux leihweise nach London zu verfrachten.
Das hatten die Briten sich schließlich schon fast ein Jahrhundert lang gewünscht (1931 gab es die erste Anfrage von britischer Seite), und Macron war geneigt, zwei Jahre nach dem Brexit-Beschluss des Jahres 2016 diesem Ansinnen endlich zu folgen – um die gerade aus der EU Ausgetretenen daran zu erinnern, dass sie dennoch zu Europa gehörten.
Dass es dann nochmals acht Jahre dauerte, bis die Franzosen den Teppich verpackt und versendet hatten, focht Macron nicht an. Gemessen am Alter des Exponats und an der Dauer der Debatte um seine Ausleihe sei das doch eine „speedy delivery“ – eine zügige Erledigung.
Der Transport des Teppichs von Bayeux nach London erwies sich als gewagtes Unterfangen. Das mit einer Schadenssumme von fast einer Milliarde Euro versicherte historische Kunstwerk reiste in einem Spezialcontainer in einem Lkw und nahm den Weg durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal. Fachleute warnten davor, der Kunstschatz werde Schaden nehmen. Macron zitierte im British Museum den Philosophen Samuel Taylor Coleridge und sprach von einer „willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“, um das fragile Kunstwerk sicher nach London zu bringen. Wenn es im Juli 2027 nach Bayeux zurückkehrt, wird Macron nicht mehr Präsident sein.

Charles III., der seine Ahnenreihe bis auf den normannischen Herzog Wilhelm zurückführen kann, der damals die englische Krone eroberte, warf einen ausführlichen Blick auf das bestickte Ausstellungsstück. Dann sagte er, es freue ihn immer, dem zu begegnen, „was ich als die französische Seite meiner Familiengeschichte bezeichnen möchte“.

Ein König aus dem Norden erobert eine Krone
Auch der neue Premierminister leistete sich einen Witz in Bezug auf den Teppich. Burnham, der bis vor Kurzem noch Bürgermeister des nordenglischen Manchesters gewesen war und das Amt des britischen Regierungschefs erst vor sechs Wochen erobert hat, sagte, eine Geschichte, wie sie der Teppich erzähle, sei heute doch ganz unvorstellbar: „dass da jemand aus dem Norden kommt und in den Süden zieht, um eine Krone zu erobern“.
Aber Burnham kam seinem französischen Gast am Mittwoch bei der Begegnung in der Downing Street vor allem mit freundschaftlichen Worten über die EU und über Frankreich entgegen. Es sei so passend, dass Macron der erste ausländische Staatschef sei, den er in London empfange, sagte Burnham und fügte als Erklärung an, er sei „schließlich unser nächster Nachbar“.

Burnham beteuerte, man wolle die Verbindung des Vereinigten Königreiches mit der Europäischen Union weiter „verstärken“. In den nächsten Monaten ist das zweite Gipfeltreffen der EU mit Großbritannien seit dem Brexit in Aussicht genommen – allerdings sind die Beschlüsse und Verabredungen des ersten Gipfels vom Mai 2025 noch lange nicht abgearbeitet.
Ein Film über Churchill und de Gaulle
Macron hob in London auch die große Übereinstimmung zwischen Paris und London in internationalen Fragen hervor, ob bei der Unterstützung für die Ukraine oder in Nahost. London hat wie Paris vor knapp einem Jahr den palästinensischen Staat anerkannt. Die beiden Nuklearmächte haben ihre Zusammenarbeit verstärkt und eine nukleare Steering Group außerhalb der NATO begründet. Sie führen die Koalition der Willigen für die Ukraine an. Die neue Wärme zwischen London und Paris hängt überdies auch mit einer Abkühlung im deutsch-französischen Verhältnis zusammen.
Die freundschaftlichen Gefühle in Frankreich wurden jüngst auch durch einen Kinofilm über Charles de Gaulle und Winston Churchill und deren Rolle im Zweiten Weltkrieg gestärkt. Das Drehbuch schrieb der französische Diplomat Antonin Baudry nach Recherchen des britischen Historikers Julian Jackson („A Certain Idea of France – The Life of Charles de Gaulle“).
In dem zweiteiligen Film, der in Frankreich mehr als fünf Millionen Kinogänger anlockte, wird das Vorgehen der Vereinigten Staaten kritisch dargestellt und das einzigartige Verhältnis zwischen de Gaulle und Churchill beleuchtet. Der Film, der gerade erst in britischen Kinos angelaufen ist, passt in die Zeit der Entfremdung von den Vereinigten Staaten und rehabilitiert Großbritannien und de Gaulles Frankreich als eigentliche Schutzmächte der Demokratie.
Macron äußerte in London die Hoffnung, dass die „Geste des Vertrauens und der Freundschaft“ auch das Bewusstsein schärfe, dass beide Länder für Rechtsstaatlichkeit, Multilateralismus und Freiheit einstehen. Auf Macrons Besuch folgt an diesem Freitag der des Vorsitzenden des Rassemblement National (RN), Jordan Bardella. Der 30 Jahre alte Politiker soll französischer Premierminister im Falle eines Präsidentenwahlsiegs Marine Le Pens werden. Der britische Rechtspopulist Nigel Farage hat ihn zu einem Auftritt auf dem Parteitag seiner Partei Reform UK in Birmingham eingeladen.
