Sie blüht in einem eingefassten Beet am Fuß der Schlossmauer von Oberwiederstedt. Ihr Kelch ist kompakt und kräftig, ihr Lavendelblau schimmert vor der Hauswand aus groben Feldsteinen und großen restaurierten Sprossenfenstern. Die Rose ist eine noch recht junge Züchtung, sie entstand vor gut 15 Jahren. Ihr Schöpfer taufte sie „Novalis“.
Kein Zufall, dass sie diesen Namen trägt, dass sie an dieser Stelle wächst und dass sie an diesem Mittag von einer ehrenamtlichen Gärtnerin versorgt wird. Hier, in einem zum Garten hin gelegenen Zimmer des Schlosses, wurde 1772 Friedrich von Hardenberg geboren, der sich als Dichter „Novalis“ nannte. In seinem kurzen, erstaunlich produktiven Leben schuf er mit der Blauen Blume aus dem 1802 postum erschienenen Roman „Heinrich von Ofterdingen“ ein weltweit bekanntes Symbol romantischer Sehnsucht, das seitdem nicht nur den Züchter der lavendelfarbenen Rose inspirierte. Auf Novalis und seine vieldeutige Blume berufen sich die unterschiedlichsten Menschen, von linken Utopisten bis zum rechten Rand des politischen Spektrums.
Die „IG Novalis“ rettet ein Schloss
Aber auch das Engagement der freiwilligen Helferin steht für eine Kultur, die diesen Ort bis heute prägt. Ohne sie wäre das im 15. Jahrhundert errichtete Schloss mit seinem charakteristischen rechtwinkligen Grundriss schon längst verschwunden. 1945 enteignet, wurde es als Flüchtlingsunterkunft und später als Altersheim genutzt. Als es in den letzten Jahren der DDR heruntergekommen und zum Abriss vorgesehen war, gründete sich im Tausend-Einwohner-Dorf Wiederstedt in Sachsen-Anhalt eine „Interessengemeinschaft“, die für den Erhalt kämpfte, nachdem ein Teil eines Flügels des ehemaligen Herrenhofs bereits verschwunden war, und sanierte das übrig gebliebene Gebäude in geschätzt 25.000 Arbeitsstunden. Ihr Name: „IG Novalis“.
Deren Leistung ist die Grundlage für alles, was seither mit und in dem Schloss geschehen ist. Dort hat heute die Internationale Novalis-Gesellschaft ihren Sitz, eine private Stiftung namens „Wege wagen mit Novalis“ unterstützt seit 2001 Forschung, Ausstellungen und Projekte im Zusammenhang mit dem Dichter und seinem Haus, das seither umfassend restauriert und wiederhergestellt ist – auch der gestutzte Flügel ist wieder ergänzt.

Trotzdem sind die Wunden, die Vernachlässigung, Vandalismus und Diebstahl geschlagen haben, noch sichtbar. Durch die Enteignung wurde die bewegliche Habe der Hardenbergs so wie die vieler anderer Adelsfamilien im heutigen Sachsen-Anhalt gesammelt nach Schloss Moritzburg gebracht, darunter insgesamt etwa 7800 Bilder. Auch die Ahnengalerie von Schloss Oberwiederstedt gelangte dorthin und mit ihr das ikonische Porträt des Dichters – das einzige erhaltene, das ihn zeigt.
Viele dieser Bilder wurden verkauft, an andere Institutionen verteilt oder vernichtet. Knapp 1100 landeten wohl erst im Keller und später auf dem Dachboden der Moritzburg – aus dem Rahmen geschnitten, gefaltet, gerollt und von Schädlingen befallen –, wo sie erst kurz vor der Jahrtausendwende entdeckt wurden. 14 Gemälde aus Oberwiederstedt kamen bereits 2010 ins Schloss zurück, fünf weitere, aufwendig restauriert, erst im vergangenen Jahr. Nun hängen sie miteinander in einem Saal, Novalis’ Bruder Georg Anton von Hardenberg, blass, die spitzen Finger auf zwei Bücher gelegt, und mit ihm seine Kinder Maria Caroline und Hans Christoph, die ihren früh verstorbenen Vater kaum gekannt haben. Und schließlich deren müde Großmutter Bernardine Augusta, die so viele tote Kinder betrauern musste, auf dem Schoß ihren Enkel. Die rohe Behandlung nach der Enteignung sieht man dem Bild noch heute an.
