Kunst ist das Gegenteil von gut gemeint: Hier liegt die Crux des vorliegenden Buchs, das, obwohl gut geschrieben und hervorragend übersetzt, entweder übers Ziel hinausschießt oder dahinter zurückfällt – beides läuft auf das Gleiche hinaus. Anstatt sich selbst zu tragen und die Schlussfolgerung den Lesenden zu überlassen, wird mehr erklärt als erzählt. Der Rücken einer Frau zum Beispiel wird charakterisiert als „Körperpartie, die sich entlang der Wirbelsäule bis zu den Lenden erstreckt“. Und als hätten Leserinnen und Leser noch nie von der Schweiz gehört, heißt es: „Die Schweizer Kühe geben die Milch für die Herstellung des würzigsten Käses und der köstlichsten Schokolade der Welt. (…) Die Devise ‚Wer den Rappen nicht ehrt, ist den Franken nicht wert‘ macht aus diesem kleinen Land das reichste Europas, wenn nicht sogar der Welt!“

Worum geht es? Der Roman beginnt in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, genauer gesagt in der Plaine du Cul-de-sac, einer fruchtbaren Ebene, die im achtzehnten Jahrhundert ganz Frankreich mit Zucker versorgte, damals ein Luxusgut, an dem sich die Bourgeoisie der Hafenstädte und aristokratische Großgrundbesitzer bereicherten. Dieser Oberschicht entstammt der Protagonist Austin de Drouillard, der seine fiktiv aufgehübschte Autobiographie erzählt: Die Mutter war angeblich eine Nachfahrin der Arawak, Ureinwohner Haitis, die nach der Landnahme durch Kolumbus restlos ausgerottet wurden, weniger mit Feuer und Schwert als durch aus Europa eingeschleppte Krankheiten.
Damit nicht genug, führt der Ich-Erzähler seine Herkunft auf eine Ethnie im Landesinnern des heutigen Mali zurück, die Dogon, Lieblingskinder französischer Ethnologen, deren Kosmologie die Mär außerirdischer Besucher inspiriert hat – siehe Erich von Däniken.
Am Übervater führt kein Weg vorbei
Dass es sich um ein Konstrukt handelt, mit dessen Hilfe der Autor sich auf die Seite aus Afrika verschleppter Sklaven und ihres mündlich tradierten Wissens schlägt, liegt auf der Hand. Das ist nur eine Ungereimtheit des Texts, denn nach einem Putschversuch gegen den Tyrannen „Papa Doc“ Duvalier löscht dessen Terrormiliz, genannt Tonton Macoute, Austins Familie aus. Nur der Sohn überlebt das Massaker, wird von seinem Schweizer Onkel in Obhut genommen und bekennt sich fortan, unter dessen Einfluss, zum Judentum. Dass Papa Docs Schergen Sonnenbrillen tragen wie in der Verfilmung von Graham Greenes „Comedians“ ist nur ein Klischee, das der Text bedient, der zwei sich ergänzende und verstärkende Opfernarrative zusammenführt.
So viel zum ersten, in Haiti spielenden Teil des Buchs. Erst in der zweiten Hälfte, wo der Ich-Erzähler seine Kindheit in Basel und den Besuch einer Pariser Eliteschule schildert, nimmt der Roman Fahrt auf, weil es hier anstelle von Ursprungsmythen um nachprüfbare Erinnerungen geht. Statt die Leser mit Pseudogewissheiten zu nerven, wirft der Autor Fragen auf, die er nicht beantworten kann, solange sein Übervater ihm den Blick auf die eigene Person verstellt. Bobby, so heißt der reiche Onkel, erweist sich am Ende als Erzeuger, sprich Vater des kleinen Austin, was dessen ödipale Bindung vertieft: „Sicher ist hingegen, dass ich mir unaufhörlich den Kopf zerbreche mit Fragen zu meiner Rasse, meiner Religion, meiner Zugehörigkeit. (…) Anstatt auf Teufel komm raus meine aristokratischen Wurzeln zu besingen, hättest du mich daran erinnern können, dass ich letzten Endes gar kein Jude bin, dass ich schlicht keine Religion, wohl aber eine doppelte kulturelle Zugehörigkeit habe.“
Das romantische Wesen des deutschen Terrorismus
Zur Flucht aus dem Double-Bind von Liebe und Hass gibt es, dem Zeitgeist von 1968 entsprechend, zwei Wege: Sex und Politik. Ersterer in Gestalt junger Jamaikaner, deren phallisches Imponiergehabe sich Austin zu eigen macht: „Hoch lebe mein Körper und meine Sexualität! Einzig an der Ausbuchtung des Hosenstalls, den ich stolz in Szene setzte, war der Geschlechtsunterschied zu erkennen.“
Der zweite Weg führt nach Berlin, wo er – man höre und staune! – Ulrike Meinhof, Horst Mahler und Andreas Baader begegnet, die aus christlicher Nächstenliebe zu Terroristen werden – blauäugiger geht’s nicht: „Andreas (…) versprach, mir eines Tages die DDR und ihr sozialistisches, viel menschlicheres System zu zeigen. (…) Aber hinter seinem aggressiven und wahrlich antisozialen Äußeren verbarg sich ein sanftes, großherziges und romantisches Wesen.“
Austin de Drouillard starb kurz vor Erscheinen seines Buchs. Erst im Schlussteil des Romans gelingt ihm der Ausbruch aus dem faradayschen Käfig seiner multiplen Identität, und der Text hebt exemplarisch ab: „Ich sprach (…) von meiner Mutter, ihrem Gesicht, ihrem Duft, der mich im Schlaf in der Nase kitzelte; (…) vom Studium, das ich nicht abgeschlossen hatte; vom Formalingeruch, den ich nicht ertragen konnte; (…) vom Höllenfeuer, von der Thora, der Halacha, vom Jom Kippur, vom Levitikus 16, den Bobby mir nochmal genauer erklären müsste.“
Jean-Raoul Austin de Drouillard: „Im falschen Leben“. Eine Jugend.
Aus dem Französischen von Steven Wyss. Lenos Verlag, Zürich 2026. 229 S., geb., 26 Euro.