Tillschneider sieht die AfD als „Partei der Romantik“
Das Schloss, das mit seinen Veranstaltungen für Erwachsene und Kinder Stammgäste aus dem Dorf ebenso anzieht wie aus der weiten Welt und dabei auch mit dem renommierten Jenaer Zentrum für Romantikforschung zusammenarbeitet, steht für eine Erfolgsgeschichte. Wie viele andere kulturelle Institutionen in Sachsen-Anhalt stellt sich auch hier die Frage, was ein Wahlsieg der AfD am kommenden Sonntag für das Haus und seine Arbeit bedeuten würde.
Denn das Interesse der Partei an der literarischen Romantik und an Novalis im Besonderen ist bekannt. Ihr bildungspolitischer Sprecher im Landtag von Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, ernannte dort die AfD kurzerhand zur „Partei der Romantik“, weil diese „Strömung“ den „Nationalgedanken gefördert und durchdacht“ habe – dabei beruft er sich auf Novalis, den „Heinrich von Ofterdingen“ und „das schöne Symbol der blauen Blume“.
Wenn nur der Ritter weniger aggressiv gewesen wäre
Ganz abgesehen von der politischen Situation im zerstückelten Deutschland um 1800, die mit Blick auf einen deutschen „Nationalgedanken“ nur schwer auf die Gegenwart zu übertragen ist: Wie grotesk dieser Versuch ist, Novalis und sein Romanfragment für rechts außen zu vereinnahmen, von der blauen Blume ganz abgesehen, zeigt der Blick ins Buch selbst. Immer wieder ist dort vom Austausch der Kulturen die Rede, von der Sehnsucht nach der Ferne, hier vor allem nach dem Süden und dem Osten, und umgekehrt von dem heilsamen Einfluss, den Migranten auf die mittelalterliche deutsche Heimat des Heinrich von Ofterdingen haben. Er sieht die Kehrseite der zunächst gefeierten Kreuzzüge, er sieht das Elend des verschleppten morgenländischen Mädchens Zulima und erfährt von ihr die Vision einer Versöhnung der Kulturen und Religionen – wenn nur die christlichen Ritter weniger aggressiv wären!
Erst der Blick ins Weite, die Erfahrung fremder Länder, macht den Geschichtenerzähler, und ob der „Fremde“, von dem Heinrich die Geschichte eben der blauen Blume hört, unter einer AfD-Regierung die Chance bekommen hätte, sein Zaubermärchen in Heinrichs Thüringen zu erzählen, ist fraglich. Am Ende schließlich, in den Notizen zum nicht vollständig ausgeführten zweiten Teil des Romans, entpuppen sich viele Protagonisten als ausgesprochen fluid, als schwebende Erscheinungen, als Verkörperungen anderer. Grenzen sind fließend, heißt das, die zwischen Menschen und die zwischen Welten. Das ist ein Grundgedanke vieler romantischer Texte.
In einem Aufsatz bescheinigt der Journalist Jörg Scheller bereits 2019 der AfD einen sehr selektiven Blick auf die Romantik, deren Vertreter er als „hochgradig hybriden Haufen von polyamourösen Vagabunden, reaktionären Esoterikern, religiösen Wendehälsen, mystischen Freigeistern, zarten Dichterseelen“ und vieles mehr bezeichnet: „Als Individuen wie auch als Gruppe verkörpern sie eine Heterogenität, wie sie die AfD heute ablehnt.“
Deshalb wird man mit der Romantik nicht fertig, deshalb fasziniert sie so. Und deshalb ist Oberwiederstedt in tiefster Provinz ein Ort, der in seiner Weltoffenheit die Romantik verkörpert wie kaum ein anderer.
